Instagram ist das neue Rauchen: Die Billionenklage gegen den Zuckerberg-Konzern folgt dem Muster der Prozesse gegen die Tabakindustrie29 amerikanische Gliedstaaten werfen dem Social-Media-Giganten Meta vor, Minderjährige aus Profitgier abhängig zu machen. Verhandelt werden digitale Technologien, doch Vorbild sind Prozesse aus der analogen Ära.23.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenOpfer der Digitalkonzerne? Mädchen scrollt auf dem Smartphone.Richard Bailey / GettyBis zu 1,4 Billionen Dollar an Schadensersatz- und Strafzahlungen: Der Gerichtstermin in Oakland könnte teuer werden für Meta. Diese Woche hat unweit des Silicon Valley der Prozess «People of the State of California vs. Meta Platforms Inc.» begonnen: Eine Allianz von 29 Gliedstaaten wirft dem Social-Media-Giganten vor, mit seinen Plattformen Facebook und Instagram Kinder und Jugendliche geködert und abhängig gemacht zu haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aus Profitgier habe Meta die Öffentlichkeit systematisch und wider besseres Wissen über die Gefahren seiner Social-Media-Plattformen getäuscht. Der von Mark Zuckerberg gegründete Konzern habe damit Gesetze auf Bundes- und Landesebene gebrochen. Entscheidet die von einer Jury beratene Richterin Yvonne Gonzalez Rogers für die Kläger, droht Meta zumindest ein finanzieller Aderlass.Whistleblower stützt die AnklageDie Rekordsumme von 1,4 Billionen Dollar entspricht dem derzeitigen Börsenwert von Meta und wird von Experten, aber auch von Meta-Juristen ins Spiel gebracht: Sie werfen der Klage zwar fehlende Substanz vor, beschwören aber, sie könnte das Unternehmen ruinieren. Die Gliedstaaten halten sich mit konkreten finanziellen Forderungen vorerst zurück. Doch der kalifornische Generalstaatsanwalt Rob Bonta warf am Dienstag eine Grössenordnung von «200 Milliarden Dollar, mehr oder weniger» in die Runde. Dies entspricht den Jahreseinnahmen von Meta. Momentan verfügt der Konzern über Kapitalreserven von 90 Milliarden Dollar. Der Prozess dürfte sechs Wochen dauern, der Meta-Gründer Mark Zuckerberg wird als Zeuge vor Gericht erwartet.Die Kläger haben zur Stützung des Vorwurfs den Whistleblower Arturo Béjar aufgeboten. Der ehemalige leitende Sicherheitsingenieur bei Meta will acht Jahre lang miterlebt haben, wie die Konzernleitung eigene Studien zu schädlichen Folgen bis hin zu Selbstmorden unterdrückt oder verfälscht hat. Diese Vorwürfe sind in den Grundzügen bereits seit den spektakulären «Facebook Files» der ehemaligen Meta-Mitarbeiterin Frances Haugen von Ende 2021 bekannt.Im Hintergrund ist «Joe Camel» präsent am ProzessBei California v. Meta werden zwar neuartige, auf die Beeinflussung gerade junger Hirne zugeschnittene Technologien vor Gericht verhandelt. Aber in Oakland sind deutlich ältere Figuren im Hintergrund präsent: «Joe Camel» und der «Marlboro Man».Davon sind Fachleute wie Vincent Joralemon überzeugt. Der Rechtsprofessor an der University of Berkeley fühlt sich an die Tabakklagen der 1990er Jahre erinnert. 1998 hatte ein Bündnis von vierzig Gliedstaaten nach langwierigen Prozessen gegen Philip Morris und drei weitere Tabakkonzerne einen Vergleich in Höhe von 246 Milliarden Dollar erzielt. Bereits damals lautete der von Whistleblowern und internen Dokumenten untermauerte Vorwurf, die Tabakkonzerne hätten Minderjährige aus Profitdenken in eine lebensgefährliche Abhängigkeit getrieben. Die Konsumenten hätten sich von der Werbefigur «Joe Camel» zum Rauchen verleiten lassen.Das «Master Settlement» mit der Tabakindustrie war enorm profitabel für die Klägeranwälte. Die Kanzleien der legendären Klägeranwälte Ron Motley und Richard Scruggs haben allein je rund eine Milliarde Dollar an Honoraren eingestrichen. Laut einer damaligen Analyse des konservativen Cato Institute hatten Advokaten Stundensätze von bis zu 7700 Dollar