Jetzt reagiert auch Nestlé. Der Lebensmittelkonzern schaut nicht länger zu bei der vielleicht größten Bedrohung für sein Geschäftsmodell derzeit. Nestlé will neue, maßgeschneiderte Produkte für eine Kundengruppe entwickeln, die immer weniger abgepackte Lebensmittel und Snacks kauft. Statt schnellen Genusses steht die Muskelgesundheit im Vordergrund und der Kampf gegen eingefallene Gesichter wegen verlorenen Wangenfetts. Nestlé sieht darin eine „riesige Chance“, wie Technologiechef Stefan Palzer gegenüber Reuters erklärte.Der Grund für Palzers Aufregung ist ein Hormon mit dem unscheinbaren Namen GLP-1. Besser bekannt sind die Markennamen von Medikamenten, die sich dieses Hormon zunutze machen: Ozempic, Wegovy und Mounjaro, umgangssprachlich „die Abnehmspritze“. Millionen Menschen nehmen bereits GLP-1-Medikamente. In den USA lebt in jedem fünften Haushalt ein GLP-1-Patient. In Deutschland waren es Anfang dieses Jahres einer Yougov-Umfrage zufolge zwei Millionen Haushalte. In weiteren zwei Millionen zieht jemand eine Behandlung in Betracht. Ihre Zahl dürfte eher noch wachsen: Anfang September wird Wegovy, das Abnehmmedikament des dänischen Konzerns Novo Nordisk, in Pillenform auf den deutschen Markt kommen.Die Verbreitung der Abnehmmittel hat nicht nur Auswirkungen auf Gesundheit und Bauchumfang derer, die sie nehmen, sondern auch auf Wirtschaft und Gesellschaft. Nach einer Schätzung der Industrieländer-Organisation OECD schlägt die Behandlung übergewichtsbedingter Krankheiten in 52 Ländern mit 425 Milliarden Dollar im Jahr zu Buche. Die Wirtschaftsleistung wird durch Übergewicht um 3,3 Prozent geschmälert.Dementsprechend groß ist der Hebel von Ozempic & Co.: GLP-1-Medikamente wirbeln schon heute auf bemerkenswerte Weise die Wirtschaft auf. Manche der Folgen sind unumwunden positiv. Andere legen überhaupt erst hässliche Seiten der Gesellschaft offen.Die Lebensmittelkäufe sinkenDass Nestlé gut daran tut zu überlegen, wie es weiterhin Lebensmittel an GLP-1-Patienten verkaufen kann, zeigt ein Blick auf deren Konsumverhalten. Denn da zeigt sich ganz eindeutig: Sie geben weniger für Essen aus. Forscher der Cornell-Universität haben ermittelt, dass Haushalte, in denen mindestens eine Person die Abnehmspritze nutzte, ihre Lebensmittelausgaben um 5,3 Prozent reduzierten. Wohlhabendere Haushalte gaben gar 8,2 Prozent weniger aus, und Ausgaben für Essen außerhalb des eigenen Zuhauses fielen durch die Bank um acht Prozent.Die Ökonomen fragten die Patienten auch, wovon sie weniger konsumieren. Am meisten ging der Kauf von kalorien-, zucker- und fettreichen Lebensmitteln zurück: von Chips und anderen herzhaften Snacks, von süßem Gebäck und Keksen. Aber die Menschen kauften auch weniger Fleisch, Eier, Gemüse und Brot. Nur vier Produktgruppen wurden häufiger gekauft: frisches Obst, Energieriegel, Snacks aus Fleisch und – vor allem anderen – Joghurt.Damit bewahrheitet sich, was sich schon vor drei Jahren erahnen ließ. Damals fielen plötzlich die Aktienkurse von Coca-Cola, McDonald’s und anderen Anbietern kalorienreicher Lebensmittel, noch bevor die Abnehmmedikamente weitverbreitet waren. Der Nachweis ihrer Wirksamkeit genügte, um zu zeigen: Das Geschäft der Fast-Food-Branche wird in einer Welt voller Ozempic-Patienten schwieriger.Weniger Krankentage, nicht mehr GehaltDie Deutschen sind zu oft krank, findet zumindest der Bundeskanzler. Wir müssten alle mehr arbeiten. Doch wie die Krankentage reduzieren? Neue Zahlen aus Dänemark lassen aufhorchen. Dort fiel die Zahl der langfristigen Krankheitsausfälle bei GLP-1-Patienten um 17,3 Prozent, wie Forscher der Universität Kopenhagen und der Rockwool-Stiftung gemeinsam mit internationalen Kollegen ermittelt haben. Als