Technologie ist Macht. China stand jahrhundertelang sowohl bei den Erfindungen als auch in der Staatskunst an der Weltspitze. Doch als die industrielle Revolution mit Dampf und Stahl, Eisenbahn und Gewehren die entscheidenden neuen Technologien nach Europa brachte, verschob sich das Kräfteverhältnis. Was folgte, ging ins kollektive chinesische Gedächtnis als das „Jahrhundert der Demütigung“ ein.Heute ist Europa zwar weit von einem solchen Zusammenbruch entfernt, es driftet jedoch in eine moderne Version derselben misslichen Lage: den Verlust der Selbstbestimmung durch Abhängigkeit. Es geht dabei vor allem um amerikanische Technik.Zum Beispiel in der Ukraine: Europa kann zwar Geld und Waffen liefern, doch wichtige Funktionen laufen über US-amerikanische Systeme, von den Geheimdienstinformationen bis hin zu den Starlink-Verbindungen, die Drohnen am Fliegen halten.

In Europa selbst stützt sich die digitale Wirtschaft auf Cloud-Dienste, Plattformen und KI-Technik aus den USA. Im Juni lernten die Europäer die Folgen dieser Abhängigkeit kennen: Als die Trump-Regierung Anthropic anwies, seine fortschrittlichsten KI-Modelle dem Ausland zu verwehren, sperrte das Unternehmen von einem Tag auf den anderen allen den Zugang – auch Unternehmen, Forschern und verbündeten Regierungen. Da zeigte sich, dass es den „Kill-Switch“ wirklich gibt, jenen großen Aus-Schalter, der lange Zeit als europäische Paranoia abgetan worden war. Zudem zeigt sich, wie schwierig es ist, Gesetze ausgerechnet gegen jene Firmen zu verschärfen, auf die sich ein Staat in Bezug auf seine Daten, seine Rechenleistung und zunehmend auch seine Sicherheit verlässt.Die Geopolitik wird von der Wirtschaft bestimmt. Seit der IT-Revolution hinkt Europa den USA hinterher. Die Künstliche Intelligenz (KI) droht, diese Kluft noch zu vergrößern. Nur vier der 50 weltweit führenden Technologieunternehmen sind europäisch. Mario Draghis Bericht für die Europäische Kommission hat festgestellt: Seit 2000 ist das real verfügbare Pro-Kopf-Einkommen in den USA fast doppelt so stark gestiegen wie in der EU. Und die nächsten Fortschritte werden dort erzielt, wo Europa am schwächsten ist: 61 Prozent der weltweiten Finanzmittel für KI-Start-ups fließen in die USA, 17 Prozent nach China, nur 6 Prozent in die EU.Kein Wunder, dass die Rufe nach „Europe First“ lauter werden. Eingeklemmt zwischen einem autarken China und einem geschäftstüchtigen Amerika wendet sich Europa nach innen: Ursula von der Leyen lobt Verteidigungsausgaben als Quelle von Arbeitsplätzen und Wachstum, während einige Ökonomen Brüssel dazu drängen, „Chinas Industriepolitik nachzubauen“. Zum Teil ist das vernünftig. Doch die reine Absicherung ist kein Wachstumsmodell. Wenn Europa alternde Industrien mit Subventionen, Zöllen und Rüstungsaufträgen stützt, wird es bestenfalls seinen Niedergang verlangsamen – und schlimmstenfalls die eigene Sklerose verfestigen.Schauen wir die Aufrüstung genauer an. Wenn öffentliche Gelder in Strömen fließen, sichern sich etablierte Konzerne den größten Teil. Rheinmetall bietet nicht mehr nur Munition und gepanzerte Fahrzeuge an, sondern auch Drohnen und Satelliten. So entsteht ein Allzweck-Lieferant. Für Ministerien, die schnell Geld ausgeben müssen, ist das offensichtlich ein attraktives Modell. Doch je mehr Regierungen bei ein und derselben Firma kaufen, desto mehr leidet der Wettbewerb, desto spitzer zugeschnitten werden die Verträge, desto mehr verlieren neue Unternehmen die