berechnet. Gemäss Schätzungen flossen insgesamt bis zu 13 Milliarden Dollar aus dem über viele Jahre abgewickelten Vergleich an Anwälte. Skandalös war zudem, dass Kanzleien und Advokaten ihre Auftraggeber bei Gliedstaaten mit Wahlspenden unterstützt hatten.Das Erfolgsmodell kam seither immer wieder zum Einsatz – mit unterschiedlichem Erfolg. Gerichtskampagnen, die Fast-Food- und Süssgetränke-Produzenten als Dealer anprangern, die Jung und Alt mit angeblichen Suchtmitteln wie Burger oder Cola fett und krank machen, kamen bislang kaum aus den Startlöchern. Dasselbe gilt für Klimaklagen gegen Öl- oder Kohlekonzerne. Aber eine Flut von Klagen gegen Hersteller und Vertreiber von hochgradig süchtig machenden Opiaten wie Purdue Pharma führte 2024 zu einem Vergleich in Höhe von 60 Milliarden Dollar. Unter dem Motto «Heute prozessieren – für ein besseres Morgen» spielt die von Motley mitgegründete Kanzlei Motley Rice weiterhin eine führende Rolle.Auch Bezirke und Gemeinden gehören zu den KlägernGanz auf vertrautem Terrain bewegt sich die Meta-Klage doch nicht. Denn in Oakland vertreten die Gliedstaaten ihr Anliegen erstmals selbst. Gleichwohl ist eine umfassende Beilegung der Vorwürfe ohne Klägeranwälte undenkbar. Denn landesweit haben Kanzleien laut der Agentur Bloomberg bereits über 4300 sogenannte Suchtklagen gegen Meta eingebracht.Zu den Klienten gehören neben Familien und Gliedstaaten wie New Mexico auch 1300 Schulbezirke, die meist mehrere Gemeinden umfassen. Teilweise sind die Vorwürfe auch gegen andere Unternehmen wie Alphabet, den Mutterkonzern von Youtube, Snap oder Tiktok gerichtet. Die Tech-Giganten haben in Kalifornien, Kentucky oder New Mexico bereits Niederlagen erlitten oder sind Vergleiche eingegangen. Dies stimmt die Staatsanwälte in Oakland optimistisch und schürt den Appetit der Kanzleien. Vor wenigen Tagen hat ein Gericht in New Mexico Meta bereits zu insgesamt 940 Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt. Davon sollen 67 Millionen Dollar an Motley Rice gehen.Da eine umfassende und endgültige Beilegung der Vorwürfe gegen Meta nur durch die Einbindung sämtlicher Klagen nach dem Vorbild des Tabakvergleichs denkbar ist, dürften die Kanzleien am Ende auch in Oakland auf ihre Kosten kommen. Im Internet suchen sie mit eigenen Plattformen mit amtlich klingenden Namen wie «Social Media Law Center» nach weiteren Klienten – inklusive Schnelltests für potenzielle Opfer. Je grösser die Zahl der Klienten, desto höher der «Payout» für die Advokaten.Nächstes Ziel sind Anthropic und Open AIDie Nachteile des Modells liegen auf der Hand. Während die Politik durch Grabenkämpfe und den Einfluss von Lobbyisten gelähmt ist, werden gesellschaftliche Probleme an die Gerichtsbarkeit verlagert. Ein starkes Motiv sind dabei die Budgetsorgen von ländlichen, konservativen Gliedstaaten, die sonst bei jeder Gelegenheit ihre Wirtschaftsfreundlichkeit hervorstreichen. So tragen Idaho, North Dakota oder West Virginia auch die Meta-Klage mit. Gleichzeitig bleibt die Beschreitung des Rechtswegs aber unwägbar. «California v. Meta» wurde im Frühjahr 2023 eingereicht, mehr als drei Jahre vor dem Prozessbeginn. Ob die USA jemals zu einem einheitlichen und wirksamen Schutz zumindest von Heranwachsenden vor den Gefahren der sozialen Netzwerke etwa nach dem Modell Australiens finden werden, ist zweifelhaft.Dennoch ist das Muster aus der «Joe Camel»-Ära noch lange nicht ausgereizt. Neben anderen Social-Media-Plattformen geraten neuerdings KI-Pioniere wie Open AI und Anthropic ins Visier von Klägeranwälten. Beteiligt ist mit Florida zumindest ein konservativer Gliedstaat. Die Vorwürfe klingen vertraut: KI-Modelle wie Chat-GPT sollen verwundbare Jugendliche in ihren Bann geschlagen und zu Gewalt gegen sich und andere animiert haben.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel