Der Instagram-Mutterkonzern Meta hat sich mit 47 US-Bundesstaaten auf einen Vergleich geeinigt. Meta muss 17 Milliarden an Strafen zahlen und seine Produkte anpassen. Der Vergleich gilt als Kapitulation des Konzerns in dem viel beachteten Prozess, der sich auch um die Frage drehte: Machen die großen Onlineplattformen ihre jungen Nutzer süchtig?„Lass die Nutzer anbeißen, halte sie so lange es geht, schöpfe ihre Daten ab. Verstecke die Wahrheit vor der Öffentlichkeit“, hatte Kaliforniens stellvertretende Generalstaatsanwältin Megan O’Neill das Geschäftsmodell von Meta in ihrem Eröffnungsplädoyer beschrieben. Meta bezeichnete die Vorwürfe der Staaten daraufhin als „schwach und unbelegt“.Nun die Wende: Meta erklärte sich neben der Strafzahlung bereit, die Nutzungsdauer von Teenagern auf seinen Plattformen zu begrenzen und Funktionen zu sperren, die psychische Probleme verschlimmern, wie die „New York Times“ berichtet.Vor dem Gerichtsgebäude in Oakland zeigen Demonstranten vergangene Woche Fotos von verstorbenen Jugendlichen, deren Tod angeblich mit der Nutzung sozialer Medien in Zusammenhang steht.ReutersZwar existiert derzeit keine Diagnose „Social-Media-Sucht“. Mediziner sprechen eher von „problematischer Social-Media-Nutzung“, die im Klassifikationssystem „IDC-11“ keinen eigenen Eintrag hat, sondern unter „sonstige Störungen infolge von Suchtverhalten“ fallen könnte. Übersichtsstudien kommen aber zu dem Schluss, dass die Nutzung von Social-Media bei bis zu 13 Prozent der Jugendlichen heutzutage problematische Ausmaße annimmt, wie die unabhängige Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ in ihrer Bestandsaufnahme zusammenfasst. In Deutschland erfüllten demnach 4,7 Prozent der Zehn- bis Siebzehnjährigen die Voraussetzungen für eine „pathologische“ Nutzung sozialer Netzwerke.Inzwischen kristallisiert sich heraus, dass die Gründe für diese problematische Nutzung keineswegs in den Inhalten zu finden sind, sondern in der Art, wie die Plattformen die Inhalte ihren Nutzern darreichen. Im März erwirkte eine Zwanzigjährige in Los Angeles ein wegweisendes Urteil gegen Meta und den Google-Konzern Alphabet, indem sie argumentierte, Designelemente von Instagram und Youtube hätten ihr psychisch geschadet. Die Europäische Kommission stellte wiederum in einem vorläufigen Verfahren im Februar fest, dass das „suchterzeugende Design“ von Tiktok gegen das Gesetz über digitale Dienste verstößt. Doch welche Elemente sind dabei genau gemeint? Und was macht sie so gefährlich?„Endlose Scrollen“: Wischen ohne PauseDas „endlose Scrollen“ wird oft als ein „dark pattern“, also ein manipulatives Designmuster, genannt. Auch in den Plädoyers der Staatsanwälte im aktuellen Prozess wurde es erwähnt. Die Funktion erlaubt es dem Nutzer, Inhalte kontinuierlich und ohne Unterbrechung zu erkunden, indem er auf der Plattform immer weiterwischt. Haltepunkte und Pausen, wie man sie etwa bei Seitenumbrüchen hat, fallen weg. Manche Experten gehen davon aus, dass Nutzer dadurch das Zeitgefühl verlieren und längere Zeit auf den Plattformen verbringen. Metaanalysen kommen zu dem Schluss, dass sich zwar nur wenige Studien speziell auf die Techniken fokussieren, die psychologischen Muster, die sie ausnutzen jedoch gut erforscht sind.Autoplay: Die Entscheidung wird dem Nutzer abgenommenDas endlose Scrollen ist eines von vielen Designelementen, die es dem Nutzer erschweren können, sich von einer Onlineplattform loszureißen. Die „Autoplay“-Funktion ist ein weiteres. Dabei spielt die Plattform Videos im Nachrichtenstrom automatisch ab, ohne dass der Nutzer etwas tun muss. Auch das automatische Abspielen des nächsten Videos, nachdem eines fertig ist, gehört zu dieser Kategorie.Nutzer der Videoplattform Youtube etwa gaben in Interviews an, solche Funktionen würden ihnen das Gefühl von Kontrolle nehmen und ihre Handlungskompetenz untergraben. Dieser Kontrollverlust ist gängiges Muster. Quynh Hoang, Expertin für digitalen Konsum von der University of Leicester, beschreibt in einem Artikel ihre Erfahren mit exzessiven Nutzern sozialer Medien. Bei ihnen werde die Nutzung zu einem „reflexartigen Vorgang, da bewusste Entscheidungsfindung durch die Gestaltung der