Bedrohliche KI-Unfälle, globale Handelskrisen, Abbau von Tausenden von Jobs in Europa: Die letzten Wochen haben gezeigt, wie existenziell die politischen, ökonomischen und technologischen Entwicklungen die hiesige Wirtschaft und Gesellschaft treffen. Was kann Europa tun, um seine Souveränität, seinen Wohlstand und seine freiheitliche Demokratie zu verteidigen und nicht zwischen den Digitalmächten USA und China zerrieben zu werden – oder ist es zu spät? Immer weniger Wähler trauen den klassischen Parteien zu, Europas Probleme zu lösen und den Technologierückstand aufzuholen. Eine Ausnahme unter den Politikern ist der populäre, 1980 in Bologna geborene Italiener Matteo Lepore. 2021 wurde er mit 61,9 Prozent der Wählerstimmen zum Bürgermeister seiner italienischen Heimatstadt gewählt; nie fiel in Bologna eine Bürgermeisterwahl so eindeutig aus. Lepore will in Italien eine Technopole schaffen, ein Gegengewicht zu Silicon Valley, Open AI und Chinas Digitalindustrien – und damit einer progressiven Demokratie der Zukunft den Weg bereiten. Kann das klappen? Und was steht auf dem Spiel? Ein Gespräch mit einem, der nicht aufgibt.Bologna, Ihre Heimatstadt, lebt von traditionellen Industrien. Die Stadt ist weitgehend vom Automobilsektor, aber auch vom produzierenden Gewerbe abhängig. Sie wollen den Übergang ins Zeitalter der digitalen Industrien schaffen – und sogar ein Modell umsetzen, bei dem Bologna im Zentrum dieses Wandels steht. Ist das nicht unrealistisch?Es stimmt, dass Bologna auf eine solide Tradition in der Produktion und der Automobilbranche zurückblicken kann, mit einer engen Verbindung zwischen Hochschulen, Forschung und Industrie. Doch heute ist der digitale Bereich bereits in den Maschinen selbst verankert: KI, Daten und Kompetenzen prägen die Investitionsentscheidungen unseres Industriesystems. Unsere Wettbewerbsfähigkeit hängt zunehmend von Fachwissen, Netzwerken und Innovationsfähigkeit ab und weniger von physischen Produkten. Daher ist es unsere Priorität, diesen Wandel durch Bildung zu unterstützen und dadurch, dass wir die besten Talente zu uns nach Bologna und in die Emilia-Romagna holen.Warum sollte ausgerechnet Bologna zu einem europäischen Gegenentwurf zum Silicon Valley werden?Bologna war schon immer ein Ort, an dem Technologien angewendet wurden: von der Seidenindustrie im Mittelalter bis hin zur modernen Verpackungstechnik. Innovation, Patente und die Verbindung zur Universität bilden einen roten Faden, ebenso wie die technischen Schulen, die unsere Unternehmerklasse geprägt haben.Bologna ist eine der Wiegen des Humanismus, auch durch seine Universität.Der Bürgermeister der italienischen Stadt Bologna, Matteo LeporePicture AllianceDie 1088 gegründete Universität, formiert aus Zusammenschlüssen von Studenten, prägte das Rechtsstudium als Mittel zur Regelung der Beziehungen zwischen privaten Akteuren sowie zwischen Institutionen und Bürgern. Der „Liber Paradisus“ von 1257 – das Gesetz, das die Sklaverei in Bologna abschaffte – war ein Kind dieser Kultur. Technische Innovation und zivilisatorischer Fortschritt sind Teil unserer Identität.Ausgehend von dieser Frage der Emanzipation: Was unternehmen Sie, um sich in einer Zeit der Handelskriege, aber auch der Technologiekriege, der Exportkontrollen für Rohstoffe und Mikrochips sowie eines anhaltenden Konflikts, der zu einer fast vollständigen Entkopplung der Wertschöpfungsketten zwischen den USA und China führt, unabhängiger von importierten Infrastrukturen, von den Vereinigten Staaten und China zu machen?Das ist eine politische und eine ethische Frage! Europa und Bologna müssen sich von den USA und China abheben, indem sie den Fokus auf Demokratie, die bürgernahe Nutzung von Daten und universelle Rechte legen. Italien ist immerhin Europas zweitgrößtes Produktionsland, und Europa muss seine Produktionsfähigkeit verteidigen. Wir brauchen eine stärkere europäische Industriepolitik im Bereich der digitalen Technologien und der KI, und die Emilia-Romagna kann dabei eine zentrale Rolle spielen, da sie demokratische Werte mit einem fortschrittlichen industriellen Ökosystem verbindet.Es ist ja aber klar, dass wir wirtschaftlich an Boden verlieren und massiv verloren haben, das zeigt sich sehr deutlich in Deutschland, aber auch in Italien. Deutschland und Frankreich haben vor Kurzem eine Konferenz zur europäischen digitalen Unabhängigkeit abgehalten. Die EU sieht hier aber weitgehend handlungsunfähig aus. Glauben Sie, dass es Raum für ein Netzwerk europäischer Regionen und Städte gibt, das bei Projekten dieser Art über nationale und politische Grenzen hinweg zusammenarbeiten kann – und welche Rolle könnte ein Bündnis europäischer Städte und Regionen für die europäische digitale Unabhängigkeit spielen?Dieser Raum muss geschaffen werden: Technologische Unabhängigkeit und Demokratie erfordern die Zusammenarbeit zwischen Städten und Universitäten. Bologna ist bereits Teil des europäischen Supercomputing-Netzwerks mit Barcelona und Helsinki. Wir entwickeln gemeinsam mit Barcelona einen digitalen Zwilling, und das „Tecnopolo“ ist eines der sieben Supercomputing- und KI-Zentren Europas.In Frankreich werden erhebliche Investitionen in das Technologiezentrum Sophia Antipolis getätigt, das früher als europäisches Silicon Valley galt und jetzt Standort der „AI Factory“ ist. Macron hofft, dass sich dieser Ort zu einer Alternative zum Silicon Valley entwickeln wird. In Bologna gibt es ähnliche Pläne. Was planen Sie mit Ihrer „Tecnopolo“ und Ihrer „Stadt des Wissens“?Bolognas Industrie- und Universitätsgeschichte hat die Stadtgestaltung geprägt. Bolognas Fähigkeit, Studierende, Industriearbeiter und Investitionen anzuziehen, zeigt sich in seinen Stadtvierteln und den umliegenden Gemeinden. Mit dem „Packaging Valley“, dem „Automotive Valley“ und der Fertigungsindustrie im Allgemeinen verfügt Bologna bereits über Orte, die Institutionen, die Privatwirtschaft sowie Bildung und Wissenschaft zusammenbringen. Solch einen Ort müssen wir auch für die digitale Transformation schaffen. Bologna kann Italien eine Führungsrolle in Europa verschaffen, mit einer mediterranen Ausrichtung, die die Beziehungen zu Spanien und Katalonien stärkt, wo bereits eine aktive Zusammenarbeit besteht.Vielleicht können Sie etwas näher auf das Meteorologische Zentrum, die UN-Universität und die gesamte grüne Infrastruktur eingehen – auf die Bemühungen, diese Arbeit mit Umweltfragen, Bürgerschaft und Nachhaltigkeit zu verknüpfen.