Nach der tödlichen Sturzflut-Katastrophe in der Gebirgsregion zwischen China und Nepal ist die Zahl der Toten weiter gestiegen. In Nepal seien bislang 469 Leichen geborgen worden, teilte die nepalesische Polizei mit. Viele davon wurden den Angaben zufolge flussabwärts im Süden Nepals und an der Grenze zu Indien entdeckt.Damit liegt die Gesamtzahl der bestätigten Toten in China und Nepal bei 472, nachdem China bislang 3 Opfer vermeldet hatte. Die Lage vor Ort ist weiterhin angespannt. Wegen einer erneut drohenden Flut haben Chinas Rettungskräfte im Katastrophengebiet in Tibet ihre Rettungsarbeiten vorübergehend unterbrochen. Wie die nepalesische Polizei weiter mitteilte, wurden zudem 1545 Verletzte und Gestrandete gerettet. Acht Deutsche werden vermisst – vier Pilger darunter „Es wird noch einige Zeit dauern, bis wir einen vollständigen Überblick über die Vermissten haben, da wir derzeit noch kein klares Bild haben“, sagte Polizeisprecher Abi Narayan Kafle der Deutschen Presse-Agentur. Das könne noch Tage dauern. Laut Polizeiangaben wurden viele Leichen noch nicht identifiziert, auch weil die Körper von der Flut stark beeinträchtigt wurden.Viele ausländische Touristen, darunter auch acht Deutsche, werden unterdessen weiter vermisst. Das Auswärtige Amt erklärte auf Anfrage, dass die deutsche Botschaft in Kathmandu mit den lokalen Behörden in engem Kontakt stehe.Vier der vermissten Deutschen gehörten zu einer Gruppe von ausländischen Pilgern. Sie waren auf dem Rückweg von einer Pilgerreise zum heiligen Berg Kailash und zum Manasarovar-See in Tibet, als der Kontakt zu ihnen abriss, wie die nepalesische Reiseagentur Trekkers’ Society mitteilte. Von den insgesamt 77 Reisenden und den 15 nepalesischen Begleitern der Gruppe fehlt seit der verheerenden Sturzflut am Mittwoch jede Spur.Den Angaben zufolge sollte die Gruppe am Morgen des 26. August die Grenze nach Nepal überqueren. Zu dem Zeitpunkt raste eine Flut aus Wasser, Geröll und Eis durch die Region. Seitdem ist unklar, wo sich die Pilger befinden und ob sie die Katastrophe überlebt haben.Bei den vier Deutschen handele es sich um zwei Männer und zwei Frauen, sagte Anish Bhujel, Manager der in Kathmandu ansässigen Trekkers’ Society. Die anderen Reisenden stammen demnach aus mehr als zehn Ländern, darunter aus den USA, Großbritannien, Australien, Spanien, Südafrika, Israel und Kanada.Laut Bhujel war die Gruppe am 16. August von der nepalesischen Hauptstadt in Richtung Timure aufgebrochen. Der Ort, der Augenzeugen zufolge bei der Sturzflut fast völlig zerstört wurde, liegt nahe der Grenze zu China und ist ein wichtiger Ausgangspunkt für Reisen nach Tibet. Die Pilgerreise wurde von der Isha Foundation des indischen spirituellen Lehrers Jaggi Vasudev, weltweit bekannt als Sadhguru, organisiert.Sadhguru sprach in einer Mitteilung auf der Plattform X von „absolutem Schmerz“ über das Unglück und das Schicksal der Gruppe. Er betonte, es gebe seit der Flut keine Informationen zu den Pilgern mehr.Nepal hatte die Vermisstenzahl zuletzt mit 977 angegeben. China meldete bislang 558 Vermisste, 260 davon Ausländer. 555 betroffene Touristen sowie 499 Einheimische und Bauarbeiter in der Katastrophenregion in Tibet seien evakuiert worden, berichtete Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Mittlerweile stellten chinesische Techniker in dem Gebiet auch das zusammengebrochene Telekommunikationsnetz wieder her.Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping forderte, die Vermissten mit allen Mitteln zu suchen und Menschen in der Region in Sicherheit zu bringen, wie Xinhua meldete. Weiterhin soll er gefordert haben, das Frühwarnsystem zu stärken. Xi gibt solche Anweisungen in der Regel nur bei besonders schweren Unglücken. Zudem schickte er mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Zhang Guoqing einen ranghohen Kader der Kommunistischen Partei in die betroffene Region, um die Rettungsmaßnahmen zu überwachen. Sorge vor weiterer Flut Sorge bereitet den Behörden in China zudem ein neu angestauter See auf nepalesischer Seite, der sich als Folge der Sturzflut durch weitere Erdrutsche an einer Flussmündung gebildet hatte. Wegen der Gefahr des Überlaufens und einer neuen Flut stellten die Rettungskräfte laut Berichten des Staatsfernsehens die Rettungsarbeiten am schwer getroffenen Grenzübergang Gyirong flussabwärts von dem See vorübergehend ein. Im Staatsfernsehen liefen Aufnahmen aus der Luft, die den See zeigten.Wissenschaftler Xu Qiang von der Technischen Universität Chengdu hatte zuvor im chinesischen Staatsfernsehen gesagt, in dem See hätten sich geschätzt zwei Millionen Kubikmeter Wasser gesammelt. Durch Regenfälle in den kommenden Tagen bestehe die Gefahr von Dammbrüchen, erklärte Xu. Ein am 27. August 2026 aufgenommenes Drohnenfoto zeigt einen Stausee, der sich nach einem Schlammlawinenabgang in Nepal gebildet hat. © imago/Xinhua/Li Jian Die Wettervorhersage geht von Niederschlägen in den kommenden drei Tagen aus. Dies und eine mögliche neue Sturzflut könnten die Rettungsarbeiten erschweren, sollten dadurch die Zufahrtswege in das Katastrophengebiet erneut unpassierbar gemacht werden.Auch das Flutwarnzentrum in Kathmandu veröffentlichte eine Warnung, dass hinter dem Geröll der Sturzflut ein See anwachse. Es rief zu äußerster Vorsicht auf. Laut nepalesischer Polizei ist schon Wasser aus dem See ausgetreten. Es wird vor Überschwemmungen gewarnt. Was war passiert? Am Mittwoch war eine Sturzflut über den Fluss Bhotekoshi von Nepal aus durch die Grenzregion im Südwesten Tibets bis hinein nach Zentralnepal geschossen und hatte eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Ganze Dörfer wurden in Nepal laut Augenzeugenberichten weggespült. Die Nepalesin Parbati Adhikari erzählte, ihr Dorf Tupche in der Provinz Bagmati sei fast vollständig ausgelöscht worden. Ihr zufolge hatten dort 60 bis 70 Menschen gewohnt. Es sei nicht bekannt, wie viele von ihnen noch am Leben seien.Die Fluten rissen außerdem Brücken mit und richteten schwere Schäden an Staudämmen und Gebäuden an. In China überflutete die Schlammlawine den Grenzübergang Gyirong, der eine Hauptverbindung in der Region nach Nepal ist, auch für Tourismus und Handel. Die betroffene Region im Himalaya ist bei Bergsteigern und Pilgern beliebt, die zum Beispiel in den Nationalpark Langtang in Nepal wandern oder heilige Berge in Tibet besichtigen wollen.Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Die Behörden gaben für die flussabwärts gelegenen Gebiete in dem Himalaya-Staat eine Katastrophenwarnung heraus. Sie soll zunächst drei Monate dauern, berichtet „Sky News“. Premierminister Balen Shah schrieb bei Facebook, es seien mehr als 13.000 Kräfte aus Armee und Polizei für die Rettungsmaßnahmen mobilisiert worden. Er erklärte, 573 Menschen hätten am Donnerstag mit insgesamt 69 Hilfsflügen gerettet werden können. Nach Angaben der nepalesischen Polizei werden Dutzende Verletzte in Krankenhäusern behandelt. Was hat die Sturzflut in Nepal ausgelöst? Was die Sturzflut auslöste, ist noch nicht abschließend geklärt. Eine vielgenannte Vermutung ist, dass ein Gletschersturz auf nepalesischer Seite die Lawine aus Wasser und Schlamm in Gang setzte. Die Wucht war so stark, dass Erdbeben-Messinstrumente ausschlugen. Zudem begünstigte nach Expertenmeinung das enge und steile Flusstal, dass sich die