Chance, mit geringeren Kosten oder neuen Produkten die großen Konzerne vor sich herzutreiben. Wenn in öffentlichen Ausschreibungen auf Bilanzstärke und die bisherige Erfolgsbilanz geachtet wird, haben Start-ups mit ihren roten Zahlen von vornherein einen Nachteil.Das lässt sich ganz praktisch nachweisen. Das IfW Kiel hat gezeigt, dass unter den Auftragnehmern in Deutschland, Großbritannien und Polen bis 2024 nur zwei Start-ups waren. Dagegen sicherten sich die zehn größten Auftragnehmer zwischen 2020 und 2025 rund 67 bis 90 Prozent der erfassten Aufträge. In den USA waren es nicht mal 40 Prozent.Der Mythos der KriegsdividendeHartnäckig hält sich der Glaube, dass Kriege Innovationen bringen. Das liegt an den Erfindungen, die tatsächlich aus Kriegszeiten stammen, zum Beispiel das Radar und das Düsenflugzeug. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit,. Schon der französische Ökonom Frédéric Bastiat (1801 bis 1850) wusste: In der Wirtschaft geht es nicht nur darum, was man sieht, sondern auch darum, was verborgen bleibt. Wir sehen zwar, was unter dem Druck des Krieges entwickelt wurde. Aber wir sehen gewöhnlich nicht, welche Erfindungen nicht gemacht wurden, weil Talent, Kapital und Ideen für den Krieg eingesetzt wurden.1940 rief ein Wissenschaftsförderer der US-Regierung dazu auf, Forschungsideen für den Krieg zu sammeln. Darauf antwortete der Mathematiker Norbert Wiener mit einem Plan zum Bau digitaler Rechner. Sie ähnelten auf bemerkenswerte Weise den Computern, die wir heute kennen. Die Idee wurde jedoch zurückgestellt. Denn das Geld war knapp, und angesichts der deutschen Luftangriffe auf London war die Weiterentwicklung der Flugabwehr wichtiger.Die „Mission Economy“ des Krieges, das Wirtschaften im staatlichen Auftrag, konzentrierte die verfügbaren Mittel auf wenige Ziele. Es blieb kaum Raum für breit gestreutes Experimentieren. So erlebten Forschung und Entwicklung zwar einen Aufschwung, doch ging es dabei notwendigerweise eher um Fortschritte in der Massenproduktion als um Grundlagenforschung.Das lässt sich mit Daten belegen. Die Zahl der akademischen Veröffentlichungen in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern brach ein und erholte sich erst Ende der Fünfzigerjahre wieder. Die Zahl der Patentanmeldungen in den Vereinigten Staaten sank drastisch, trotz eines außergewöhnlichen Zustroms von Talenten, die vor den Nazis flohen. Die Produktivität in der Industrie ging zurück, da Arbeitskräfte und Kapital für kriegswichtige Aufgaben mit geringer Produktivität abgezogen wurden.Die „Mission Economy“ funktionierte dort gut, wo die Grundlagen schon erforscht und die Ziele klar waren – beim Manhattan-Projekt zur Entwicklung der Atombombe, beim Radar, bei der Apollo-Mission zur Mondlandung. Doch die wirklich bahnbrechenden Erfindungen kamen auf anderem Weg zustande oder waren zufällige Nebenprodukte. Und nur selten war ihr Wert von vornherein klar.Ein Beispiel dafür: Die bedeutendsten Fortschritte der Nachkriegszeit gab es in der Informatik, doch ihre wirtschaftlichen Auswirkungen zeigten sich erst Mitte der Neunzigerjahre. Noch 1987 konnte Robert Solow scherzen: „Man sieht das Computerzeitalter überall, nur nicht in der Produktivitätsstatistik.