Für die Pilger, die auf der Suche nach einer religiösen Erfahrung waren, endete die Reise in den Himalaya in der Katastrophe. Wie die lokale indische und nepalesische Presse berichtete, befanden sich aufgrund der derzeitigen Pilgersaison viele der Opfer der Sturzfluten im nepalesischen Hochland auf dem Weg zur sogenannten Kailash-Mansarovar-Yatra in Tibet. Hindus glauben, dass der 6.638 Meter hohe Berg Kailash die Wohnstätte des Gottes Shiva und der Göttin Parvati sei. Das Wasser des Mansarovar-Sees soll die Gläubigen von ihren Sünden reinigen. Aber auch den Buddhisten, Jain und Anhängern der tibetischen Bön-Religion sind der Berg und der See heilig.Die spirituelle Reise nahm ihr jähes Ende, als sich am Mittwochmorgen zwischen 8.30 und 9.00 Uhr Ortszeit eine gewaltige Sturzflut in das Gebiet entlang der nepalesisch-chinesischen Grenze ergoss. Die Welle überrollte Dörfer, riss Häuser, Straßen und Fahrzeuge mit, als wären sie Spielzeuge. Neun Staudämme, 19 Brücken und 40 Kilometer Autobahn sollen zerstört worden sein. Die Zahl der Toten steigt bis zum Abend auf 162 in Nepal und drei in China. Mehr als 400 Touristen werden auf nepalesischer Seite vermisst, darunter 142 Inder sowie Touristen und Arbeiter aus Nepal, den USA, Malaysia, Großbritannien, Australien, den Niederlanden, Portugal, Südkorea, Südafrika und Italien. Satellitenbilder vor und nach der Sturzflut Satellitenbilder von der nepalesisch-chinesischen Grenze am 25. August 2026 vor und nach der Sturzflut Reuters Auf chinesischer Seite werden nach Angaben von Donnerstag weitere 558 Menschen vermisst, darunter 260 ausländische Staatsangehörige. Die Nationalitäten sind dabei noch nicht bekannt. Westliche Ausländer erhalten kaum Zugang in die streng kontrollierte Autonome Region Tibet, Journalisten schon gar nicht. Neben einheimischen Tibetern und chinesischen Arbeitern könnte es sich bei den vermissten Ausländern auf von China kontrollierter Seite vor allem um indische Pilger sowie Nepalesen handeln. Anfängliche Berichte, wonach Deutsche betroffen sein könnten, bestätigten sich nicht. Das Auswärtige Amt hat keine Kenntnis, dass deutsche Staatsbürger unter den Betroffenen seien.Eine Frau kann sich mit ihrem Sohn auf ein Dach rettenFür Nepal ist es die wohl schwerste Naturkatastrophe seit dem verheerenden Erdbeben im Jahr 2015. Besonders betroffen ist der Bezirk Rasuwa im Norden des Landes. Augenzeugen berichteten von dramatischen Szenen, die sich abgespielt hätten, als die Wasserwand den Berg herunterrollte. Eine Frau aus dem Bezirk Nuwakot schilderte der BBC, wie mehrere Familienmitglieder im Flutwasser verschwunden seien. „Mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ihre Kinder wurden alle mitgerissen. Sie konnten der Flut nicht entkommen“, berichtete sie. „Die Flut hat uns alles genommen.“ Als einzige in der Familie habe sie sich mit ihrem Sohn auf das Dach ihres Hauses retten könnten.Rajendra Dhungana, der Leiter der Zollbehörde von Rasuwa, sagte der „Kathmandu Post“, er habe zuerst gespürt, wie der Boden bebte. Als er nach draußen rannte, sah er eine Wasserwand, die eine Art Rauchwolke hinter sich herzog. „Es war die Flut, die wie eine riesige Welle anstieg und über den Markt hinwegfegte“, sagte Dhungana. „Innerhalb weniger Augenblicke war der Markt verschwunden.“ Allein an der Zollstation soll die Flut 300 Busse und Lastwagen mitgerissen haben.Auch am chinesischen Grenzübergang Gyirong in Tibet boten sich den Ersthelfern Bilder enormer Verwüstung. Gyirong ist der größte Grenzübergang zwischen China und Nepal. In den Ausbau der Anlage hat Peking im Rahmen seiner Seidenstraßen-Initiative viel investiert. Die Grenzgebäude waren brandneu. „Straßen wurden vollständig zerstört, Kommunikationsverbindungen unterbrochen und der Kontakt zur Außenwelt abgebrochen“, sagte ein chinesischer Soldat in Gyirong am Donnerstag dem Staatsfernsehen. Dort seien die Erdrutschablagerungen nach der Lawine jetzt „durchschnittlich über 1,5 Meter dick, stellenweise sogar über 2 Meter“.Gefahr weiterer Schlammlawinen durch instabile FelsenBilder von Überwachungskameras zeigen, wie die viele Meter hohe Schlammlawine am Mittwoch binnen Sekunden fortrennende Menschen, Busse, Straßenbelag und ganze Häuser mitriss. Auch das vielgeschossige zentrale Grenzgebäude wurde den Filmaufnahmen zufolge nahezu in ganzer Höhe getroffen, bevor die Kamera selbst von Schlamm verdeckt wird und nichts mehr zu erkennen ist. Die mehrgeschossige Grenzanlage und wohl die meisten Häuser der umliegenden Siedlung wurden weitgehend zerstört. Die Volksbefreiungsarmee ist in der Region stark präsent, da Peking Tibet als Militärregion beherrscht.Die Gefahr ist auch noch nicht gebannt. „Die umliegenden Berge sind extrem instabil und könnten jederzeit weitere Erdrutsche oder Einstürze erleiden“, warnte der chinesische Soldat. Die nepalesischen Behörden kündigten