Wassermassen derart auftürmen konnten.US-Erdbebenwarte USGS hatte am Mittwochmorgen zunächst ein Erdbeben der Stärke 4,4 nahe der Grenze zwischen Nepal und China gemeldet. Am Donnerstag erklärte sie dann, in der Grenzregion habe sich am Mittwoch um 8.37 Uhr Ortszeit „ein seismisches Ereignis der Stärke 5,2 ereignet“. Weitere Analysen hätten ergeben, dass es dabei nicht um ein Erdbeben gehandelt habe, sondern um einen Gletscherabbruch mit anschließender Eis- und Gerölllawine und „katastrophalen Folgen“. Dieser Standbildausschnitt aus einer von der nepalesischen Polizei bereitgestellten Aufnahme (UGC) zeigt Fluten, die sich am 26. August 2026 nach Sturzfluten im Distrikt Rasuwa durch den Fluss Bhote Koshi wälzen. © AFP/-UGC Auch das Internationale Zentrum für integrierte Bergentwicklung (Icimod) in Kathmandu geht davon aus, dass eine Lawine aus Eis und Geröll von einem Gletscher die Sturzflut auslöste. Die Lawine habe erst den Fluss Lhende blockiert und dann die gigantische Flutwelle freigesetzt, sagte der Icimod-Experte Saswata Sanyal.Unklar ist auch, welche Rolle der Klimawandel in der Katastrophe gespielt haben könnte. Ob dieser zur Katastrophe beigetragen hat, lasse sich nicht eindeutig sagen, sagte Niels Hovius vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung. Solche Ereignisse habe es auch zu anderen Zeiten gegeben. Allerdings: „Gletscher schmelzen, Permafrost taut, die Null-Grad-Grenze steigt – und der Himalaya ist schwer betroffen“, so der Experte.Die Erderwärmung schaffe Bedingungen, die Fels und Eis im Hochgebirge destabilisierten, erklärte Simon Cox vom Forschungsinstitut Earth Sciences New Zealand. Dies mache Zusammenbrüche und kaskadenartige Gefahren häufiger. Hilfsangebote aus dem Ausland Aus dem Ausland kamen zahlreiche Beileidsbekundungen. Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) sprach den Betroffenen und Rettungskräften in der Region auf X sein Mitgefühl aus. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) signalisierte Nepal Deutschlands Bereitschaft zur Unterstützung. UN-Generalsekretär António Guterres sagte der Regierung in Nepal Hilfe durch Teams der Vereinten Nationen zu. Eine Drohnenaufnahme zeigt, wie Schlamm die Gebäude nach verheerenden Überschwemmungen in Trishuli im Distrikt Nuwakot, Nepal, überdeckt. © AFP/Prabin Ranabhat Die USA sagten Nepal Hilfe mit Notunterkünften, frischem Wasser und anderen Hilfsgütern zu. Insgesamt belaufe sich die Katastrophenhilfe auf 500.000 US-Dollar (rund 430.000 Euro), teilte das Außenministerium mit. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen versprach, europäische Unterstützung zu mobilisieren. Der Erdbeobachtungsdienst Copernicus sei zur Kartografierung der betroffenen Gebiete aktiviert worden, schrieb sie auf X.Die indische Regierung flog nach eigenen Angaben bislang 47,5 Tonnen Hilfsgüter nach Nepal, darunter Medikamente, Zelte, Decken, Solarlampen und Lebensmittel. Weitere Unterstützung werde geprüft, unter anderem der Einsatz von Behelfsbrücken für die Rettungsarbeiten.Deutschlands Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) forderte Hilfe für vom Klimawandel betroffene Länder. „Der Klimawandel verschärft die Risiken durch Extremwetter – in Nepal und vielen anderen Teilen der Welt, aber auch bei uns in Deutschland“, sagte sie der Funke Mediengruppe. Deshalb gehe es nicht nur darum, Emissionen zu senken. „Wir müssen Länder und Menschen auch dabei unterstützen, sich besser gegen die Folgen des Klimawandels zu schützen.“Laut einem BBC-Reporter handelt es sich um die verheerendste Katastrophe in Nepal seit dem Erdbeben von 2015. Damals kamen 9000 Menschen ums Leben. (Tsp, AFP, Reuters, dpa)