Das Chaos in Ceuta stürzt die linke Minderheitsregierung in Madrid in die Krise. Erst knapp vier Wochen nach dem großen Ansturm aus Marokko lässt Ministerpräsident Pedro Sánchez nach der Rückkehr aus seinem Sommerurlaub in der Nordafrika-Exklave durchgreifen. Nach Vorwürfen des konservativen Regierungschefs der Exklave, Madrid habe Ceuta „aufgegeben“, hat die Zentralregierung einen abrupten Strategiewechsel beschlossen und die Führung übernommen.Wochenlang hatten die Minister in Madrid den Eindruck erweckt, als würden die restlichen Migranten von selbst heimkehren – wie die mehr als 70.000 Menschen, die die Ende Juli zum größten Teil nach Spanien geschwommen waren und freiwillig nach Marokko zurückgekehrt waren. Jetzt rief der Nationale Sicherheitsrat in einer Sondersitzung für Ceuta eine „Lage von Interesse für die nationale Sicherheit“ aus. Nach einem Kabinettsbeschluss ist für das gesamte Krisenmanagement Territorialminister Ángel Víctor Torres verantwortlich. Unterstützt von einem Gremium, dem elf Minister und Vertreter der Regionalregierung von Ceuta angehören, soll Torres so schnell wie möglich wieder „die vollständige Normalität herstellen“.Diese Vereinheitlichung der Kommandokette hatten der Regionalpräsident von Ceuta und die konservative Volkspartei PP, der er angehört, seit Ende Juli gefordert. In Ceuta warfen am Dienstagabend Hunderte Demonstranten der Regierung in Madrid vor, sie habe ihre Stadt „im Stich gelassen“. Verteidigungsministerin Robles gestand vor einem Parlamentsausschuss Versäumnisse ein. Sie entschuldige sich bei allen in Ceuta, die sich „möglicherweise im Stich gelassen oder nicht ausreichend unterstützt gefühlt haben“. Die Regierung stehe an ihrer Seite und leide mit ihnen. Sechs weitere Minister werden im Zuge einer Kommunikationsoffensive dem Parlament bis Montag Rede und Antwort stehen, Sánchez soll am 3. September folgen.„Einwanderung wird die nächsten Wahlen entscheiden“Angesichts des andauernden Kontrollverlusts in Ceuta wächst der innenpolitische Druck auf seine linke Minderheitsregierung, die die liberalste Migrationspolitik in Europa zu ihrem Markenzeichen gemacht hat. Mit der laufenden Massenlegalisierung setzt sie auf Integration statt auf Abschottung. „Einwanderung wird das entscheidende Thema sein, um die nächsten Wahlen zu gewinnen“, schreibt am Mittwoch die Zeitung El País über die Parlamentswahl, die bis Sommer 2027 stattfinden muss.Die oppositionelle PP wirft der Regierung angesichts der „Invasion“ in Ceuta ein „Versagen“ ihrer Migrations- und Sicherheitspolitik vor. Sie fordert strengere Grenzkontrollen und will Legalisierungen von Ausländern in Spanien erschweren. Die Migrationskrise in Ceuta führte laut der staatlichen Beobachtungsstelle für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu einer regelrechten Explosion von ausländerfeindlichen Hassbotschaften im Internet von mehr als 3000 pro Tag.Die Rückführung der Migranten aus Marokko habe für die Regierung Priorität, sagte jetzt der neue Regierungskoordinator Torres. Die PP verlangt, dass alle zurückkehren, auch die unbegleiteten Minderjährigen sowie mögliche Asylberechtigte. Diese Forderung weist Torres als populistisch zurück, weil sie laut Gesetz gar nicht möglich sei.Bis heute keine verlässlichen Migranten-Zahlen in CeutaDie Zentralregierung kann bis heute keine verlässlichen Zahlen nennen, wie viele Migranten, Minderjährige und Asylbewerber sich seit Ende Juli in Ceuta aufhalten. Die Regionalregierung spricht von einer Gesamtzahl von etwa 10.000 in der Stadt mit 84.000 Einwohnern. In Madrid hebt man hervor, dass 90 bis 95 Prozent der mehr als 70.000 Menschen, die nach Ceuta gekommen seien, bald freiwillig nach Marokko zurückgekehrt seien.Laut Minister Torres wurden bisher gut 1400 Minderjährige registriert. Nach Angaben von Wirtschaftsminister Carlos Cuerpo wurden aber schon 2900 Kinder und Jugendliche identifiziert. Gut 1800 Erwachsene wurden seit Freitag in zwei Zeltlagern der Armee untergebracht. Etwa 4000 erhalten humanitäre Hilfe, die immer wichtiger wird, da es erste Fälle von Krätze und Tuberkulose gibt.Eine Sammelausweisung ist rechtlich ohne eine Einzelfallprüfung unmöglich. Doch für Tausende Fälle sind die Behörden nicht gerüstet, die bisher nicht einmal in der Lage waren, die Menschen von den Straßen zu holen. Dafür sollen jetzt auch mehrere Sportstadien genutzt werden. Bei den Minderjährigen muss oft erst das Alter medizinisch bestimmt und danach ein ausführlicher individueller Bericht erstellt werden. Vor einer Überstellung nach Marokko müssen dort Erziehungsberechtigte nachgewiesen werden. Ein weiterer Bericht muss bestätigen, dass von diesen keine Gefahr für die Minderjährigen ausgeht und sie keine Verfolgung befürchten müssen, die Asylgründe sein würden.Laut den letzten verfügbaren Zahlen der Generalstaatsanwaltschaft hielten sich Ende 2024 gut 16.000 unbegleitete Minderjährige in Spanien auf. Vier wurden nach Kolumbien, drei nach Rumänien und einer nach Frankreich repatriiert – nach Marokko seit 2021 keiner. Nach dem letzten großen Ansturm auf Ceuta vor fünf Jahren waren mehrere Hundert Minderjährige nach Marokko zurückgeschickt worden, was der Oberste Gerichtshof jedoch später für illegal erklärte.
Kontrollverlust in Ceuta: Sánchez greift nach vier Wochen durch
In Ceuta herrscht Chaos. Der Kontrollverlust schadet der linken Regierung in Madrid. Erst nach fast vier Wochen übernimmt sie das Kommando.







