Der andere BlickFür die CDU wäre ein Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt die politische BefreiungDer Osten wird zur Avantgarde des deutschen Parteiensystems: Die Rechtspartei könnte bei der Landtagswahl die absolute Mehrheit erreichen. Das wäre eine Zäsur für das ganze Land. Für die CDU wäre es eine Chance, aus der selbstgebauten Falle zu entkommen.28.08.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenHallervorden und Schulze: Komisches Duo im Wahlkampf gegen die AfD.Rolf-Peter Stoffels / ImagoEs gibt einen Gedanken, den derzeit kaum ein Christlichdemokrat öffentlich auszusprechen wagt. Je näher die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt rückt, desto plausibler wird er aber: Ein Durchmarsch der AfD zur absoluten Mehrheit wäre für die CDU das beste Ergebnis.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Natürlich kämpft die Partei dafür, einen solchen Sieg zu verhindern. Ihr Spitzenkandidat Sven Schulze will Ministerpräsident bleiben, die Bundespartei fürchtet eine von der AfD geführte Landesregierung, die erste in Deutschland. Selbstverständlich wäre es für die Partei des Bundeskanzlers ohnehin schon eine schwere Niederlage, wenn sie in einem Bundesland, das sie seit 2002 regiert, weit hinter der AfD landete.Der CDU könnte es aber viel schlimmer ergehen, wenn sie eines ihrer Wahlziele erreicht und die AfD von der Regierung fernhalten kann. Bei einem Durchmarsch der AfD bliebe ihr die Opposition. Bei fast jedem anderen Ergebnis müsste ausgerechnet sie eine Mehrheit gegen den Wahlsieger organisieren – und eine interne Zerreissprobe aushalten.An frivole Politik ist die Republik gewohntEs gibt eine gewisse deutsche Neigung zum Weltuntergang. Eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt wäre eine tiefe Zäsur, aber nicht das Ende der Bundesrepublik. In dem Land leben gut zwei Millionen Menschen, weniger als in Berlin, das eine reiche Geschichte politischer Frivolitäten hat. Die Landesregierung in Magdeburg regiert Sachsen-Anhalt. Man muss die AfD nicht verharmlosen, um diese Dimension zu wahren.Nicht zuletzt dafür besitzt Deutschland eine föderale Ordnung. Sie begrenzt auch politische Risiken. Landesregierungen dürfen unterschiedliche Wege einschlagen, Wähler können deren Folgen beobachten und bei der nächsten Wahl ihr Urteil sprechen. Bereits eine AfD-Regierung in Magdeburg zur Bedrohung der Bundesrepublik zu erklären, bedeutet, der deutschen Demokratie wenig zuzutrauen und dem Wähler in Sachsen-Anhalt gleich mit.Die Umfragen sehen die AfD derzeit bei 41 bis 43 Prozent, die CDU bei 22 bis 24 Prozent. Die Linke kommt auf 13 Prozent, die SPD auf etwa 7. Grüne und die Wagenknecht-Partei BSW bewegen sich um die Fünfprozenthürde, die FDP liegt darunter.Je nachdem, welche der kleinen Parteien den Einzug schafft, kann daraus ein Landtag entstehen, in dem es gegen die AfD nur noch eine Mehrheit gibt, wenn fast alle anderen zusammenarbeiten. Die CDU wäre damit auf Parteien angewiesen, gegen die sie selbst Wahlkampf führt.Avantgarde im OstenWeil das westdeutsche Parteiensystem im Osten zuerst an seine mathematischen Grenzen gerät, wird der Osten Deutschlands gewissermassen zur Avantgarde der Republik. Die alten Regeln der Regierungsbildung funktionieren bei diesen Kräfteverhältnissen einfach nicht.Wenn Volksparteien kleiner und die politischen Ränder grösser werden, bleiben letztlich drei Möglichkeiten: immer breitere Koalitionen der Mitte, Minderheitsregierungen mit wechselnden Mehrheiten – oder die Beteiligung der einen Partei, die bislang von der Regierungsbildung