Fleisch-, aber nicht wunschlos genährtDas «An Chay» beim Bullingerplatz rühmt sich, Zürichs erster vegetarischer Vietnamese zu sein. Ob das reicht, um zu begeistern?Urs Bühler27.08.2026, 12.54 Uhr3 LeseminutenIllustration Benedikt RugarDas Umfeld des Zürcher Locherguts hat sich vom trost- und freudlosen Pflaster zum buntesten Gastrogebiet der Stadt gemausert. Es scheint, als würde fast alles zum Hype, was dort lanciert wird, vom Kebabladen über die Gelateria bis zur Bar.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Dunstkreis dieser Erfolgsgeschichte ist auch der Bullingerplatz zum beliebten Treffpunkt aufgestiegen. Vor der Kulisse des eigentümlichen Kirchturms, der an ein Bücherregal erinnert, hocken in der Platzmitte rund um den Springbrunnen an lauen Abenden junge Leute zwischen Topfpflanzen auf dem Asphalt. Wer lieber zu Tisch sitzt, sucht sein Glück vor dem «Café du Bonheur» oder wird vis-à-vis schon seit acht Jahren vom «Barranco» mit peruanischer Küche verwöhnt.Der Bullingerplatz wird in lauen Nächten zum beliebten Treffpunkt.Urs BühlerHalb so alt ist das vom Platz abgewandte «An Chay» gleich um die Ecke. Sein Angebot, namentlich die gefüllten Baguettes, war in der Corona-Zeit mit Pop-ups populär geworden, ehe es sich hier einnistete und auf diversen Kanälen kollektive Ekstase auslöste. Seine Ausrichtung liest sich wie eine Checkliste für Trendfolger: vietnamesische Küche, Naturweine samt moussierendem Pet Nat und Vegetarismus. Sein Name bedeutet «fleischlos essen», das passt ganz zum Ernährungsstil der Göttitochter und ihres Partners. Also nichts wie hin zusammen!Der Slogan «The first meatless Vietnamese cuisine in Zurich» erscheint allerdings etwas dick aufgetragen, ist doch die Auswahl an vegetarischen Gerichten in ostasiatischen Gastbetrieben traditionell gross. Als innovativ gelten darf aber das Angebot, auf Wunsch die standardmässige Fisch- durch eine Soja-Knoblauch-Sauce zu ersetzen.Wir nehmen Platz auf der kleinen Terrasse, wie der Innenraum schlicht möbliert, mit Festbänken und ein paar Plastikhockern. Zur Begrüssung wird ein Schluck kalter Tee des Hauses gebracht, eine schöne Geste, doch bleibt der Service im weiteren Verlauf des Abends leider unpersönlich. So wird bloss die Bestellung aufgenommen, statt die Gäste zu beraten. In Unkenntnis der Portionengrössen ordern wir prompt zu viel von der Karte, die nicht ausgehändigt wird, sondern per QR-Code auf dem Handy abzurufen ist. Sie ist konsequent in Englisch gehalten, was in dieser «very cosmopolitan city» wohl bald als normal gelten soll.Eine tadellose Vorspeise bilden die Won Ton Garden (Fr. 16.–): Dumplings an herzhafter Chili-Erdnuss-Sesam-Paste auf einem Bett aus noch leicht knackigem Pak Choi. Com Bi Cha (Fr. 31.–) hingegen, eine Art Best-of-Platte mit dem Prädikat «the no brainer», erweist sich als wildes Potpourri, von der Tofuwurst am Spiesschen über Pilze, mit Panko paniert, bis zu ein paar Gurkenscheiben. Beim eintopfartigen Banh Canh Xao (Fr. 25.–) mit Lotuswurzeln lassen die verkochten Udon-Nudeln die betörende Geschmeidigkeit vermissen, die sie im besten Fall auszeichnet. Und den Genuss des Pilzgerichts Nam Kho Tieu (Fr. 25.–) schmälert eine deutlich zu salzige Sojasauce.Allgemein vermissen wir hier kein Fleisch, aber das raffinierte Spiel mit Süsse, Säure und Texturen, das uns in anderen vietnamesischen Lokalen der Stadt schon begeistert hat. Auch beim Anrichten haben wir dort schon mehr Detailpflege erlebt. Mag sein, dass Küche und Service bei unserem Besuch einen schlechten Tag einziehen – übermässig heiss ist er nicht –, aber das Gebotene reisst trotz moderaten Preisen weder die zwei Twens noch den Boomer vom Hocker. In die Lobeshymnen, die nach der Eröffnung vor vier Jahren einsetzten, können wir nicht einstimmen.Ein Lichtblick: das Dessert «Coconut Island».Urs BühlerErfrischend sind die hausgemachten Eistees und Limonaden (ab Fr. 7.–), und bei den Nachspeisen wird die «Coconut Island» (Fr. 14.–) zum Lichtblick: klein gewürfelte Mango, Soja-Caramel-Sauce und feine Kokosglace, flankiert von fingerlangen, knusprigen Maniok-Cake-Sticks, die an Kaiserschmarren oder Fotzelschnitten erinnern.Nein, dieser Affogato ist nix.urs.Die Kaffeespezialitäten schliesslich schlagen eine Brücke zwischen Asien und Europa: Nebst dem mittlerweile auch in Zürich bekannten Filterkaffee vietnamesischer Art (Fr. 6.–), der durch ein Sieb ins Glas mit gezuckerter Kondensmilch am Boden läuft, gibt’s die Variation Saigonese Affogato (Fr. 8.50).Dass dieser mit Fior di Latte zubereitet wird statt mit Vanilleeis wie fast alle Affogati in der Stadt, entzückt Kenner. Allerdings weicht auch diese Vorfreude bald der Ernüchterung: Bis der Kaffee durchs Sieb gelaufen ist, ist das Eis vollständig geschmolzen – und zwar zu grieseliger statt cremiger Konsistenz. Die verwendete vegane Glace scheint für diese Spezialität ungeeignet zu sein. Da loben wir uns den weniger hippen Italiener um die Ecke.An ChayZypressenstrasse 94, 8004 ZürichSonntags und montags geschlossenTelefon 044 621 08 40Für diese Kolumne wird unangemeldet und anonym getestet und am Ende die Rechnung stets beglichen. Der Fokus liegt auf Lokalen in Zürich und der Region, mit gelegentlichen Abstechern in andere Landesteile.Die Sammlung aller NZZ-Restaurantkritiken der letzten fünf Jahre finden Sie hier.Passend zum Artikel
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