sofortige Rettungsarbeiten in den betroffenen Gebieten an. „In Zeiten einer solchen Katastrophe müssen wir alle zusammenstehen“, mahnte Ministerpräsident Balendra Shah in den sozialen Medien. Indien, die USA und China sagten ihre Unterstützung bei der humanitären Hilfe zu. Im Katastrophengebiet wird der Zugang aber durch meterhohe Schlammschichten blockiert.Während die Rettungsarbeiten anlaufen, ist noch immer nicht geklärt, was die Katastrophe genau ausgelöst hatte. Die nepalesische Regierung hatte zunächst erklärt, dass ein Erdbeben die Sturzflut ausgelöst habe. Die US-Erdbebenwarte USGS hatte um 8.37 Uhr ein Beben der Stärke 4,4 in dem Gebiet gemessen. Am Abend erklärte sie jedoch, dass ein Erdrutsch die Erschütterungen ausgelöst habe. Rijan Bhakta Kayastha zufolge, einem Klimaforscher und Professor der Universität Kathmandu, dürfte eine Eislawine den Fluss Lhende blockiert und damit die plötzliche Überschwemmung am Fluss Bhotekoshi ausgelöst haben. Es sei möglich, dass ein Teil eines Gletschers abgebrochen, in den dazugehörigen See gefallen sei und Eis- und Schlammlawinen in Bewegung gesetzt habe, sagte der Forscher der Zeitung „The Kathmandu Post“.Die Ursache war womöglich ein plötzlicher GletscherabbruchEine ähnliche plötzliche Überschwemmung habe sich auch vor einem Jahr am Fluss Bhotekoshi ereignet, bei der später ein Gletscherbruch als Ursache ausgemacht worden sei. Auch der Wissenschaftler Chen Pengfei von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften von der Wahrscheinlichkeit einer Eislawine aus. Chen sprach von einem „plötzlichen und raschen Abrutschen und Einstürzen von Gletschereiskörpern zusammen mit dem daran anhaftenden Felsuntergrund, Moränen und so weiter, ausgelöst durch verschiedene Faktoren“. Hochgebirgs-Eislawinen stürzen in Gletscherseen und erzeugen gewaltige Flutwellen, die die Seen schlagartig oder rasch zum Bersten bringen, sagte Chen der Zeitung „The Paper“.Die freigesetzten Wassermassen reißen loses Material mit sich und führen schließlich zu zerstörerischen Schlammlawinen. Wissenschaftlern zufolge führt der Klimawandel zum Abschmelzen der Gletscher und macht derartige Unglücke wahrscheinlicher. Ob dies in diesem Fall ein Faktor war, ließ sich zunächst jedoch nicht sagen. Regenfälle werden als Ursache ausgeschlossen, obwohl sich in Südasien gerade Monsun herrscht. In den vergangenen Tagen hatte es in der Region auch nicht übermäßig geregnet. Der Soldat im chinesischen Staatsfernsehen berichtete von leichtem Regen vor Ort bei Temperaturen um 15 Grad Celsius. „Das war kein gewöhnliches Hochwasser“, sagte der Forscher Kayastha.Darüber hinaus stellten lokale Medien nun die Frage, ob Anwohner des Katastrophengebiets vor Einbruch der Welle hätten gewarnt werden können. Dabei steht unter anderem der Informationsaustausch zwischen Nepal und China im Fokus, wo wahrscheinlich die Ursache der Katastrophe lag. Der ehemalige Leiter der Nationalen Behörde für Katastrophenvorsorge und -management, Anil Pokhrel, sagte der „Kathmandu Post“, die chinesische Seite habe das Thema in der Vergangenheit nicht ernst genug genommen. Ihm zufolge müsse endlich ein grenzüberschreitendes Frühwarnsystem geschaffen werden. Allerdings haben Nepal und China schon im Jahr 2019 ein Abkommen über die Zusammenarbeit bei der Katastrophenvorsorge und im Katastrophenschutz geschlossen.Für Warnungen kam die Sturzflut offenbar zu schnellAuch Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping hatte unmittelbar nach der Lawinenkatastrophe eine Stärkung der Überwachungs- und Frühwarnsysteme verlangt. Denn auch auf chinesischer Seite gab es zudem offenbar kaum Vorwarnzeit. Experten zufolge ist die Vorwarnzeit bei derartigen Ereignissen sehr knapp. „Wird eine Eislawine flussaufwärts entdeckt, bietet dies theoretisch etwa 20 Minuten Vorwarnzeit flussabwärts, sodass die Menschen evakuiert werden können“, sagte Kang Shichang, Direktor des Chengdu-Instituts für Gebirgsgefahren und Umwelt der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Da sich der Vorfall in einem abgelegenen und dünn besiedelten Gebiet in den Hochtälern des Himalaya ereignete, seien die bestehenden Überwachungsmethoden sehr begrenzt, sagte Kang.Zudem haben offenbar auch auf nepalesischer Seite installierte Geräte vor dem Eintreffen der Flut keine Warnungen gesendet. Binod Parajuli, leitender nepalesische Hydrologe der Abteilung für Hochwasservorhersage, sagte, die automatischen Hochwasserüberwachungsstationen, die im Oberlauf des Bhotekoshi-Flusses installiert waren, seien selbst von der Flut mitgerissen worden. „Keine der Stationen konnte uns eine Warnung senden“, sagte er.
Sturzflut in Nepal und Tibet: Ein Feld der Zerstörung
Eine Schlammlawine radiert im Himalaya ganze Dörfer aus. Mindestens 162 Menschen sterben, mehr als 1300 werden vermisst. Die tatsächliche Ursache ist noch unklar.