Plattform praktisch außer Kraft gesetzt wird“.Personalisierung: Auf den Nutzer zugeschnittenEin zentraler Mechanismus auf den großen Internetplattformen ist die Personalisierung. Die Algorithmen der Plattform sammeln Informationen darüber, was den Nutzer fesselt oder ihn zu Interaktionen wie „Likes“ oder dem Teilen von Inhalten anregt. So können sie ein Profil seiner Interessen anlegen, um ihn mit weiteren Inhalten bei der Stange zu halten.Ein Experiment von Forschern aus Amsterdam hat 2025 am Beispiel von Tiktok die Effektivität dieses Designelements verdeutlicht: 88 Nutzer bekamen eine Woche lang einen etwas weniger personalisierte Videos angezeigt. Das Ergebnis: Sie waren kürzer und seltener auf der Plattform und konnten ihre Nutzung besser regulieren.Der Angriffspunkt ist hier wahrscheinlich das Belohnungssystem im Gehirn. Ein ansprechendes Video aktiviert den Neurotransmitter Dopamin und sorgt für einen Glückskick.Variable Belohnung: Der digitale einarmige BanditWichtig dabei scheint aber zu sein: Nicht jedes Video trifft den Geschmack des Nutzers; nicht jeder Inhalt überzeugt; nicht immer wird Dopamin ausgeschüttet. Das Wischen über das soziale Netzwerk oder überhaupt das Aufsuchen der Onlineplattform wird manchmal belohnt und manchmal nicht. Man spricht von „intermittierenden variablen Belohnungen“.Wenn man beim Blick auf das Smartphone leer ausgeht, motiviert das, bald wieder draufzuschauen. Experten vergleichen das mit der Funktionsweise von Spielautomaten, bei denen der Gewinn auch variabel ist und die im Vergleich zu anderen Glücksspielen schneller zu Abhängigkeiten führen. Passend dazu haben Plattformen wie Instagram die Funktion „pull to refresh“: Man erhält einen komplett neuen Nachrichtenstrom, indem man die Inhalte mit auf dem Smartphone mit einer charakteristischen Geste des Daumens nach unten zieht, so wie man den Hebel eines einarmigen Banditen bedient.Likes, Follower, Kommentare: eine soziale WährungNach einem ähnlichen Muster funktionieren die Glückskicks, die durch Reaktionen anderer Nutzer auf die eigenen Inhalte wie Bilder oder Videos ausgelöst werden. Sie führen laut Julia Brailovskaia vom Deutschen Zentrum für psychische Gesundheit zu einer Konditionierung: „Am Anfang bekomme ich nur ein paar Likes – damit bin ich zufrieden“, erklärte sie gegenüber dem Science Media Center. Dann wollten die Nutzer aber immer mehr Likes und müssten entsprechend mehr Bilder posten. „Der Mensch ist da nicht anders als die Ratte im Käfig, die immer öfter auf einen Schalter drückt, um Zucker zu bekommen“, sagt sie. Unser Gehirn funktioniere genau nach dem gleichen Prinzip.Vergängliche Inhalte: „fear of missing out“Benachrichtigungen: Ständiger StörfaktorBenachrichtigungen zählen ebenfalls zu den Designelementen, die eine häufige Nutzung verankern könnten. Sie tauchen in Form von „Pushnachrichten“ auf dem Smartphone auf oder als rote Kreise, die anzeigen, dass es auf der Plattform etwas Neues gibt. Sie funktionieren ebenfalls nach dem Muster der „variablen Belohnung“, indem sie „zeitlich unvorhersehbar und aufdringlich aber potentiell relevante Inhalte vermitteln“, wie Psychologen aus der Schweiz und Frankreich in „Computers in Human Behavior“ darlegen. Sie seien darauf ausgelegt, Belohnungsmechanismen zu nutzen und die Nutzerinteraktion zu maximieren. Damit ergänzen sie den eingangs erwähnten Mechanismus des endlosen Scrollen, indem sie die Nutzer, die sich von der Plattform losreißen konnten, wieder zurückholen.Da sie die Aufmerksamkeit dann auf sich ziehen, wenn der Nutzer gerade mal nicht auf der Plattform ist, verursachen sie ständige Ablenkungen. Entsprechend zeigen Studien, dass Nutzer ihr Wohlbefinden verbessern können, wenn sie die Benachrichtigungen ausschalten.Hinweis: Eine frühere Version des Artikels ist vor der Einigung zwischen Meta und den Bundesstaaten erschienen. Wir haben die Information über die Einigung nun ergänzt.
Diese Funktionen bei Social Media machen Teenager abhängig
Der Facebook-Konzern Meta muss 17 Milliarden Dollar Strafe zahlen. Im Fokus des Gerichtsverfahrens standen auch Designelemente, die Jugendliche abhängig machen sollen. Was macht sie so gefährlich? Ein Überblick.