langfristig definieren die Forscher die Ausfälle, die länger als 30 Tage andauern. Umgerechnet mehr als 600 Euro pro Beschäftigtem könnten so eingespart werden, schätzen die Forscher.Ist also die Lösung für des Bundeskanzlers Nöte, einfach ganz Deutschland auf Ozempic zu setzen? Immerhin entfallen 40 Prozent der Fehltage in deutschen Betrieben auf ebensolche Langzeiterkrankungen, in Deutschland definiert als sechs Wochen oder länger.So einfach sei das nicht, warnt Nikolas Ziebarth, Gesundheitsökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW in Mannheim. Denn die dänischen Forscher basieren ihre Zahlen auf Patienten, die schon 2018 oder 2019 Ozempic oder Wegovy verschrieben bekamen, als das Medikament noch recht neu war. Es handle sich also mutmaßlich um Leute, deren Not besonders groß war, und es sei gut möglich, dass genau solche Leute auch öfters krank seien und mehr zu gewinnen hattenDer Effekt beim Durchschnittspatienten könnte daher durchaus kleiner anfallen. Dennoch: „Dass sich die Gesundheit verbessert und die Zahl der Langzeitkrankheitsepisoden signifikant zurückgeht, das halte ich für generalisierbar“, sagt Ziebarth. Da das dänische System dem deutschen nicht so unähnlich sei, seien die Resultate vermutlich recht gut auf Deutschland übertragbar. Weitere Arbeitsmarkteffekte etwa auf die Beschäftigungsquote fanden die Forscher nicht. Und auch die Einkünfte der Betroffenen blieben (wegen des großzügigen dänischen Krankengeldes) konstant. Doch womöglich übersehen sie dabei einen Effekt, der nur eine bestimmte Gruppe trifft.Frauen finden schneller einen Job ...Übergewichtige Menschen sind im Arbeitsmarkt schlechtergestellt. Sie arbeiten im Durchschnitt weniger und verdienen weniger Geld. Es ist eine Korrelation, die vor allem auf Frauen zurückgeht: Übergewichtige Frauen sind öfter arm, arme Frauen sind öfter übergewichtig. Aber es ist gar nicht so einfach zu sagen, was hier Ursache und Wirkung ist: Sind übergewichtige Menschen womöglich aufgrund ihres Gewichts einfach weniger gesund und deshalb weniger produktiv, leisten also weniger? Oder werden sie am Arbeitsplatz diskriminiert?Eine neue Untersuchung liefert einen starken Hinweis darauf, dass Letzteres zumindest eine Rolle spielt. Die Harvard-Ökonomin Rebecca Diamond hat anhand amerikanischer Daten ermittelt, wie sich die Einnahme von GLP-1-Medikamenten aus Gewichtsgründen auf die Arbeitsmarktchancen der Patienten auswirkt. Anders als die dänische Studie schaut sie dabei nur auf Menschen mit Adipositas, nicht mit Diabetes. Und, noch wichtiger, sie unterscheidet zwischen Männern und Frauen. Und da zeigt sich ein gewaltiger Unterschied zwischen den Geschlechtern. Diamond verglich Frauen, die ein Abnehmmedikament nahmen, mit denen, die es zumindest einmal in Erwägung gezogen hatten, aber es dann sein ließen. Arbeitslose Frauen, die das Mittel nahmen, hatten nach anderthalb Jahren um 27 Prozentpunkte häufiger eine Stelle. Bei Männern hingegen fand sich ein solcher Effekt nicht.Ein anderer Unterschied lässt umso eher vermuten, dass es hier wirklich um Diskriminierung geht und übergewichtige Frauen auf dem Arbeitsmarkt keine faire Chance bekommen. Denn fast gar keinen Effekt gab es bei denjenigen Frauen, die schon einen Job hatten. Sie waren anschließend sogar etwas weniger häufig beschäftigt, was Diamond zufolge an den Nebenwirkungen der GLP-1-Medikamente liegen könnte. Die Mittel können zu Übelkeit und Verdauungsproblemen führen.Der Unterschied tritt also nicht im laufenden Betrieb zutage, sondern genau dort, wo es um einen ersten Eindruck geht und ein Arbeitgeber die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Bewerberin nicht kennt. „Das ist genau der Punkt, an dem Diskriminierung