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Luftfahrt: United wettet auf die Europa-Sehnsucht der Amerikaner US-Touristen reisen so gern nach Europa wie nie zuvor. United Airlines will sie mit einem neuen Airbus-Modell künftig auch direkt an kleinere Orte bringen – und investiert dafür in großem Stil.
United-Airlines-Chef Scott Kirby: Ausbau des Transatlantiknetzes. Foto: AFPNew York. Die Urlaubswünsche seiner Landsleute kennt Patrick Quayle ziemlich genau: „Amerikaner lieben es, Party zu machen.“ Quayle ist Chefroutenplaner von United Airlines und steht an diesem Dienstagmorgen im Hangar 54 am Newark Liberty Airport vor den Toren New Yorks. Hinter der Hallenwand dröhnen Turbinen, Flugzeuge machen sich für ihren Start auf Bahn 04L/22R bereit.Ab dem 31. Mai kommenden Jahres sollen von hier auch United-Maschinen nach Ibiza, bekannt für ihre Nachtclubs, abheben. Die kleine Baleareninsel wird dadurch erstmals direkt aus der Weltmetropole angeflogen. Auf Ibiza, stellt Quayle in Aussicht, gebe es noch deutlich mehr als nur Techno-Musik.Die Insel steht dabei für einen größeren Trend: Amerikanische Touristen zieht es zunehmend nach Europa – und immer öfter nicht in die großen Metropolen, sondern in kleinere Orte. United hat das früh erkannt und investiert kräftig in sein Transatlantiknetz.Für 2027 kündigte die Airline am Dienstag die größte internationale Expansion ihrer Geschichte an, vor allem nach Europa. Die neuen Verbindungen sollen Reisende künftig ohne Umstieg direkt in Urlaubsstädte abseits der Hotspots bringen. Möglich macht das auch ein neues Modell des Flugzeugbauers Airbus – mit gerade einmal 150 Sitzen.Seit Ende der Coronapandemie ist das Interesse an europäischen Zielen unter Amerikanern stark gewachsen. Das National Travel and Tourism Office (NTTO) zählte im vergangenen Jahr rund 23,3 Millionen Flugreisen von US-Bürgern nach Europa – ein Anstieg von fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gegenüber 2015 hat sich die Zahl der Europareisen damit sogar fast verdoppelt.Inspiration von TiktokGetrieben wurde der Boom von mehreren Faktoren: dem Nachholbedarf nach der Pandemie und aufgestauten Ersparnissen, aber auch von einem für Amerikaner lange günstigen Wechselkurs. Der Dollar notierte zeitweise auf Parität zum Euro und hielt sich in den vergangenen Jahren stark.Nachtclubs auf Ibiza: Ein Ziel vieler US-Reisender. Foto: AFP/Getty ImagesDoch auch die sozialen Netzwerke verstärken den Trend. Reise-Influencer schwärmen Nutzern nicht mehr nur von den traditionell bei amerikanischen Touristen beliebten Hotspots wie Paris und London vor. Sie empfehlen zunehmend Orte, die ursprünglich nur unter Europäern beliebt waren. „Kleinere, malerische Städte und Ortschaften erleben ein gestiegenes Interesse bei US-Reisenden“, heißt es dazu in einer Analyse des Ferienhausvermittlers Hometogo.Innerhalb der Generation Z würden inzwischen 54 Prozent nach Inspiration für den Urlaub auf Tiktok suchen. „Reisende wollen 2026 die realen Orte hinter dem Trend besuchen.“ Die Suchanfragen von Amerikanern für einen Urlaub im französischen Annecy in 2026 hätten sich auf der Plattform im Vergleich zum Vorjahr fast verzehnfacht, Unterkünfte in der italienischen Kleinstadt Orvieto wurden mehr als sieben Mal so häufig gesucht.Das hat offenbar auch United erkannt. Neben Ibiza soll es ab dem Frühjahr kommenden Jahres neue Direktverbindungen aus den USA unter anderem nach Toulouse und Valencia geben, in die slowenische Hauptstadt Ljubljana oder nach Terceira auf den Azoren. Die meisten Strecken sind bislang noch ohne direkte US-Verbindung.„Wir wollen Menschen inspirieren, Orte zu besuchen, von denen sie noch nie gehört haben“, sagt Quayle und fügt hinzu: „Wir sind vielmehr eine Lifestyle-Marke als eine Fluggesellschaft.