Steffen Mau hat in der Debatte über das politische Bewusstsein in Ostdeutschland auf die andere Seite der „Medaille“ hingewiesen. Seine Replik auf meinen Leitartikel in dieser Zeitung hebt sich ab von anderen Reaktionen, in denen deskriptive Aussagen als Wertungen und Prognosen als Aufforderungen gezielt missverstanden wurden. Solche Reaktionsmuster bestätigen eher meine Diagnose, dass sich Teile der Ostdeutschland-Debatte in Feindbildern festgefahren haben.Das Kernargument von Mau lautet, dass die Transferleistungen, die von 1990 an vom Westen in den Osten flossen, mit den Strömen von Kapital und Arbeitskräften zu verrechnen sind, die in die entgegengesetzte Richtung von Ostdeutschland nach Westdeutschland gingen. Solche Rückflüsse gab es unbestreitbar. Ebenso richtig liegt Steffen Mau mit dem Befund, dass eine Berechnung der gesamten Bilanz ausgesprochen diffizil ist.Das Problem der Medaillen-MetapherMit seiner Metapher der „Medaille“ positioniert sich Mau allerdings selbst in dieser Frage: Eine Medaille hat zwei Seiten, die gleich groß sind. Auch die von Mau angestellten Rechenspiele deuten darauf hin, dass er die Gesamtsumme der geleisteten Aufbauhilfe und die Rückflüsse in den Westen für ungefähr gleich groß hält.Mau geht zwar nicht so weit wie manche Reaktionen, die schon fast den Eindruck erweckten, als habe der Osten 1989 den Westen vor dem Kollaps gerettet. Aber auch Maus Argumentation scheint darauf hinauszulaufen, dass es im Saldo keinen Transfer in den Osten gab, damit auch keinen Wohlstandsverzicht in den alten Bundesländern und folglich, auf einer politisch-moralischen Ebene, auch keine Solidarität der Westdeutschen mit ihren ostdeutschen Landsleuten. Die Wiedervereinigung erscheint so als großes Nullsummenspiel.Kinderspielplatz vor den Plattenbauten eines DDR-Neubauviertels in Eisenhüttenstadt in den SiebzigerjahrendpaIch halte das in der Sache für unzutreffend, und es entspricht nach meiner Kenntnis auch nicht der ökonomischen Mehrheitsmeinung. Mau hat zudem offenkundig mein zentrales Argument überlesen, dass man staatliche Transferzahlungen und die Rückflüsse in Form von Arbeitskräften und privater Renditen nicht so einfach verrechnen kann.Dazu folgendes Gedankenspiel in lockerer Anknüpfung an einen Vertreter der Ostidentitätsbewirtschaftungspublizistik, der nach meinem Artikel vorschlug, der Osten hätte es 1989 „allein versuchen sollen“, um sich das „Jammer-Wessi-Gewäsch“ nicht anhören zu müssen. Was aber wäre in diesem Szenario wohl passiert? Die SED und ihre Mauer wären weg gewesen, das ostdeutsche Staatswesen hätte fortbestanden.Vermutlich hätten Hunderttausende Arbeitskräfte aus dem Osten dann erst recht ihre Freizügigkeit genutzt, um von dem Job- und Lohnangebot im Westen zu profitieren. Und westliche Unternehmen und Banken wären auch in diesem Fall im Osten tätig geworden, da der DDR-Nachfolger einen enormen Kapitalbedarf gehabt hätte. Nur die staatlichen Transferzahlungen, die hätte es nicht gegeben.Die Interessen hinter dem Ost-West-SchuldspielWarum ist dieser Punkt wichtig? Weil die Behauptung, es habe nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten in der Summe keine Solidarität des Westens gegeben, nach meiner Beobachtung als zuständiger Korrespondent der F.A.Z. eine wichtige Grundlage jenes Schuldspiels bildet, das gegenwärtig tagtäglich auf sachsen-anhaltischen Marktplätzen aufgeführt und parallel von der Lügen-Propaganda des Kremls online nach Kräften befeuert wird.Steffen Mau findet solche Schuldspiele ebenso abstoßend wie ich. Seine Argumentation ist allerdings nicht vollkommen unabhängig von ihnen zu