Viele der Opfer der Sturzflut in Nepal waren Pilger: Warum wollen so viele Hindus zum Berg Kailash?Nach der Katastrophe im Himalaja werden Hunderte Hindu-Pilger vermisst. Ihr Ziel war der 6638 Meter hohe Berg Kailash in Tibet. Er ist Hindus, Buddhisten und Jains gleichermassen heilig. Doch die Reise ist lang und gefährlich.28.08.2026, 15.09 Uhr4 LeseminutenDie Sturzflut hat viele Orte am Trishuli-Fluss verwüstet. Von Hunderten Menschen fehlt weiter jede Spur, darunter sind viele Pilger.Ezra Acayan / GettyEr sei glücklich, war das Letzte, was Anil Goyal seiner Frau Amita am Telefon sagte. Der pensionierte IT-Experte aus Virginia wollte mit einer neunköpfigen Pilgergruppe zum heiligen Berg Kailash in Tibet. Am Mittwochmorgen um 7 Uhr 45 war die Gruppe an der Grenze zwischen Nepal und China. «Wir überqueren gleich die Grenze. Wir werden bald zurück sein», habe der 67-Jährige gesagt, berichtete seine Frau Amita später der indischen Zeitung «Indian Express». Gegen 8 Uhr 45 zerstörte eine riesige Sturzflut den Grenzübergang. Seither gibt es keine Nachricht mehr von Goyal und seinen Freunden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Goyal ist einer von Hunderten Pilgern, die seit der Sturzflut im Himalaja vermisst werden. Allein aus Indien fehlt von 200 Pilgern jede Spur. Auch zahlreiche Amerikaner, Kanadier, Australier und Briten, die vermisst werden, wollten zum Berg Kailash. Viele von ihnen waren indischstämmige Hindus. Mehrere Pilgergruppen waren in Bussen von privaten Reiseagenturen im Trishuli-Tal unterwegs, als sich die Sturzflut ereignete. Es wird befürchtet, dass sie von der Flut aus Wasser, Eis und Geröll erfasst und fortgerissen wurden.Für Hindus ist der Kailash der Wohnort des Gottes Shiva, Buddhisten gilt er als Zentrum des Universums, und für Jains ist es der Ort, wo ihr erster Lehrer Erlösung fand. Allen drei Religionen ist der Berg daher heilig. Bei der Pilgerreise streben die Pilger danach, den 6638 Metern hohen Berg einmal zu umrunden. Der Kailash liegt in der chinesischen Region Tibet und ist nur in der warmen Jahreszeit erreichbar.Ein tibetischer Mönch steht vor einem buddhistischen Kloster in der Nähe des Kailash. Dieser ist Buddhisten, Hindus und Jains gleichermassen heilig.Jacky Chen / ReutersVerzögerungen sind eher die Regel als die AusnahmeBevor sie auf die Yatra genannte Wanderung starten, nehmen die Hindus ein reinigendes Bad im nahe gelegenen Mansarovar-See. Vom Dorf Darchen auf 4600 Metern Höhe führt der Weg dann im Uhrzeigersinn um den Berg Kailash herum. Die meisten Pilger benötigen für die 53 Kilometer lange Strecke drei Tage. Der höchste Punkt des Wegs liegt auf 5640 Meter Höhe. Während des Monsuns gibt es oft Regenfälle, welche die Pilgerreise erschweren. Zudem kommt es in der Regensaison auf dem Weg durch den Himalaja immer wieder zu Erdrutschen.Verzögerungen sind wegen der grossen Höhe und des oft schlechten Wetters eher die Regel als die Ausnahme. Wenn alles gut geht, dauert die ganze Pilgerreise zwei bis drei Wochen. Um aus Indien zum Kailash zu gelangen, gibt es für die Pilger zwei Optionen: Entweder sie gehen über die indische Regierung oder sie nehmen eine private Reiseagentur in Nepal. Das indische Aussenministerium organisiert jedes Jahr Pilgerreisen für 1000 Personen, die per Lotterie ausgewählt werden.Mit diesen offiziellen Touren können sie entweder über den Lipulekh-Pass in Uttarakhand im Westen oder über den Nathu-La-Pass in Sikkim im Osten nach Tibet reisen. Die Kosten liegen bei 200 000 Rupien – etwa 1700 Franken. Es ist aber schwierig, einen Platz auf einer dieser offiziellen Touren zu erhalten. Viele Pilger buchen daher die Reise über eine private Agentur in Nepal. Dies ist zwar um mehr als die Hälfte teurer, doch gibt es deutlich mehr Plätze.Ein Pilger passiert bei Nebel und Schnee den mit 5640 Meter höchsten Punkt auf der Wanderung um den Berg Kailash.ImagoDie Zahl der Pilger ist seit 2025 stark angestiegenBei den privaten Reiseagenturen können die Pilger wählen zwischen einer Route über Hilsa im fernen Westen Nepals und der Fahrt über den Grenzübergang Gyirong im Zentrum des Landes. Von Hilsa ist es zwar deutlich näher zum Berg Kailash, doch muss man fliegen, um dorthin zu gelangen. Nach Gyirong kann man dagegen auch den Bus aus Kathmandu nehmen. Mit Abstand die meisten Pilger wählen daher diese preisgünstigere Route zum Kailash. Vergangenes Jahr waren es über 13 500 – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr.Während der Covid-Pandemie war die Pilgerreise ausgesetzt. Der Grenzkonflikt zwischen Indien und China erschwerte ab 2020 die Reise zusätzlich. Erst nach der Entschärfung des Grenzstreits stieg die Zahl der Pilger aus Indien 2025 wieder deutlich an. Für dieses Jahr hat China für indische Staatsbürger eine Obergrenze von 24 000 ausgegeben. Reiseagenturen in Kathmandu berichteten von einer hohen Nachfrage von Pilgern und gewöhnlichen Touristen.Auch eine 25-köpfige Pilgergruppe aus dem südindischen Hyderabad war am Mittwoch auf dem Weg zum Kailash. Ihr Bus war auf der Strasse durchs Trishuli-Tal, als die Sturzflut über das Tal hereinbrach. «Wir hörten ein lautes Geräusch und binnen Sekunden war alles vor uns zerstört», berichtete der 50-Jährige Mallinath Kolkundi der indischen Zeitung «The Hindu». Der Fahrer habe zum Glück sofort reagiert und den Bus eine Strasse den Hang rauf gesteuert. So hätten sie überlebt.Zwei Busse vor ihnen seien hingegen fortgerissen worden, sagte Kolkundi. Der Ort, wo sie zuvor übernachtet hatten, sei ebenso zerstört worden wie der Grenzübergang, den sie später hätten passieren sollen. «Nichts deutete mehr darauf hin, dass sie jemals existiert hatten», sagte Kolkundi. Da die Flut viele Brücken und Strassen im Tal zerstört hat, können die Pilger vorerst nicht zurück. Doch immerhin sind sie mit dem Leben davon gekommen. Für die Angehörigen von Anil Goyal und anderen Vermissten bleibt derweil nur hoffen und beten.Passend zum Artikel
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