“ Selbst 1991, als Tim Berners-Lee das World Wide Web ins Leben rief, war die bevorstehende Revolution alles andere als offensichtlich.Ein „Airbus für die KI“ wird Europa nicht rettenMissionen können Ziele erreichen, die schon in Sichtweite sind. Doch wirklich große Entdeckungen hängen von Wagnissen ab, deren Ausgang niemand vorhersagen kann.Europa hat damit seine eigenen Erfahrungen gemacht. Los ging es mit Airbus. Als der erste A300 im Oktober 1972 in Toulouse abhob, waren die Würfel für die Zukunft der zivilen Luftfahrt schon gefallen. Das Düsentriebwerk war einer der letzten großen technischen Durchbrüche. Als Design hatte sich ein Rumpf mit zwei Tragflächen und je einem Triebwerk durchgesetzt. Airbus musste kein neues Flugzeug erfinden, sondern bestehende Technologien über Europa hinweg gut genug zusammenbringen, um Boeing einzuholen. Die Rümpfe kamen aus Frankreich und Deutschland, die Flügel aus England, unter die europäische Tragflächen wurden amerikanische Triebwerke montiert. Airbus war eher ein Steuerungs- und Integrationsprojekt als ein Forschungslabor. Die Leistung bestand darin, in diesem Zusammenwirken etwas zu schaffen, das die Fluggesellschaften so zuverlässig, preiswert und komfortabel fanden wie die schon bekannten Flugzeuge von Boeing.Während Airbus in relativ ruhiger Luft unterwegs war, ging es in der Computerbranche stürmisch zu. Es ging von Großrechnern zu Minicomputern, von PCs und Workstations zum Internet und zur Cloud. Fast jedes Mal verpassten die Marktführer einer Ära die nächste. Kein Großrechner-Gigant war führend bei den Minicomputern, die Minicomputer-Firmen verpassten den PC, und die Pioniere der Desktop-Computer wurden ihrerseits vom Internet und der Cloud überholt.Europa versuchte immer wieder, einen Weg durch diese Turbulenzen zu planen. Der französische „Plan Calcul“ hatte das Ziel, ein nationales IBM aufzubauen; die Unternehmen ICL und Inmos sollten eine britische Computer- und Chipindustrie schaffen; die Halbleitersparte von Siemens trug die Hoffnungen Deutschlands; „ESPRIT“ und „JESSI“ hießen Brüssels Versuche, die Forschung zu koordinieren.All diese Strukturen – Beschaffung, Subventionen und politisch vermittelte Fusionen – setzten langsame, vorhersehbare Zyklen voraus. Das passte bloß nicht zu den Technologien, auf die sie abzielten. Europa baute Denkmäler in einer technologischen Landschaft, die sich ständig bewegte.Heute ist Künstliche Intelligenz diese veränderliche Landschaft schlechthin. Hunderte von Milliarden werden in immer größere Sprachmodelle und die dafür nötigen Rechenzentren gesteckt. Doch schon verschiebt sich die Grenze des Fortschritts: Chinesische Labore holen Spitzenleistungen aus weitaus kleineren Modellen als den bisher gängigen, Nvidia vermarktet branchenspezifische Systeme, die mit den riesigen Allzwecksystemen konkurrieren. Es ist noch nicht einmal klar, ob die heutigen „Large Language Models“ überhaupt die Zukunft der KI sind. Die nächste Welle könnte geprägt sein von Systemen, die sich laufend verbessern, anstatt regelmäßig „eingefroren“ und von Grund auf neu trainiert zu werden.Anders ausgedrückt: Wenn Europa sich in der KI auf Konsortien, Abnahmegarantien und detaillierte Vorab-Regeln festlegt, ist das weniger eine Strategie als vielmehr ein Weg, auf dem man zu spät ankommt – und möglicherweise am falschen Ziel. Denn bis ein „Airbus für die KI“ entworfen, beschlossen und finanziert wäre, hätte sich der Markt vermutlich mehrfach neu erfunden.Das Ende des europäischen AufholmodellsDie tiefere Erkenntnis ist, dass Europa ein neues Wachstumsmodell braucht. Europas Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg war in außerordentlichem Maße importiert, und seine