„Wir haben eine Linie überschritten. Was wir erleben, ist nicht das Ende von Krebs. Aber wir sind, um es klar zu sagen, am Anfang vom Ende seiner Herrschaft.“ Nicht jeder hatte so salbungsvolle Worte gefunden und war gleich so euphorisch wie der gläubige US-Arzt Afshine Emrani, als vor wenigen Tagen die beiden amerikanischen Pharmaunternehmen Moderna und MSD Sharp & Dohme per Pressemitteilung ihre jüngsten Erfolge im Kampf gegen schwarzen Hautkrebs öffentlich machten. Aber auch die erste Reaktion an der Börse war unmissverständlich: mehr als 177 Prozent Kursgewinn für den zuletzt arg gebeutelten Entwickler des therapeutischen Krebsimpfstoffs Intismeran, gewaltige Kurssteigerungen auch für andere Pharmakonzerne.Selbst das unbeteiligte deutsche Familienunternehmen Merck profitierte, und das Mainzer Vorzeigeunternehmen Biontech, einer der Pioniere für Krebsimpfstoffe, verzeichnete 25 Prozent Plus. Ein klassischer Hype also – aber auch einer, der nicht nur von Hoffnung und Profithunger getragen ist, sondern auch von der harten wissenschaftlichen Realität? Kann das nun gefeierte Krebsvakzin den bereits so lange ersehnten Durchbruch bringen? Wirkstoffe, die zum Ziel haben, das Immunsystem dazu zu bringen, den Tumorzellen hinterherzujagen, gibt es schließlich bereits. Einige wenige sind, mit durchaus gemischten Erfolgsbilanzen, sogar bereits zugelassen.Dasselbe Prinzip wie beim Corona-ImpstoffWas ist also so besonders an Intismeran? Tatsächlich ist dieser neue therapeutische Krebsimpfstoff sehr speziell: Es handelt sich um ein mRNA-Vakzin. Dieselbe Technologie also, die mit nachhaltigem Erfolg geholfen hat, mit der Covid-Pandemie die größte Gesundheitskrise der letzten Jahrzehnte zu beenden. Drei entscheidende Unterschiede gibt es allerdings. Erstens ist das mRNA-Krebsvakzin nicht gegen einen Erreger gerichtet, sondern gegen die gefährlichen Zellen eines Tumors. Zweitens soll der Krebsimpfstoff nicht die Krankheit verhindern; vielmehr soll er eine Immunreaktion provozieren, die nach der chirurgischen Entfernung des Tumors ein Wiederaufflammen des Krebses verhindert. Und drittens kommt der Hautkrebsimpfstoff nicht aus der pharmakologischen Massenproduktion, sondern er ist molekularbiologisch an den Tumor eines einzelnen Patienten angepasst. Mit anderen Worten: Jeder Mensch bekommt seinen eigenen Krebsimpfstoff. Der Herstellungsprozess dauert Monate und kostet viel.Schon dieses kleine Detail deutet an, warum der Börsen-Hype mit Vorsicht zu genießen ist und warum Experten wie der Onkologe Michael Hallek von der Uniklinik Köln, einer der versiertesten Molekularonkologen der Welt, nicht in ungezügelte Euphorie ausbrechen. Tatsächlich ist die Covid-mRNA-Vakzine gewissermaßen Nebenprodukt der bereits mehrere Jahrzehnte lang andauernden onkologischen Vakzinforschung. Die nun präsentierten vorläufigen Ergebnisse der von Moderna und MSD vorgestellten Phase-3-Studie seien „bedeutsam“, sagt Hallek, doch „diese Behandlung ist bislang nur für Menschen mit operablem Melanom vorgesehen“. Er halte dennoch „das Prinzip für sehr vielversprechend, weil es bereits bei weiteren Krebsarten wie Lungen-, Blasen-, Nieren-, Bauchspeicheldrüsen- und Magenkrebs getestet wird“.Moderna hatte vor dem PR-Coup wegen der langen Entwicklungszeit der neuen Krebstherapeutika auch an der Börse eine lange Durststrecke.dpaDer Düsseldorfer Immunologe und Hämatologe Sascha Dietrich verweist darauf, dass der aktuelle Hype „vor allem technologiegetrieben“ sei. Die neue Plattform funktioniere, die Therapie habe gezeigt, dass sie wirksam und sicher sei. „Es ist ein weiterer und vielversprechender Schritt, das eigene Immunsystem in einer Kombination von Behandlungen gegen den Tumor auszurichten“, sagt Dietrich.Was die Wissenschaftler von Moderna und MSD zusammen mit Klinikern in einer plazebokontrollierten Studie an knapp 1100 Hautkrebs-Patienten gezeigt haben, ist in der Tat neu. In keinen der weltweit mehr als vierhundert registrierten klinischen Versuche mit Krebsimpfstoffen hat man so viele Daten gesammelt. Und in keinem anderen bisher wurde der Zusatznutzen offenbar so klar gesehen. Nur: Die