Mario Voigt wird an diesem Vormittag im Thüringer Landtag ungewohnt emotional. Der Thüringer Ministerpräsident von der CDU ruft dem AfD-Landeschef Björn Höcke vom Rednerpult zu: „Sie werden mich nicht kleinmachen.“ Und: „Ihr Dreck wird unsere Demokratie nicht kaputtmachen.“ Höcke setze darauf, ihn so lange zu beleidigen, bis er aus der Haut fahre. Doch auch das werde dem AfD-Mann nicht gelingen.Voigt redet am Ende einer gut einstündigen Sitzung, in dem die AfD wie schon im Februar ein konstruktives Misstrauensvotum auf die Tagesordnung gesetzt hatte. Wie damals heißt der Gegenkandidat Höcke. Und am Ende bekommt er sogar das gleiche Ergebnis: 33 Stimmen für den Antrag, eine mehr, als die AfD Abgeordnete hat. 45 Stimmen hätte Höcke gebraucht, um Ministerpräsident zu werden. 87 von 88 Abgeordneten sind anwesend, zwei Stimmen ungültig. Nur die Zahl der Enthaltungen ist im Vergleich zum Februar gestiegen: von einer auf drei. Ein Erfolg für Höcke ist das kaum.Höcke bezeichnet Voigt als „Betrüger“Als erster Redner des Tages war Höcke den Ministerpräsidenten frontal angegangen. Er redet zunächst über dessen Doktorgrad, den ihm die TU Chemnitz entzogen hat. Das ist wie schon im Februar der Grund, auf den die AfD ihr Misstrauensvotum stützt. Voigt sei ein „Dieb geistigen Eigentums, ein Plagiator, ein Betrüger“, sagt Höcke. Er erinnert an die Reden und Gastbeiträge, die Voigt mit KI schreiben ließ, und an das Gutachten des Plagiatsjägers Stefan Weber, das mehr als 100 neue tatsächliche oder vermeintliche Fehler in der Doktorarbeit auflistet. Das Gutachten, im Mai von Weber und Höcke im Landtag vorgestellt, wurde von der AfD finanziert. Was er als Ministerpräsident in Thüringen anders machen würde, das sagt Höcke in seiner Rede nicht.Nach zehn Minuten kommt er auf den Punkt, der entscheidend dafür ist, ein Misstrauensvotum abermals zu diesem Zeitpunkt ins Feld zu führen: die Wahl in Sachsen-Anhalt am kommenden Sonntag. Höcke wendet sich an die 15 Abgeordneten vom Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). „Wenn Sie Voigt unterstützen, werden Sie den Einzug in den Landtag von Sachsen-Anhalt nicht schaffen“, prophezeit er. „Sie haben die Wahl: Requiem oder Renaissance.“Höcke klingt wie Sahra Wagenknecht, die das Thüringer BSW für alle Niederlagen der Partei verantwortlich macht. Er hatte Wagenknecht unlängst als Kandidatin für das Amt der Thüringer Ministerpräsidentin vorgeschlagen, was die BSW-Gründerin sogleich als vergiftetes Geschenk ablehnte. Denn sie weiß, dass sie nur geringe Unterstützung in der Thüringer BSW-Fraktion hat. Doch selbst die beiden Wagenknecht-Anhänger, die Voigt nicht mehr stützen wollen, hatten zuvor versichert, dass sie Höcke weder wählen noch sich der Stimme enthalten würden.Die schärfste Rede gegen Höcke kommt vom BSWDie schärfste Rede gegen Höcke hält Sigrid Hupach, die Fraktionschefin des BSW. „Sie können uns noch so viele Briefe schreiben, wir werden Sie nicht zum Ministerpräsidenten wählen“, beginnt sie ihre Rede. Höcke mache die staatlichen Institutionen verächtlich, er wolle nur zerstören und zersetzen, Menschen verunsichern und sie benutzen. „Ihnen geht es nur um Ihre Interessen und die ihrer Kumpanen aus der völkischen Parallelwelt“, sagt Hupach, die von 2013 bis 2017 für die Linke im Bundestag saß. Zudem betreibe die AfD eine neoliberale Wirtschaftspolitik, sei eine Partei, die die Reichen unterstütze. Hupach schließt: „Die BSW-Fraktion wird Sie einstimmig nicht zum MP wählen.“Ein besonderes Bild für das Vorgehen Höckes hat sich CDU-Fraktionschef Andreas Bühl ausgedacht: Höcke als Veranstalter einer politischen Kirmes. Wie auf einem Kirmes-Karussell bewege sich der AfD-Chef, die Musik werde schriller, das Karussell drehe sich schneller, „nur Ihrem Ziel kommen Sie nicht näher“, sagt Bühl zu Höcke. Das Amt des Ministerpräsidenten wolle er wie ein Rubbellos vergeben, mal an Wagenknecht, dann an einen namenlosen Experten, und weil er nur Absagen bekomme, dann doch wieder an sich selbst. Höcke sei nur noch „eine Schießbudenfigur in seinem eigenen Zirkus“. Wenn er so weitermache, dann könne er nur noch zum Kirmes-Clown werden, sagt Bühl, der daran erinnert, dass Höcke, der Voigt als „unehrenhaft“ bezeichnet hatte, zweimal wegen der Verwendung einer verbotenen SA-Parole verurteilt worden ist.Vom Budenzauber der AfD spricht der SPD-Mann Lutz Liebscher. Er wirft Höcke vor, das Instrument des konstruktiven Misstrauensvotums zu missbrauchen, das sicherstellen soll, dass ein Regierungschef nur abgewählt werden kann, wenn ein neuer gewählt wird. „Ihr Misstrauen ist destruktiv, es hat nur das Ziel, Chaos zu stiften“, sagt Liebscher. Christian Schaft von den Linken beklagt das „politische Schmierentheater“ der AfD; für einen Faschisten dürfe es keine Stimme der demokratischen Parteien geben. Höcke selbst ergreift nicht mehr das Wort. Das Karussell in Erfurt wird sich weiterdrehen.