Eine Insel, irgendwo in der Nordsee, wie man vermuten muss; denn dieser Film wurde auf Sylt und auf Norderney gedreht, und zwar mit, vor und hinter Häuserkulissen, wie man sie aus Lars von Triers „Dogville“ (2003) kennt. Schon deswegen hielten sich die Produktionskosten in Grenzen. Wenn man das attrappen- und puppenstubenhaft errichtete Dorf so sieht, es könnte auch als Kleinstadt in einem der früheren Clint-Eastwood-Western durchgehen, wo ja vieles auch namenlos und schon deswegen meistens in einem allgemeingültige Sinne zu verstehen ist.Ein Inseldorf also, irgendwann. Seine Bewohner könnten, ihrer Kleidung nach zu urteilen, aus dem vor- oder auch aus einem der davor vergangenen Jahrhunderte stammen; so reden die meisten von ihnen auch, bedacht, bedächtig, ein wenig gestelzt und in der Regel nur dann, wenn es etwas Wichtiges zu sagen gibt, das über Leben oder Weiterleben, Schicksal und Tod entscheiden könnte.Der Fährmann bringt ihn hin und holt ihn auch wieder ab: Hein. Was an den drei, vier Tagen dazwischen passiert, wird in zwei zähen, aber keine Sekunde langweiligen Stunden erzählt. Hein kommt vom Festland, aber nicht als Gevatter Tod mit der Sense, der hier eine mittelalterliche Straf- oder Säuberungsaktion durchzuführen hätte, sondern weil er glaubt, hierherzugehören, und es allen, vor allem denen, die es nicht hören oder nicht glauben wollen, und die sind in der Überzahl, auch immer wieder sagt: „Das ist meine Heimat.“ Insofern stimmt der Filmtitel gar nicht: „Der Heimatlose“.Hein hat andere SorgenHein war 14 Jahre weg, auf dem Festland eben, und hat sich naturgemäß etwas verändert. Er wird jetzt Anfang 30 sein, und wenn er sich nach den heimatlichen Maßstäben richten wollte, müsste er sich langsam nach einer Braut umsehen. Greta (die schöne Emilia Schüle) wäre im Prinzip genau die Richtige, aber die hat schon einen Sohn, trotzdem lassen die beiden es an tiefen Blicken nicht fehlen. Jedoch hat Hein ganz andere Sorgen: Er muss oder will wenigstens die von Haus aus lauernd-misstrauischen Dorfbewohner davon überzeugen, dass er der Sohn der schon etwas hinfälligen Mechthild (Irene Kleinschmidt) und der Bruder der deutlich jüngeren, aber schon zwei Kinder großziehenden, friesisch herben und natürlich blonden Heide (Stephanie Amarell) ist. Denn die meisten von ihnen erkennen ihn einfach nicht wieder, vor allem Friedemann nicht, einst bester, rothaariger Freund und nun, rotbärtig, härtester und seltsam gereizter Gegner (Philip Froissant); selbst Mutter und Schwester scheinen sich manchmal nicht ganz sicher zu sein, wenn sie sich ihren Hein so ansehen.Und hier kommt Gertrud (Julika Jenkins, in einer Rolle weit über ihrem tatsächlichen Alter absolut überzeugend) ins Spiel. Als graue Eminenz mit überlegenem Blick für das große Ganze und Ewige, vorurteilsos, aber eisern an hiesigen Gebräuchen festhaltend, beruft sie ein Gericht ein, vor dem Heins Herkunft geklärt und über sein weiteres Schicksal entschieden werden soll. Deswegen lautet der internationale Verleihtitel, richtiger, „Trial of Hein“. Die Frage, ob ein günstiger Verfahrensausgang für ihn überhaupt wünschenswert oder ob ein Frei- nicht eher durch einen Schuldspruch erreicht wäre – so karg, eng und festgelegt ist das Leben, dass man sich bald fragt, was er dort eigentlich wieder will, er kann ja schon den allgegenwärtigen Fischgeruch nicht ausstehen –, wird von der Wahrheitsfindung unterdrückt, für die drei Verhandlungstage angesetzt werden, an denen jeweils ein einschlägiges Ereignis aus dem tiefen Brunnen der Inselvergangenheit hervorgeholt wird, bei dem die Erinnerungen des Angeklagten mit denen von ausgewählten Zeugen abgeglichen werden.Die Frage des Pontius Pilatus: Was ist Wahrheit?Man könnte nun des Langen und des Breiten Überlegungen über „Erzählung“ oder über „Identität“, womöglich auch über Stadt-Land-Gegensätze anstellen; aber das wäre vielleicht etwas bieder, bräsig und ginge an dem tieferen Gehalt dieses bemerkenswerten Spielfilmdebüts von Kai Stänicke vorbei, der hier offenbar eigene Erfahrungen aus seiner sauerländischen Heimat hat einfließen lassen. Was ist Wahrheit? Die Frage des Pontius Pilatus stellt sich bei jedem Gerichtsverfahren, aber eine allgemeingültige Antwort darauf hat man bis heute nicht gefunden.Es wurde schon gelegentlich der Filmfestspielaufführungen des „Heimatlosen“ bemerkt, dass dem Inseldorf durch seine aufdringlich sichtbare Bauart etwas Exemplarisches eignet. Die wirft, nebenbei, die einzige, aber dann auch gleich sehr witzige, geradezu Mel-Brooks-hafte Stelle ab, an der Hein in einem dieser kulissenhaften Häuser ohne Wände und ohne Dach mit den Dorfbewohnern bei einem Doppelkorn so hitzig diskutiert, dass ihm der Kopf schwirrt und er „hinausgeht“ mit der Begründung, er brauche jetzt „frische Luft“.Aber vor allem Hein selbst, stoisch-stur von Paul Boche gespielt, ehemals Model, dessen mit hohen Wangenknochen ausgestattetes, nordisch-hartes Gesicht man in älteren Werbeclips für Boss oder Kenzo schon einmal gesehen haben könnte, will hier als über sich und vor allem über die Inselgemeinschaft hinausweisendes Beispiel betrachtet werden. An ihm werden diese Fragen durchgespielt: Woraus bestehen Erinnerungen; wie kommen sie zustande; wie verlässlich sind sie; und kann man sie überhaupt mit jemandem teilen, zum Abgleich bringen? Rückblenden geben gleichsam flirrende Einblicke in ein Dorfleben, das von kindlichem Sadismus und erwachsener Unerbittlichkeit, auch Verlogenheit geprägt ist und aus dem jemand Sensibles wie Hein durchaus beschädigt hervorgehen kann.Man wird es längst erraten haben: In den kunstfertig hörbar gemachten Seewind dieser stimmungsvollen Geschichte mischen sich Dörte-Hansen-Luft und Echos aus Filmen wie „Der einzige Zeuge“ (1985), „Brokeback Mountain“ (2005) und, geradezu aufdringlich, aus Jon Amiels „Sommersby“ (1993). Für einen Moment glaubt man tatsächlich, Hein würde, wie Richard Gere als Jack Sommersby, aufgehängt. Letztlich spielt es aber keine Rolle, ob unter Amish People, unter Cowboys oder unter Südstaatenfarmern – Konflikte und Korrelationen zwischen Heimatverbundenheit und Außenseitertum, zwischen früher Prägung und späterem Werden gibt es immer und überall. So wird dieser Film auch unter coming of age geführt, obwohl er mehr als das ist.Bezüglich der dann doch etwas überraschenden Aufschlüsselung sei lediglich darauf hingewiesen, dass dieser „Heimatlose“, der im Februar auf der Berlinale seine Premiere hatte, auch schon auf mehreren LGBTQ+-Festivals gezeigt wurde.
Was ist Wahrheit? "Der Heimatlose" im Kino
Zwei zähe, aber keine Sekunde langweilige Stunden: Kai Stänicke debütiert mit einer stimmungsvollen Seegeschichte, die aber keine Mordgeschichte ist – „Der Heimatlose“ kommt ins Kino.