aufgrund des Körpergewichts am wahrscheinlichsten auftreten würde“, argumentiert Diamond.... und einen PartnerDie Benachteiligung dicker Frauen beschränkt sich nicht auf den Arbeitsmarkt. Auch im Privatleben hat die Einnahme der Abnehmmedikamente bisweilen enorme Effekte. Auch das hat die Harvard-Ökonomin Diamond untersucht. Sie sah sich Frauen an, die zu Beginn ihrer Ozempic-Therapie Single waren. Nach der Therapie mit den Abnehmmitteln waren diese um 29 Prozentpunkte häufiger verheiratet oder lebten mit einem Partner zusammen. Dass Frauen, die abgenommen haben, sich bloß motivierter in den Datingmarkt stürzen, schließt Diamond aus: Die Behandlung ging weder mit weniger Depressionen oder Einsamkeit noch mit einer höheren Lebenszufriedenheit einher. Die Ergebnisse seien vereinbar mit der Annahme, dass der erste Eindruck auf dem Datingmarkt eine Rolle spielt und Männer ihre potentielle Partnerin nach dem Gewicht bewerten, so Diamond.Dass Männer dünne Frauen attraktiver finden, mag nicht überraschen. Bemerkenswert ist aber, dass das Ergebnis andersherum nicht standhält: „Das auffälligste Ergebnis bei Männern ist, dass sie – im Gegensatz zu Frauen – ihre ursprünglichen Partner nach der Behandlung verlassen“, fasst Diamond es zusammen. Nun kann man aus den Daten nicht wirklich so klar sagen, wer wen verlässt, aber so viel ist klar: Für Männer in Beziehungen, die beginnen, selbst die Medikamente zu nehmen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Beziehung nach anderthalb Jahren vorbei ist, um zwölf Prozentpunkte. Für Single-Männer scheint hingegen der Gewichtsverlust keine Rolle dabei zu spielen, eine neue Partnerin zu finden.Die Medikamente finanzieren sich nicht selbst – bisherBei all den positiven Nachrichten läge die Hoffnung nahe, dass die GLP-1-Medikamente ihre hohen Kosten von selbst finanzieren: wenn die Menschen gesünder werden, weniger Geld für Essen ausgeben und vor allem später geringere Kosten im Gesundheitssystem verursachen. Über eine Frist von fünf Jahren fällt das Fazit allerdings ernüchternd aus. Statt Geld einzusparen, verursachten GLP-1-Patienten in den USA sogar noch Kosten über die eigentliche Behandlung hinaus, unter anderem durch weitere Arztbesuche wegen Nebenwirkungen. Das zeigt eine Untersuchung von Forschern der Indiana-Universität.Wie das Urteil in 15 oder 20 Jahren ausfällt, das lässt sich heute noch nicht sagen. Schließlich dürften viele der Kosten von Fettleibigkeit im Gesundheitssystem erst langfristig anfallen. Damit es hier zu nennenswerten Einsparungen käme, müssten die Patienten allerdings die Medikamente auch langfristig nehmen, um nicht wieder zuzunehmen. In Dänemark brach mehr als die Hälfte der Patienten die Therapie schon nach einem Jahr ab.Aber die Kosten von Fettleibigkeit gehen weit über das Gesundheitssystem hinaus. Sie äußern sich in niedrigeren Löhnen, in sozialem Stigma, in höheren Krankentagen. „Aus meiner Sicht rentiert sich das für die Gesellschaft, weil die Menschen gesünder werden“, glaubt Gesundheitsökonom Ziebarth, der sich dafür ausspricht, dass die Krankenkassen die GLP-1-Medikamente bezahlen. Er hat ausgerechnet, wie hoch die Gesundheitskosten der Fettleibigkeit in Deutschland sind. Nach einer vorläufigen Schätzung belaufen sich diese Kosten auf 2000 Euro pro Person und Jahr. „Wenn man Gesundheits- und Arbeitsmarkteffekte zusammen betrachtet, erreichen wir gesellschaftlich einen Break-even.“ Wenn mittelfristig die Kosten der Medikamente fallen, weil Patente auslaufen, dürfte diese Rechnung noch klarer ausfallen. Nachdem jahrzehntelang die Fettleibigkeit in den reichen Ländern zugenommen habe, gebe es endlich ein Mittel dagegen, erinnert Ziebarth. „Das ist wirklich ein Gamechanger.“