KommentarDie übertriebene Bewertung einer neuen Therapie gegen Hautkrebs ist kontraproduktiv. Und diskreditiert dadurch ein eigentlich gutes ProduktEine neue Kombinationstherapie mit einer mRNA-Vakzine kann das Aufflammen des Tumors oder von Metastasen verzögern. Das ist gut. Aber von einem wichtigen Tag für die Menschheit zu reden, ist Humbug – und schädlich.21.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenmRNA-Vakzine sind wieder im Gespräch. Die amerikanische Biotechfirma Moderna, Hersteller von Covid-Impfstoffen, hat eine neue Therapie gegen Hautkrebs präsentiert.Brian Snyder / ReutersDie Mitteilung der Pharmafirmen Moderna und Merck, man habe eine wirksame Therapie gegen schwarzen Hautkrebs entwickelt, hat euphorische Kommentare und einen Börsensprung für Moderna ausgelöst. Manche Forscher reden bereits von einem Durchbruch in der Krebsbehandlung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Aussage von Stéphane Bancel, CEO von Moderna, dieser Tag sei so bedeutsam wie jener, als man die Covid-Vakzine präsentiert habe, ist Humbug.Noch ist wenig über die tatsächliche Wirkung bekanntBisher wurde nur wenig Handfestes präsentiert. Bekannt ist nur: Die Therapie senkt das Risiko um knapp 50 Prozent, dass der Tumor nach der Entfernung erneut wächst oder sich irgendwo im Körper Ableger bilden. Doch noch wurden keine Daten dazu präsentiert, ob die neue Therapie das Überleben von Hautkrebspatienten signifikant verlängert. Nach maximal fünf Jahren Beobachtungszeit ist es unmöglich, zu sagen, ob die Erkrankten geheilt werden.Derart euphorische Einschätzungen wecken grosse Hoffnungen bei Patientinnen und Patienten. Niemand kann sicher sein, dass sie in naher Zukunft erfüllt werden. Doch Enttäuschungen nach vollmundigen Ankündigungen können das Vertrauen in Medizin und Wissenschaft untergraben.Ein Fortschritt in der personalisierten BehandlungBei der von den Pharmafirmen Moderna und Merck präsentierten Methode handelt es sich um eine Kombinationstherapie. Der erste Bestandteil ist eine von Moderna entwickelte mRNA-Vakzine. Mit ihrer Hilfe wird das Immunsystem gezielt darauf abgerichtet, bereits bestehende, entartete Hautzellen im Körper zu finden und zu vernichten. Die Vakzine verhindert somit nicht die Entstehung einer Krebsgeschwulst. Der zweite Bestandteil, entwickelt von Merck, ist ein Stimulator des Immunsystems.Zum jetzigen Zeitpunkt kann man sagen, dass die Therapie allem Anschein nach die Werkzeugkiste der Tumorbehandlung erweitert. Das ist eine gute Nachricht, aber kein Durchbruch. Es gibt keine Hinweise, dass vorhandene Medikamente überflüssig werden oder gar die Behandlung aller Tumorarten revolutioniert wird.Bei der neuen Behandlung handelt es sich zudem um ein passgenau auf den Tumor eines Patienten zugeschnittenes mRNA-Produkt. Daher wird es auch nach der von den Firmen anvisierten Zulassung im kommenden Jahr vorerst keine flächendeckende Verbreitung geben.Trotz allen Einschränkungen: Die neue Therapie ist durchaus ein Fortschritt. Denn erstmals wurde in einer grossen klinischen Studie gezeigt, dass eine mRNA-Tumorvakzine die Hautkrebsbehandlung effizienter macht.Generelle Ablehnung von mRNA-Produkten ist schädlichDie Effekte der Kombinationstherapie beweisen aber noch etwas anderes: In der Krebstherapie und generell in der Medizin braucht es einen langen Atem und viel Vertrauen.Seit ungefähr zwanzig Jahren tüfteln Wissenschafterinnen und Wissenschafter an mRNA-Produkten, um damit das Immunsystem auf Krebszellen abzurichten. Es gab viele Rückschläge. Sowohl die Kombination mit anderen Medikamenten als auch die Personalisierung der mRNA-Vakzine sind wichtige Bausteine des Erfolgs gegen Hautkrebs.Das weckt die Hoffnung, dass mit solchen individualisierten Kombinationstherapien auch andere Tumorarten besser bekämpft werden könnten. Derzeit werden solche Behandlungen in klinischen Studien erprobt.Zudem zeigt sich nun, dass die Ablehnung und der teilweise schon exzessive Hass auf die mRNA-Produkte nicht gerechtfertigt sind. Dieser wurde ausgelöst durch die ebenfalls sehr euphorisch präsentierten Corona-Impfungen. Hätten Firmen und Wissenschafter dem Druck der letzten Jahre nachgegeben und wie immer wieder gefordert die Forschung an mRNA-Vakzinen aufgegeben, gäbe es die neue Hautkrebstherapie nicht.Passend zum Artikel