betrachten. Denn sie nährt und bestärkt ungewollt das Sentiment, dass der „Westen“ kein echtes Wohlwollen aufbringe, wobei man den Begriff „Westen“ bei vielen Veranstaltungen suggestiv zwischen Westdeutschland, der westlichen Welt, den Vereinigten Staaten, dem Kapitalismus und Anklängen an eine globalistische Verschwörung schillern lässt.Der „Westen“ wird so gezielt eingedunkelt, auf dass der „Osten“ umso verheißungsvoller schimmere. Und in diesen aufgehellten Ostbegriff schleicht sich dann ein verklärtes Bild der DDR sowie eine erschreckend stark ausgeprägte Sympathie für Wladimir Putin.Welche Wirkungen entfalten solche Tendenzen, die sich nach meiner Wahrnehmung zuletzt erheblich verstärkt und verhärtet haben, in den westdeutschen Ländern? Sie höhlen dort Wohlwollen und Solidarität aus. Vor allem aber lenken sie von jenen Fragen ab, die im vereinten Deutschland vernünftigerweise im Zentrum der Debatte stehen sollten: der Klimawandel, die Verteidigung, die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit sowie die demographische Entwicklung. Das alles sind Themen, die Beharrlichkeit und Geduld erfordern, gegenwärtig aber von einer Identitätspolitik überlagert werden, die Sprecherhütchen qua Geburtsort verteilen möchte.Die Belastungen vieler Ostdeutscher anerkennenMan kann diese Identitätspolitik beklagen und gleichzeitig die vielen Beiträge wertschätzen, die in den vergangenen Jahren die Lebenswege ostdeutscher Familien beleuchteten, die schmerzhafte Brüche durchstehen mussten und sich parallel – auch das gehört zur Wahrheit – herabsetzende Witze und eine Verächtlichmachung ihres Dialekts durch Westdeutsche anhören mussten. Ja, die Bewältigung von 40 Jahren sozialistischer Planwirtschaft nach 1989 war fordernd für beide Seiten: Die meisten Westdeutschen haben sich über viele Jahre finanziell solidarisch gezeigt, ohne dafür Danksagungen zu erwarten. Ungleich stärkere Belastungen hatten viele Ostdeutsche zu bewältigen. Schuld sind daran weder „die Ostdeutschen“ noch „die Westdeutschen“, sondern, sofern man Geschichte nach der Kategorie der Schuld bemisst, die Vertreter zweier menschenverachtender Ideologien, des Nationalsozialismus und des Kommunismus.Und hier liegt ein entscheidender Punkt, weshalb die gegenwärtige Debatte die Westdeutschen ebenso wie die Ostdeutschen angeht. Denn in dem verklärten Russlandbild und dem fortwährenden Kleinreden der Solidarität aus dem Westen schwingt untergründig eine Frage mit, die Deutschland spätestens seit dem 19. Jahrhundert geistig und politisch immer wieder beschäftigte: Stellt sich Deutschland unter den Wertehimmel der westeuropäisch geprägten Aufklärung und orientiert sich an individuellen Freiheitsrechten, an Rechtsstaatlichkeit und an Marktwirtschaft? Oder sollte sich Deutschland nach Osten wenden, hin zu kollektivistischen Gesellschaftsentwürfen und autoritären Politikmodellen? In der alten Bundesrepublik, mit Adenauer, NATO und EG schien diese Frage abschließend beantwortet: Westbindung.Doch inzwischen sind vermehrt Kräfte zu beobachten, die diese Frage wieder aufschnüren wollen. Und als ein Hebel dafür dient ihnen die Ost-West-Debatte. Björn Höcke hat dies in bemerkenswerter Klarheit ausgesprochen, als er sagte, dass man echte Deutsche nur noch im Osten finde, während in Westdeutschland bloß „deutsch sprechende Amerikaner“ lebten. Die Formulierung hat Höcke vermutlich von Putins Chefpropagandistin Margarita Simonjan übernommen. Das ist ein Hinweis darauf, dass es in der Debatte nicht nur um regionale Befindlichkeiten geht, sondern auch grundsätzliche Fragen mitverhandelt werden, die alle Deutschen angehen.