Institutionen hielten den Importmotor hervorragend am Laufen. Die meisten Veränderungen jener Epoche gingen von den Vereinigten Staaten aus: die Elektrifizierung der Haushalte mit Kühlschränken und Waschmaschinen, der Aufschwung der Unterhaltungsindustrie durch Hollywood-Fernsehen, der massenhafte Autotourismus.In Amerika wurden alle diese Güter zuerst in Massen hergestellt. Europäische Unternehmen reagierten darauf, indem sie lernten, nach amerikanischer Art zu produzieren. Autohersteller wie Porsche, Fiat und Renault hatten lange versucht, das Modell T von Ford zu kopieren. Nach 1945 gelang ihnen dies schließlich, auch weil sie den Zugang zu US-amerikanischem Know-how bekamen. Schon vor dem Krieg hatten sich die Ingenieure von Fiat stark an Ford orientiert. Mitte der Sechzigerjahre war das italienische Unternehmen so weit fortgeschritten, dass es von Moskau mit dem Bau sowjetischer Werke beauftragt wurde. Die Società Edison, die gegründet wurde, um Edisons Patente in Italien zu verwerten, tat dasselbe im gesamten Ostblock. Von den Fünfzigerjahren bis in die frühen Siebzigerjahre florierten das „industrielle Dreieck“ Mailand–Turin–Genua sowie die Industriegebiete in ganz Europa, indem sie amerikanische Technik übernahmen und exportierten.Der Marshall-Plan machte aus diesen Bemühungen eine Strategie, indem europäische Manager in US-Fabriken entsandt und Kredite für amerikanische Maschinen subventioniert wurden. Das ließ die Produktivität der Unternehmen um rund 50 Prozent steigen. Dabei handelte es sich wohlgemerkt nicht nur um amerikanische Großzügigkeit. Die Marshall-Hilfe war im Kern eine Sicherheitsstrategie, um Westeuropa gegen die Sowjetunion abzusichern. Verteidigung und Wachstum waren im Kalten Krieg untrennbar miteinander verknüpft. Das deutsche Wirtschaftswunder und die französischen „Trente Glorieuses“ waren kein Beweis für überlegene europäische Spitzentechnologie, sondern für eine bemerkenswert erfolgreiche kontinentale Maschinerie zum Import, zur Finanzierung und zur Verbreitung amerikanischer Massenproduktionsverfahren.Ludwig Erhard sagte einmal über sich selbst, er sei „eine amerikanische Erfindung“. Doch die Institutionen, für die er stand – Verhandlungen zwischen Regierung, Arbeitgebern und Gewerkschaften, berufliche Bildung, – waren durch und durch europäisch und außerordentlich gut geeignet für eine Welt, in der die nächste Technologiewelle stets zuverlässig von der anderen Seite des Atlantiks kam. Sobald jedoch der europäische Rückstand gegenüber der amerikanischen Massenproduktion aufgeholt war und Ungewissheit über den nächsten Durchbruch aufkam, passten diese hergebrachten Institutionen nicht mehr zu ihrer veränderten Aufgabe.Europäische Unternehmen werden typischerweise stark von Banken finanziert. Das eignet sich gut für etablierte Technologien, aber nicht für viele kleine, riskante unternehmerische Wetten. Das europäische Arbeitsrecht, das die Arbeitnehmer mit der Massenproduktion versöhnt hatte, wurde für Start-ups und Marktneulinge zu einem Problem. Die Berufsausbildung bringt disziplinierte Fabrikarbeiter hervor, doch für die Tätigkeiten der digitalen Welt ist sie nur begrenzt nützlich. Hohe Spitzensteuersätze schmälern den Anreiz Risiken einzugehen. Und Bürokraten geraten schnell in Schwierigkeiten, wenn sie zwischen unkalkulierbaren technologischen Pfaden wählen müssen, anstatt bekannte Wege weiter auszubauen. Sie neigen dazu, verlustbringende Unternehmen zu retten und Branchen