Als man für das Fotografieren noch Filme auf Rolle brauchte, die richtig Geld kosteten, gab es eine eingespielte Dramaturgie: Man fuhr mit einer Handvoll Filmen in den Urlaub, kam mit ein paar Dutzend brauchbarer Aufnahmen zurück und klebte diese nach einer Zwischenstation im Labor liebevoll in ein Fotoalbum. Wichtige Aufnahmen wurden eingerahmt und aufgehängt. So dienten sie als Erinnerungsbooster im Familiengedächtnis.Heute hat sich das geändert: Weil Speicherplatz kaum noch etwas kostet, wird wie besinnungslos fotografiert. Schätzungen zufolge produziert die Menschheit derzeit täglich 5,3 Milliarden neue Fotos; auf jedem Handy sind durchschnittlich 2000 Fotos gespeichert. In den meisten U-80-Haushalten dürften Tausende Bilder auf USB-Sticks oder Festplatten liegen.Das geht mit einer Entwertung des einzelnen Bildes einher – und schafft Forschern zufolge spezifische Erinnerungslücken. Dafür spricht eine von Psychologinnen um Sophia Fabrizio von der Binghamton University im Fachmagazin Memory & Cognition veröffentlichte Studie. In Experimenten fanden sie Belege für den sogenannten „Photo-Taking-Impairment-Effect“. Er bezeichnet das Phänomen, dass Menschen sich an etwas schlechter erinnern, wenn sie es fotografiert haben, als wenn sie es nur betrachtet hätten. Gleiches gelte auch, wenn man Screenshots anfertige.Man kann tatsächlich auch mit den eigenen Augen einen Sonnenaufgang betrachtenDie Forscherinnen spekulieren über verschiedene Mechanismen hinter diesem Effekt. So könnte es sein, dass das Hantieren am Aufnahmegerät kognitive Ressourcen bindet, die das Gehirn sonst zum Erinnern verwenden könnte. Möglich ist auch, dass Menschen unbewusst das biologische Abspeichern weniger priorisieren, wenn sie wissen, dass das Bild technisch gesichert wird. Eine dritte Hypothese ist, dass man sich beim Fotografieren unbewusst vom aufgenommenen Objekt distanziere. „Dieser Effekt geht über die aufgenommenen Informationen hinaus und betrifft auch den größeren Zusammenhang eines Ereignisses“, erläutert Fabrizio in einer Mitteilung zur Studie. Auch das Straßenbild um ein Denkmal verblasst innerlich, wenn man es fotografiert.Doch es gibt ein Gegenmittel. Die Autorinnen der Studie plädieren für etwas, was heutzutage zu wenig getan werde: nämlich die erstellten Bilder und Fotos intensiv zu betrachten! Dann würde sich der „Photo-Taking-Impairment-Effect“ abschwächen. Hilfreich sei es auch, etwas Arbeit in die Wahrnehmung zu stecken. Studenten etwa sollten in der Vorlesung die Powerpoint-Folien nicht abfotografieren, sondern das Gehörte mit Papier und Stift zusammenzufassen, dies sei „eine wünschenswerte Schwierigkeit“, eine zielgerichtete geistige Anstrengung, die das Merken fördere. Ähnlich dürfte es helfen, wenn man mit einem Bleistift eine Landschaft in einen Block skizziert, statt sie nur auf mögliche Wiedervorlage hin zu knipsen.Daneben gibt es immer die Möglichkeit, schlicht mit eigenen Augen und innerer Achtsamkeit den Sonnenaufgang, das Baby, die Geliebte oder den Geliebten zu betrachten. Wenn die begleitende Emotion stark genug war, kann sich ein solches Bild ein Leben lang im Kopf festsetzen. Auf modernen Festplatten hingegen lösen sich Dateien schon nach wenigen Jahren langsam auf.