Alternative zur Spritze: Ab September ist in Deutschland die erste Pille zum Abnehmen erhältlich und bald auch in der SchweizDie Tablette wirkt genauso wie die bekannten Abnehmspritzen. Die ersten Erfahrungen aus den USA zeigen, dass vor allem Neueinsteiger sie nutzen.23.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDerselbe Wirkstoff: Laut Studien verlieren die Patienten mit den Tabletten wie mit den Spritzen jeweils zwischen 15 und 20 Prozent ihres Gewichts.Maskot / GettyPille statt Spritze. Wer ab September in Deutschland ein Abnehmmittel nehmen möchte, kann künftig täglich eine Tablette einnehmen. Enthalten ist derselbe Wirkstoff wie in den Ozempic- oder Wegovy-Spritzen. Zugelassen ist das Präparat – ebenso wie die Spritzen – für übergewichtige oder adipöse Patienten, die bereits eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung aufweisen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Allerdings müssen die Nutzer eines beachten. Die Tablette soll morgens auf nüchternen Magen mit nur einem kleinen Schluck Wasser eingenommen werden, das Frühstück muss dann noch eine halbe Stunde warten.Voraussichtlich Anfang kommenden Jahres wird die Pille auch in der Schweiz als Abnehmmittel erhältlich sein. Derzeit bearbeitet die Schweizer Zulassungsbehörde Swissmedic noch das Zulassungsgesuch. Bisher war die Tablette mit dem Wirkstoff Semaglutid sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz bereits als Mittel gegen Diabetes Typ 2 zugelassen und wurde diesen Patienten verschrieben.Die Wirkung der Tabletten ist ähnlich wie die der Spritzen. Laut den klinischen Studien verlieren die Patienten jeweils zwischen 15 und 20 Prozent ihres Gewichts. Auch die Nebenwirkungen sind vergleichbar. Es treten vor allem Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Durchfall, Erbrechen oder Verstopfung auf.«Da in beiden Produkten derselbe Wirkstoff enthalten ist, kann man problemlos von Spritzen auf Tabletten oder umgekehrt wechseln», erklärt Jens Aberle, Spezialist für Endokrinologie und Diabetologie am Adipositas-Centrum der Hamburger Uniklinik auf Anfrage. Man müsse nur in Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt das Einnahmeschema so anpassen, dass ausreichend Wirkstoff im Körper vorhanden ist.Umsteiger sollten nicht erschrecken, wenn sie die angegebene Wirkstoffmenge auf der Verpackung der Tabletten entdecken. In einer Tablette steckt nämlich die zehnfache Menge im Vergleich zur Spritze. Denn beim Schlucken wird via Verdauungstrakt deutlich weniger Wirkstoff vom Körper aufgenommen als wenn sich Patienten den Wirkstoff unter die Haut injizieren.Wenige wechseln in den USA von Spritze zu TabletteIn den USA sind die Tabletten bereits seit Anfang Jahr als Abnehmpräparat erhältlich. Im Juni wurde die Schwelle von drei Millionen Verschreibungen überschritten. Die ersten Erfahrungen zeigen, dass die meisten Nutzer nicht von den Spritzen auf die Abnehmpille wechseln, sondern Neueinsteiger sind.Was ist angenehmer: jeden Morgen eine Pille auf nüchternen Magen oder einmal wöchentlich eine Spritze in die Haut?Hannah Beier / ReutersExperten erwarten ein ähnliches Szenario auch für Deutschland oder die Schweiz. «Die meisten unserer Patienten kommen gut mit der Spritze zurecht», sagt Philipp Gerber, klinischer Leiter für Endokrinologie am Adipositas-Zentrum des Universitätsspitals Zürich. Für viele Patienten sei eine tägliche Tablette nicht bequemer als eine wöchentliche Spritze. Aber es sei denkbar, dass für einige Menschen der Einstieg mit einer Pille einfacher sei als mit einer Spritze. Noch ist unklar, ob die Tabletten günstiger sein werden.Warum Patienten die Therapie mit Abnehmmitteln abbrechenAdipositas-Experten gehen davon aus, dass künftig mehr Menschen Abnehmmedikamente einnehmen. Laut Umfragen können sich in der Schweiz oder in Deutschland insgesamt fünfzehn Prozent der Bevölkerung vorstellen, diese auszuprobieren. Fünf bis zehn Prozent tun es bereits.Demnächst soll zudem eine zweite Abnehmtablette in Europa zugelassen werden, die es für die Patientinnen und Patienten noch einfacher macht, da sie morgens ohne Einschränkungen geschluckt werden kann. Trotzdem erwarten Ärzte und Ärztinnen nicht, dass fast alle übergewichtigen oder fettleibigen Personen die Mittel nehmen.Das liegt zum einen an den oftmals unangenehmen Nebenwirkungen. Zum anderen schrecken die nach wie vor erheblichen Kosten ab. In der Schweiz schlagen die Spritzen mit knapp 200 bis 500 Franken pro Monat zu Buche. Wer das Mittel ausschliesslich zum Abnehmen verwendet, muss sie nach drei Jahren selbst zahlen. In Deutschland kosten die Mittel ähnlich viel. Hier werden die Kosten ausschliesslich für Diabetiker übernommen.Manche dürfte auch die Tatsache abhalten, dass die Mittel gemäss heutigem Stand des Wissens dauerhaft genommen werden müssen, sagt Gerber. Adipositas sei schliesslich eine chronische Erkrankung. Studien zeigen: Wer die Mittel absetzt, nimmt die verlorenen Kilogramm wieder zu. Auch die Verbesserungen, zum Beispiel des Herz-Kreislauf-Systems, verschwinden wieder.Möglicherweise sind viele auch mit den erzielten Ergebnissen unzufrieden. Denn in der realen Welt gehen meist weniger Kilogramm verloren, als die klinischen Studien und die Hersteller verheissen. «Oft sind es zehn bis fünfzehn Kilo, fast niemand schafft zwanzig Prozent des Körpergewichts», berichtet Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der Technischen Universität München, kürzlich in einem Pressebriefing des Science Media Center.Ob es an den Nebenwirkungen, an den Kosten, zu hohen Erwartungen oder fehlender ärztlicher Betreuung liegt, offenbar herrscht eine gewisse Unzufriedenheit bei den Nutzern. Ein Jahr nach Therapiebeginn nimmt nur noch rund die Hälfte der Patienten die Mittel. Diese Situation dürfte sich auch mit Tabletten nicht wesentlich ändern.Wer die Mittel am meisten benötigtEinen deutlichen Effekt haben die neuen Abnehmpillen bereits jetzt: In Deutschland nimmt die Debatte um die Erstattung wieder Fahrt auf. «Es gibt eine Gruppe von Personen, die in grossem Masse von den Mitteln profitiert und diese daher erstattet bekommen sollte», betont Hauner. Es sind übergewichtige oder adipöse Patienten, die bereits Anzeichen für Folgeerkrankungen oder mehrere Risikofaktoren dafür aufweisen. Dazu zählen erhöhter Blutdruck, Blutzucker oder erhöhte Blutfettwerte. Diese Gruppe sei nicht allzu gross, sie lasse sich zudem einfach bestimmen, sagt Hauner. «Für diese Menschen sind Ozempic und Co. kein Lifestyleprodukt.»In Frankreich oder Grossbritannien bekommen solche Patientinnen und Patienten die Mittel von den Krankenkassen bezahlt. Sie kosten sogar weniger als für Selbstzahler. Denn nach den Verhandlungen mit den Kassen haben die Hersteller die Preise für Patienten gesenkt.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel