Es ist keine unübliche Praxis, in literarischen Texten persönliche Schicksale mit dem gesellschaftspolitischen Kontext zu verflechten. Der am 3. März dieses Jahres verstorbene Peter Schneider hat das mit weitreichendem Erfolg getan. Nun versucht sich Mirko Bonné, Jahrgang 1965 und damit eine Generation jünger als Schneider, in seinem Roman „Kanzlerkino“ an einem Sittenbild für die erste Hälfte der Neunzigerjahre, auch „Wendezeit“ genannt. Dafür erfindet er den Ich-Erzähler Lutz Reinmar und einen Protagonisten namens Bernd Vomturm, beide tragen keine erkennbaren Züge des Autors.Mirko Bonné: „Kanzlerkino“SchöfflingReinmar und Vomturm waren in Karl-Marx-Stadt Kollegen, sie arbeiteten dort bei Sächsischglas Scheubnitz. Bis Vomturm im September 1989 ohne jeden Abschied via Prag in die BRD ausreiste. Reinmar blieb, defätistisch weiter funktionierend, bei seiner ihm intellektuell überlegenen Frau Susanna, einer Mathematikerin, und der gemeinsamen Tochter Cora. Im Westen stieg Vomturm, in der DDR-Firma noch Glasbaufacharbeitermeister, schnell zum Chef eines florierenden Glasbauunternehmens in Köln-Nippes auf. „Schon früh wusste ich von Bernd, dass ihn Glas wie kein anderer Stoff fesselte“, kommentiert Lutz früh im Buch. Obgleich sein Freund, hatte Reinmar, in der Personalabteilung tätig, als „IM Ingo“ der Stasi über Vomturm berichtet. Seine Bespitzelung wird er 1994 wieder aufnehmen, jetzt allerdings getrieben von dem Verdacht, dass Vomturm eine Vorgeschichte mit seiner Ehefrau verbinde. Glas mit all seinen Konnotationen wird zur Leitmetapher des Romans.Eine Bleibe für den Regierungschef à la Frank Lloyd Wright„Kanzlerkino“ setzt ein mit einem unerwarteten Brief – „Lieber alter Lutz, Du mein Gutster!“ – aus der Hauptstadt Bonn nach Chemnitz. Vomturm schreibt an Reinmar „etwa um die Zeit, als er nicht länger nur die Fensterfronten und Panzerglasschutzwand des Kanzlerbungalows wartete, sondern anfing, im Bungalow ein- und auszugehen“. Es folgen weitere, einigermaßen kryptische Botschaften, die Reinmar schließlich zu einer grotesken Spurensuche in Köln und Bonn veranlassen, die im Buch parallel geschildert ist. Hinter der gläsernen Fassade des Kanzlerwohnsitzes dringt Vomturm weiter vor zum Glutkern der Macht, deren Inhaber Viktor Breugel heißt (optisch und dialektal: Helmut Kohl). Hilfreich ist für den Aufsteiger aus dem Osten, dass er, ebenso geschmeidig wie attraktiv, die schöne und kapriziöse Erika Balthasar, genannt Erle, Schwester der Kanzlergattin Harriet, genannt Hasel, zur Geliebten gewonnen hat, die auch im Bungalow wohnt.Weil der Umzug der Bonner Regierung nach Berlin ansteht, träumt Vomturm, dem in der DDR ein Architekturstudium verwehrt war, mit Erle von einem Glaskasten am Wasser nach dem Vorbild von Frank Lloyd Wrights berühmtem Haus „Fallingwater“ in Pennsylvania. Diese neue Kanzler-Wohnstätte soll am Templiner See (im Roman ironisch: „Templinermeer“) nahe Potsdam entstehen. Breugel überzeugt der Plan nicht zuletzt, weil die Kanzlergattin unter Nyktophobie leidet (im genauen Gegensatz zu Hannelore Kohls bekannter Lichtempfindlichkeit), weshalb ständig alles in und um den Bonner Bungalow taghell beleuchtet sein muss, Lichtspiel im großen Stil. Der Kanzler seinerseits ist Cineast und sieht sich gern, gemeinsam mit dem Außenminister Kai-Volker Wenckstern (äußerlich: Hans-Dietrich Genscher), Filme im Dunkel des Vorführraums eines der Regierungsgebäude an, womöglich vom Autor gedacht als Sinnbild seiner Amtsführung. Für die Planung am „Templinermeer“ macht der Kanzler Vomturm, den er gern „Delatour“ nennt, zum persönlichen Referenten. So weit die gegebene Situation des Romans.Wo Fiktion und Realität kontraproduktiv im Zusammenspiel werdenIm Umfeld dieser längst nicht nur privaten Dynamiken ist eine vielköpfige Personnage aufgeboten, deren jeweiligen Funktionen im Handlungszusammenhang zu folgen einige Aufmerksamkeit erfordert. Und diese Gemengelage spielt sich vor der Folie der politischen Gesamtsituation ab, vor allem der Ost-West-Diskrepanz im wiedervereinigten Deutschland. Die zentrale Klimax bildet die Bundestagswahl im Oktober 1994 mit einem, zumal für den Kanzler, überraschenden Ergebnis. Was Bonné mit seiner Konstruktion deutlich anstrebt, ist eine Parabel auf ebenjene „Wendezeit“, und es gelingt ihm, allseitige Verstrickungen und teils traumatisierende Relikte der jüngeren Vergangenheit zur spannenden Lektüre zu bündeln.Eine Schwierigkeit deutet sich aber an, wenn Bonné hinten im Buch als Disclaimer formuliert, dass „alle Charaktere und Schauplätze meines Romans frei erfunden (sind), auch jene, die ich an Personen und Orte der Zeitgeschichte anlehne“. Zweifelsfrei sind Lutz Reinmar samt Frau und Tochter und Bernd Vomturm in ihrem Vorleben und der Gegenwart des Romans fiktive Gestalten, wie auch die private Entourage von Breugel oder überhaupt die Kohorte der Personenschützer und die diversen weiteren Akteure.Wo es um die Zeitgeschichte geht, insbesondere um daran „angelehnte“ Charaktere, wird es kritischer. Es ist, zum Beispiel, eine Nuance von Belang, wenn im Roman das Zusammenwirken der Cineasten und Politiker Viktor Breugel und Kai-Volker Wenckstern nach den Wahlen 1994 als entscheidend für die Regierungsbildung dargestellt ist (tatsächlich war Genscher bereits 1992 aus persönlichen Gründen als Außenminister zurückgetreten). Der so entstehende Eindruck, die Entscheidung für den Fortbestand der bisherigen Koalition resultiere aus einer Art Bro-Story, führt ein Stück weit in die Irre, Fiktion und Realität verlieren da leider ihren notwendigen Berührungspunkt.Dennoch, mit „Kanzlerkino“ liegt ein Glanzstück polyperspektivischen Schreibens vor. Immer wieder haben die Figuren, raffiniert inszeniert, die Chance zur Selbstdarstellung, wie in den eingeschobenen Briefen, in den Rückblenden ist der zeitliche Horizont geöffnet. Mirko Bonné agiert souverän als der Autor, der (anders als sein Personal) alles weiß, aber manches vorsätzlich im milchgläsernen Opaken lässt: als reale Herausforderung für seine Leser.Mirko Bonné: „Kanzlerkino“. Roman. Frankfurt am Main, Schöffling & Co. 2026. 266 S., geb., 25,– €.