genauen Daten dieser neuen Studie haben die Pharmakonzerne noch nicht veröffentlicht. Ende Oktober wollen sie die Studienergebnisse dem Fachpublikum auf dem größten europäischen Onkologie-Kongress ESMO zugänglich machen. Dann allerdings sicher ohne Langzeitdaten, denn eine solche große, für die Zulassung wichtige Studie startete erst vor etwa drei Jahren.49 Prozent weniger RückfälleVor wenigen Monaten hatten die Forscher auf dem amerikanischen ASCO-Kongress in der mit etwa 150 Patienten deutlich kleineren Phase-2b-Studie zumindest gezeigt, was möglich sein könnte. Fünf Jahre nach der Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Hautkrebs war demnach das Risiko eines Rückfalls oder Todes bei denen, die geimpft worden waren, um 49 Prozent gesenkt, die Bildung von Fernmetastasen im Körper verringerte sich sogar um 59 Prozent. Die Unternehmen deuteten an, dass sich diese Resultate auch in der sehr viel größeren Phase-3-Studie wiederholt hätten.Schon die Vorstellung der ersten Ergebnisse erregte große Aufmerksamkeit bei den Experten. Nicht weil der Krebs damit endgültig besiegt sei; immerhin kommt der Krebs weiterhin bei einem erheblichen Teil der behandelten Patienten zurück. Vielmehr schürte die Technologie selbst viele Hoffnungen: Mit ihr könnte es das erste Mal möglich sein, maßgeschneiderte, individuelle Krebstherapien zu entwickeln. Die fatale Eigenschaft sich neu entwickelnder Tumoren ist, dass jeder einzelne Krebs im Grunde anders ist. Die Genschäden, die letztlich zur ungebremsten Zellvermehrung und Organschäden führen, sind oft individuell jeweils unterschiedlich ausgeprägt. Deshalb versagen Immuntherapien „von der Stange“ so häufig.Im Fall der mRNA-Krebsvakzine geht man nun einen neuen Weg – einen, der mit den Arbeiten zur Erzeugung stabiler mRNA-Moleküle durch die Nobelpreisträger Katalin Karikó und Drew Weissman schon vor Jahrzehnten geebnet wurde. Das Konzept: Nach der exakten molekularen Analyse des Tumorgewebes werden genau passende mRNA-Moleküle hergestellt, die dann in winzige Nanokapseln verpackt werden. Im Falle des Hautkrebsimpfstoffs hat man mithilfe Künstlicher Intelligenz aus den Unmengen an Daten, die das Genprofil des Tumors liefert, bis zu 34 molekulare Bausteine, sogenannte Neoantigene, identifiziert, die ausschließlich auf den Zellen des Tumors, nicht aber im körpereigenen gesunden Gewebe vorkommen. Aus diesem sehr individuellen Neoantigen-Muster wird die jeweilige mRNA hergestellt, die in den Patienten als Impfstoff infundiert wird. Der Körper produziert dann die entsprechenden Neoantigen-Proteine in Massen. T-Zellen aus dem Immunsystem erkennen diese „fremden“ Moleküle, sie werden „heiß gemacht“, wie Immunologen sagen, und attackieren den Krebs.Dass dieser Plan häufig aufgeht, sollen die neuen Studien nun zeigen. Eine Hälfte der mehr als tausend Patienten erhielt dazu wie in der bisher wirksamsten Immuntherapie mehr als ein Dutzend Dosen mit Pembrolizumab – einem hochwirksamen Antikörper –, die andere Hälfte zusätzlich den personalisierten und den in jeweils etwa zwei Monaten hergestellten mRNA-Krebsimpfstoff. Was der Impfstoff allein kann, bleibt damit allerdings unbeantwortet. Tatsächlich gab es mit den Krebsvakzinen allein bisher eher wenig aufsehenerregende Resultate. Und: Was beim schwarzen Hautkrebs funktioniert, muss nicht zwangsläufig bei anderen Krebsarten gelingen. Melanome seien hochgradig immunogen, die Tumore durchsetzt mit aktiven T-Zellen. Ob auch gegen andere, weniger aktive Tumoren wie den Bauchspeicheldrüsen- oder Blasenkrebs, die für Immunzellen weniger zugänglich sind, erfolgreich geimpft werden kann, muss sich dem Düsseldorfer Immunologen Sascha Dietrich zufolge in den vielen laufenden Patientenstudien erst noch zeigen. „Wir haben einen vergleichbaren Hype vor einigen Jahren bei anderen Immuntherapien erlebt. Der ist inzwischen merklich abgekühlt.“
Hautkrebs-Impfstoff: War der Hype überzogen?
Der mRNA-Impfstoff zweier US-Firmen ist eine Tumortherapie, wie es sie noch nie gegeben hat. Ein Sieg über den Krebs ist sie allerdings nicht. Wie ist die weltweite Aufregung dann zu erklären?