ausgeschlossen wird.Die erste Möglichkeit stösst gerade sichtbar an ihre Grenzen. Die zweite wird nebenan erprobt. In Sachsen regieren CDU und SPD seit 2024 ohne eigene Mehrheit. Ein Konsultationsmechanismus beteiligt alle Fraktionen frühzeitig an Gesetzesvorhaben; sie können Änderungen vorschlagen, die Regierung muss sie prüfen und Ablehnungen begründen. Das Angebot gilt auch für die AfD. Ausgerechnet sie hält sich bislang aus dem Verfahren heraus.Das ist mehr als eine sächsische Kuriosität. Während die Bundespolitik an der Brandmauer unverrückbar festhält, organisiert eine CDU-geführte Landesregierung bereits parlamentarische Zusammenarbeit jenseits fester Lager.Die CDU sitzt in der FalleWo traditionelle Mehrheiten verschwinden, könnten Minderheitsregierungen und wechselnde Mehrheiten normaler werden. Das wäre demokratisch keineswegs anrüchig. Im Gegenteil: Parlamente sind ja dazu da, Mehrheiten für konkrete Entscheidungen zu finden. Die deutsche Koalitionslogik ist nicht die einzige zulässige Spielart des Parlamentarismus.Eine Minderheitsregierung könnte der CDU ersparen, bloss als Anker eines Anti-AfD-Bündnisses gesehen und gebraucht zu werden. Sie funktioniert allerdings nur, wenn auch mindestens SPD und Grüne nicht mehr eisern an der Brandmauer festhalten: Eine Regierung ohne eigene Mehrheit muss akzeptieren können, dass ihre Vorhaben von wechselnden Mehrheiten getragen werden – und dass sie nicht darüber verfügen kann, wer ihnen zustimmt. Andernfalls verlagert sich die Unbeweglichkeit einer Koalition nur ins Parlament.Die Minderheitsregierung ist jedenfalls kein Zaubertrick, mit dem die CDU zugleich die Abgrenzung bewahren und ihre politische Bewegungsfreiheit aus eigener Anstrengung zurückgewinnen könnte.Sachsen-Anhalt könnte nun die dritte Möglichkeit erzwingen: Regierungsverantwortung für die AfD.Dass der Wahlkampf der CDU nicht gerade vom Selbstbewusstsein einer Regierungspartei zeugt, macht die Lage in Sachsen-Anhalt noch paradoxer. Erst im Januar räumte Reiner Haseloff vorzeitig die Staatskanzlei, auf dass sein Nachfolger noch vor der Wahl den Amtsbonus des Ministerpräsidenten nutzen könne. Im Ergebnis spät genug, dass der Machtwechsel selbst wie ein Wahlkampfmanöver wirkte, aber früh genug, dass Schulze sich inzwischen am Amt messen lassen muss.Lustig ist es eh nicht. Wenn es wenigstens hülfeSich von Berlin abzusetzen ist das Privileg eines jeden Landespolitikers. Dafür tourte Schulze mit Dieter Hallervorden durchs Land. Der Komiker, den ältere Westdeutsche noch aus einer Zeit kennen, als seine politischen Ansichten nicht zu seinem Unterhaltungswert beitrugen, sang auf CDU-Veranstaltungen gegen «Aufrüstung» und teilte gegen die Parteispitze aus. Vier Veranstaltungen waren ausverkauft. Den Umfragen half es nicht.Die CDU ist in einer Falle, die sie sich über Jahre selbst gebaut hat. Seit 2018 gilt der Beschluss des CDU-Bundesparteitags, Koalitionen und «ähnliche Formen der Zusammenarbeit» sowohl mit der AfD als auch mit der Linkspartei abzulehnen. Gegen die AfD ist die Abgrenzung seither eher schärfer geworden. Die gleichzeitige Abgrenzung von der Linken wird nun zum argen Problem.Denn irgendwann entsteht so eine Regierung, deren Gemeinsamkeit vor allem darin besteht, eine andere Partei von der Macht fernzuhalten. Das ist demokratisch legitim in einem System, das die Freiheit, Koalitionen einzugehen oder eben nicht, seit jeher kennt. Alltäglich ist es nicht: Parteien streiten in Deutschland oft genug nach einer Wahl darüber, wer ein paar Zehntel vorne liegt und daraus einen Regierungsbildungsauftrag