“Bislang ist jedoch die Erreichbarkeit eine Herausforderung. Um an Orte abseits der Hotspots zu kommen, müssen Amerikaner teils mehrfach umsteigen. United will dies in Zukunft durch ein neues Airbus-Modell in seiner Flotte lösen, das die Airline am Dienstag ebenfalls in Newark präsentierte: den A321 XLR. Das Flugzeug basiert auf dem Mittelstreckenjet A321 und hat in der United-Konfiguration nur 150 Sitze, ist mit zusätzlichen Tanks aber für die Langstrecke geeignet.Airbus A321 XLR auf einer Messe: Der Jet ermöglicht Direktverbindungen zwischen kleineren Flughäfen. Foto: AFPDer Jet ermöglicht Direktverbindungen zwischen kleineren Flughäfen, die mit größeren Maschinen kaum rentabel wären. Gleichzeitig verspricht United den Luxus der Langstrecke: Die Kabine beinhaltet 20 Plätze in der Business Class mit Schiebetür und OLED-Bildschirm, hinzu kommen zwölf weitere Premiumsitze. Insgesamt 50 Maschinen dieses Typs hat United bestellt.Zunächst wird der Jet nur auf den Strecken von Washington Dulles nach Amsterdam und Dublin eingesetzt; die weitere Planung hängt auch von den Auslieferungen des A321 XLR ab. Quayle erklärt gegenüber Reportern, dass es „einige Kinderkrankheiten“ gegeben habe. Er sei jedoch sicher, dass „wir die Anzahl an Flugzeugen haben werden, die wir brauchen, um den Flugplan zu fliegen“.In Deutschland fliegt United weiterhin nur München, Frankfurt und Berlin an. Allerdings stellt Quayle auf Handelsblatt-Nachfrage neue Destinationen in Aussicht. „Es gibt einige Städte in Deutschland, die für uns interessant sind“, sagt er.Luftfahrt „Premium-Kundenerlebnis“: Lufthansa kündigt eine neue Phase nach dem Großumbau an Zwar sah man die größten Möglichkeiten mit dem neuen Flugzeugmodell zunächst andernorts. „Doch sobald wir über mehr Flugzeuge verfügen, werden wir auf jeden Fall weitere Möglichkeiten prüfen, und davon gibt es einige in Deutschland“, so Quayle.Neue deutsche Ziele könnten allerdings das Verhältnis zur Lufthansa belasten. Beide Fluggesellschaften sind Partner in der Star Alliance und koordinieren im transatlantischen Joint Venture A++ unter anderem Flugpläne, Preise und Kapazitäten und teilen die Erlöse. Das Konzept setzt dabei vor allem auf den Umsteigeverkehr über Drehkreuze wie Frankfurt.Quayle betont, dass die Hubs auch künftig eine wichtige Rolle spielen werden. Der A321 XLR richte sich an Kunden, die bisher wahrscheinlich nicht mit United geflogen seien. „Oder falls doch, für die es unbequem war, erst nach Frankfurt und dann wieder nach Hause zu fliegen.“ Auch werde es immer kleinere Städte geben, für die der A321 XLR noch zu groß sei, so der Manager.Feuerwerk im französischen Annecy Anfang August: „Menschen inspirieren, Orte zu besuchen, von denen sie noch nie gehört haben.“ Foto: IMAGO/MAXPPPGleichzeitig startet United ab April kommenden Jahres eine neue Direktverbindung nach Luxemburg. Die Airline wird dieses Ziel von ihrem New Yorker Hub in Newark anfliegen. Manche Airlines hatten zuletzt die hohen Standortkosten und Gebühren an deutschen Flughäfen kritisiert und verlagerten deshalb Kapazitäten in Nachbarstaaten.United-Vize Andrew Nocella erklärt auf Handelsblatt-Nachfrage, man arbeite mit allen Flughäfen zusammen, um die richtige Balance zwischen einer guten Infrastruktur und den Kosten zu finden. Aber: „Wenn die Kosten so hoch werden, dass sie die Verbraucher vom Fliegen abhalten, wird das zu einem ernsthaften Problem“, so Nocella.Doch die Strategie ist auch aus anderen Gründen nicht ohne Risiko. Für den Sommer kühlte die branchenübergreifende Nachfrage leicht ab: Die Vorbuchungen aus den USA nach Europa lagen für Juli laut der Luftfahrt-Analysefirma Cirium zeitweise rund sieben Prozent unter dem Vorjahr.Zum einen ist der Dollar deutlich schwächer als noch zu Beginn des Europa-Booms. In diesem Jahr kostet die europäische Gemeinschaftswährung zwischen 1,15 und 1,18 Dollar. Reisen in Europa ist für Amerikaner damit spürbar teurer geworden.Zum anderen sind auch die Reisekosten gestiegen: Seit Beginn des Irankriegs hat sich Kerosin deutlich verteuert. United selbst rechnet für das laufende Jahr mit knapp sechs Milliarden Dollar zusätzlichen Treibstoffkosten. Mit Blick auf die Ticketpreise im kommenden Jahr sagte United-Chef Scott Kirby gegenüber Reportern: „Ich denke, es wird weiterhin schrittweise Preiserhöhungen geben. Allerdings nicht so stark wie in diesem Jahr.“Bei United bleibe man aber optimistisch – auch wegen der anhaltend hohen Nachfrage. Laut Chefroutenplaner Quayle sei dies auch wegen des Klimas in Südeuropa so. Weil es länger warm bleibt, würde sich die Saison bis in den Oktober oder sogar November hinein erstrecken, so Quayle. „Der Flugplan wird im September nicht mehr so schnell zurückgefahren wie früher.“ Veröffentlicht nach den redaktionellen Standards des Handelsblatts. Mehr Informationen finden Sie in unseren Richtlinien. 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