Der Kanzler war in Ferien. Zu lang, sagen manche. Es waren etwas mehr als drei Wochen. Für die Republik ein ernster Abwesenheitsnotstand? Im Radio erinnerte bemüht lustig und aufgeregt der Publizist Albrecht von Lucke an „Wo ist Behle?“. „Am Tegernsee“ wäre die richtige Antwort gewesen, der Kanzler war nicht untergetaucht. Im Fernsehen hat soeben der neue Chef von „Politico“ behauptet, schon länger habe kein Kanzler mehr so lange Ferien gemacht. Das war blanke Desinformation, nach einfachster Recherche hätte er es besser wissen können.Man muss nicht auf die legendär langen Sommerfrischen von Kanzler Bismarck zurückgehen, um drei- und vierwöchige Aufenthalte, etwa von Angela Merkel in Südtirol oder von Helmut Kohl am Wolfgangsee, zu finden. Bei Olaf Scholz waren es 2024 knapp drei Wochen. Der bekannte Urlaub von Willy Brandt in Norwegen, bei dem ihn 1973 der später enttarnte Spion Guillaume begleitete, dauerte vier Wochen.Waren die Zeitläufte damals weniger angespannt, war die Anwesenheit des Kanzlers weniger erforderlich? In der Talkshow mit Politico-Bröcker trat deutlich ein anderer Unterschied zwischen damals und heute hervor. Denn vom Fernsehmann Lanz wurde gesagt, es seien Ereignisse wie der Drohnenfund in Leipzig, die Hitzewelle und die Waldbrände bei Hürtgental gewesen, die den (angeblich) langen Ferien entgegenstanden.Der Kanzler soll für die Kameras da seinDem Hinweis des Fraktionsvorsitzenden der CDU, Thorsten Frei, der Kanzler habe sich vom Urlaubsort aus doch gekümmert, entgegnete Lanz: Aber nicht vor Kameras. Darum also geht es. Nicht, ob der Kanzler arbeitet, sondern ob er sich zeigt, ist die Frage. Durchaus nicht die Frage aller, sondern die der Medien. Dass es nichts bringt, wenn er mit besorgtem Gesicht zu irgendwelchen wichtigen Orten eilt, um dort mit seinem Stab und Sicherheitsleuten im Weg herumzustehen, wird zwar zugestanden. Aber wenigstens in ein hingehaltenes Mikrofon hätte er doch sprechen können und sein Gesicht in die Kamera halten.Nicht die Bürger vermissten den Kanzler, die Sender taten es und versuchen es, den Bürgern einzureden. Wie es ausgeht, wenn der Kanzler sich dann doch zeigt, wurde anschließend vorgeführt. Den Satz, er spreche mit den Feuerwehrleuten, die arbeiten, und nicht mit Leuten, die schreien – im Hintergrund wurde er gerade ausgebuht –, verdrehte Lanz sofort zur Aussage: Leute, die protestierten, arbeiteten nicht. Das habe, so Lanz, ein „wahnsinniges Verhetzungspotential“.Dass er selbst dem Potential zur Wirklichkeit verhelfen wollte, indem er böswillig deutete, würde Lanz natürlich von sich weisen. Für den Gedanken, dass Merz zwischen denen unterschied, die buhten, und denen, die löschten, hatte er keinen Sinn. Dass Leute wie er dennoch der gute Grund dafür sind, wenn der Kanzler sich drei Wochen lang von den Kameras fernhält, schwant ihm nicht. Das Verlangen, der Kanzler habe für die Kameras da zu sein, enthält ein größenwahnsinniges Angeberpotential. Das Monitum, Thorsten Frei sei schon fast ein ganzes Jahr lang nicht in der Talkshow gewesen, passte dazu. Freis Antwort war lapidar: Er habe anderes zu tun gehabt.