im Niedergang zu stützen. In Südeuropa fiel die Computerrevolution mit „zwei verlorenen Jahrzehnten“ zusammen.Findet Europa seine alte Superkraft wieder?Europa braucht jetzt eine Dynamik, die seine gegenwärtigen Institutionen nicht erzeugen können. Die führenden Unternehmen Europas stammen fast alle aus der zweiten industriellen Revolution: Automobilindustrie, Chemie und Schwermaschinenbau. Keines seiner größten Unternehmen ist im digitalen Zeitalter entstanden. In den wichtigsten europäischen Volkswirtschaften haben die jeweils fünf größten börsennotierten Unternehmen ein Durchschnittsalter, das sich in Generationen messen lässt; in den USA sind die Top 5 im Durchschnitt weniger als 40 Jahre alt – und alle kommen aus dem Technologiesektor. Deutschlands einzige global bedeutende Softwarefirma SAP wurde 1972 von fünf ehemaligen IBM-Mitarbeitern gegründet.Kreative Zerstörung findet in dem Ausmaß, wie es die USA erreicht haben, in Europa schlicht nicht statt. Und jene Institutionen, die einst beim Aufholen gegenüber Amerika einen Vorteil brachten, sind nun zu einem Hemmnis geworden, da Europa an der Spitze mit den USA konkurrieren muss.Dieser Wettbewerb ist heute wichtiger denn je. Denn das alte Modell – amerikanische Technologie plus europäische Koordinierung – gibt es nicht mehr. Es war an eine bestimmte Sicherheitsordnung gebunden. Zu Beginn des Kalten Krieges sahen die USA die Unterstützung des europäischen Wiederaufbaus als Mittel zur Eindämmung der Sowjetunion. Heute richtet Washington seine Aufmerksamkeit auf die strategische Rivalität mit China und will seine alte Rolle für Europa nicht mehr spielen. Es wird keinen zweiten Marshall-Plan für Spitzentechnologien geben. Wenn Europa ein weiteres verlorenes Jahrzehnt vermeiden will, muss es Institutionen aufbauen, die Innovation im eigenen Land schaffen, anstatt sie nur aus dem Ausland zu übernehmen.Die gute Nachricht ist, dass Europa das schon einmal geschafft hat. Einst hat Europa die erste industrielle Revolution angeführt – und zwar nicht trotz seiner politischen Vielfalt, sondern gerade wegen ihr. Nach dem Untergang des Alten Roms gelang es keinem Reich mehr, den Kontinent zu vereinen; stattdessen wurde Europa zu dem, was der Historiker Walter Scheidel als eine Welt der „kompetitiven Zersplitterung“ bezeichnet: viele rivalisierende Staaten, die unaufhörlich um Vorteile rangen. Europas Herrscher hatten starke Anreize, Kaufleute, Ingenieure und Innovatoren zu unterstützen. Wurden Ideen in einem Staat blockiert, konnten ihre Erfinder in einen anderen ausweichen. Diese Zersplitterung war bis zu einem gewissen Grad Europas Superkraft.Die EU steht sich zu oft selbst im WegEine ähnliche Logik gilt auch innerhalb der Vereinigten Staaten, wo der Föderalismus Experimente auf der Ebene der Bundesstaaten ermöglicht. Kaliforniens Verbot von Wettbewerbsverboten für Arbeitnehmer im 19. Jahrhundert (??) hatte zur Folge, dass Ingenieure leichter ihre Unternehmen verlassen und zu Konkurrenten wechseln oder eigene Firmen gründen konnten. Das brachte Dutzende neuer Chip-Unternehmen hervor, während es im restriktiveren Massachusetts viel weniger waren.Entscheidend ist zudem, dass die USA diese Flexibilität mit einem wahrhaft kontinentalen Markt verbinden. Die Unternehmen experimentieren unter unterschiedlichen Regeln in Kalifornien oder Texas und weiten ein erfolgreiches Modell dann auf 330 Millionen Menschen aus.In Europa geschieht allzu oft das Gegenteil. Auf dem Papier ist die EU ein Binnenmarkt mit 450 Millionen Menschen; im Dienstleistungs- und Digitalbereich bleibt sie jedoch ein Mosaik aus nationalen Märkten. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass versteckte Handelsbarrieren einem Zoll von etwa 45 Prozent auf Waren und atemberaubenden 110 Prozent auf Dienstleistungen entsprechen – mehr als einige der Zölle, die Donald Trump gegen China verhängt hat.Europa hat, so gesehen, das Schlimmste aus beiden Welten: eine zentrale Regulierungsmaschinerie in Brüssel, die Experimente erstickt, und nationale Zusatzvorschriften, die Unternehmen am Wachstum hindern.Weitere Hindernisse verschärfen das Problem. Angesichts geringer Universitätsgehälter und hoher Steuerlasten verspielt Europa gerade die Chance, Wissenschaftler und Ingenieure anzulocken, die von den politischen Turbulenzen in Washington verunsichert sind. Aktuelle Studien zeigen, dass „Superstar“-Erfinder weitaus eher dorthin ziehen, wo die Spitzensteuersätze niedrig sind.Der von Banken dominierte Finanzsektor begünstigt arrivierte Unternehmen mit Sicherheiten und vorhersehbaren Einnahmen gegenüber jungen Firmen, die langfristiges Beteiligungskapital benötigen. Darum streben vielversprechende Unternehmen wie Spotify und Klarna an die Börsen der USA. Und der Kündigungsschutz in Europa ist darauf ausgerichtet, alte Arbeitsplätze zu erhalten, anstatt Arbeitnehmer beim Wechseln zu unterstützen. So behindert er die Umverteilung von Arbeitskräften und Kapital bei technologischen Umbrüchen.Ein Vergleich im Bereich der KI ist aufschlussreich. Microsoft, Meta und Google haben innerhalb weniger Monate Zehntausende von Arbeitsplätzen abgebaut, während sie gleichzeitig enorme Summen in die KI-Infrastruktur investierten. Als SAP, Europas Software-Flaggschiff, sich 2024 auf die KI ausrichtete, wovon rund 8000 Stellen betroffen waren, bildete das Unternehmen dafür eine Rückstellung in Höhe von 2,2 Milliarden Euro, größtenteils für freiwillige Abfindungen und Vorruhestandsregelungen, und hatte am Jahresende trotzdem mehr Mitarbeiter als zu Beginn.Regulierung verstärkt diese Starrheit. Die Datenschutzgrundverordnung bürdet Unternehmen Fixkosten auf, die große Konzerne auffangen können, Start-ups jedoch nicht, was zu einem messbaren Rückgang der Risikokapitalinvestitionen in die europäische Tech-Branche geführt hat. Europas KI-Gesetz droht das Problem zu verschärfen – es ist ein komplexes, präventives Regelwerk für eine Technologie, in der Europa bislang noch kein einziges marktbeherrschendes Unternehmen hervorgebracht hat. Kurz gesagt: Europa hat einen Rahmen geschaffen, der die Gewinner von gestern schützt, während es gleichzeitig schwieriger wird, die Gewinner von morgen hervorzubringen.Das bedeutet keineswegs, dass Europa naiv für jeden chinesischen Export offen sein oder dauerhaft zu wenig in die Verteidigung investieren darf. Doch das sind defensive Maßnahmen. Sie können keine positive Wachstumsstrategie ersetzen – eine Strategie, die nicht auf Techno-Nationalismus beruht, sondern auf der Wiederherstellung von Dynamik. Anstatt zu versuchen, die Alte Welt einzufrieren, muss die den Binnenmarkt für Dienstleistungen und Digitalwirtschaft vollenden, die Aktien- und Risikokapitalmärkte vertiefen, globale Talente anziehen und Arbeitnehmer beim Wechsel in neue Unternehmen und Branchen unterstützen.Der Wirtschaftshistoriker Carl Benedikt Frey ist Professor in Oxford. Sein jüngstes Buch heißt „Wie Fortschritt endet“.