ableiten darf.In Sachsen-Anhalt könnte die AfD mit enormem Vorsprung gewinnen und dennoch stünde schon vor Schliessung der Wahllokale fest, dass die stärkste Partei von den anderen am Mitregieren gehindert wird.Die Arbeit der AfD tun die anderenPolitisch ist das verheerend: Es bestätigt das Bild vom Parteienkartell, das die AfD seit Jahren zeichnet.Damit verändert die AfD das Parteiensystem, ohne selbst je regiert zu haben. Die Abgrenzung zwingt Parteien zusammen, die eigentlich Alternativen zueinander sein wollen. Die CDU möchte bürgerliche Gegenkraft zur Linken sein und benötigt zugleich deren Stimmen, um eine rechte Regierung zu verhindern. Die Brandmauer schweisst diejenigen zusammen, die auf der einen – der guten! – Seite stehen.Besonders die CDU zahlt dafür einen hohen Preis. Eine Allparteienregierung gegen die AfD könnte die Partei zerreissen. Sie müsste Zugeständnisse an Kräfte machen, gegen die sie selbst Wahlkampf führt, und zugleich jenen Teil ihrer Wählerschaft und Mitgliedschaft bei der Stange halten, der fragt, warum nach links möglich sein soll, was nach rechts ausgeschlossen bleibt. Sie würde eine Regierung retten und riskieren, sich selbst zu verlieren.Irgendwann verlieren sogar Wahlen einen Teil ihrer Wirkung, wenn ihr Ausgang die Richtung zwar die Kräfteverhältnisse, nicht aber die Richtung der Regierung mehr verändern kann.Für die AfD wäre ein solcher Ausgang beinahe ideal. In der Opposition könnte sie zuschauen, wie sich ihre Gegner miteinander abmühen, und ihren Anhängern erklären, damit sei ein Kartell der anderen erneut bewiesen. Die Niederlage bei der Regierungsbildung würde zum Treibstoff für den nächsten Wahlerfolg.Befreiung in der NiederlageDeshalb besitzt die andere Möglichkeit für die CDU einen Reiz, den in der Partei kaum jemand eingestehen mag. Was wäre, wenn die AfD so eindeutig gewinnt, dass all die moralisch so integren Konstruktionen nicht mehr funktionieren? Dann würde sich die politische Verantwortung verschieben. Die CDU müsste nicht länger erklären, mit wem sie die AfD verhindert. Sie könnte einfach Opposition sein.Das wäre politische Befreiung in der bitteren Niederlage. Die Partei könnte womöglich sogar versuchen, Wähler zurückzugewinnen, statt Abwehrkämpfe gegen die AfD zu orchestrieren.Die CDU wird dennoch bis zum letzten Tag dafür kämpfen, Sven Schulze zum Ministerpräsidenten zu machen. Alles andere wäre ein Offenbarungseid. Sollte es nicht gelingen, wäre eine klare Niederlage für sie aber leichter zu verkraften als ein halber Sieg.Die AfD müsste dann Personal präsentieren, Mehrheiten organisieren, einen Haushalt verabschieden und sich im Bundesrat verhalten. Sie müsste ihre Flügelkämpfe endlich austragen und das Ergebnis in Regierungshandeln sichtbar machen, nicht nur in Sandkastenspielen. Sie müsste sich Vorwürfen der Vetternwirtschaft mit neuem Nachdruck stellen. Aus der Protestpartei würde eine Regierungspartei mit allen Zwängen, Widersprüchen und Enttäuschungen.Niemand sollte sich der bequemen Hoffnung hingeben, die AfD werde sich in der Regierung schon selbst entzaubern. Vielleicht geschieht das. Vielleicht beweist sie das Gegenteil und wird im Amt noch stärker. Das müssen die Wähler beurteilen.Entscheidend ist jedoch: Bislang kann die AfD die Vorteile einer Regierungspartei beanspruchen, ohne deren Kosten zu tragen. Sie verspricht Veränderung, ohne für deren Folgen einstehen zu müssen. Nun müsste sie erstmals beweisen, dass sie nicht nur Wahlen gewinnen, sondern auch regieren kann.Das ist die Prüfung, vor der ihre Gegner sie seit Jahren bewahren.Passend zum Artikel