Mistral ist die letzte europäische Firma, die grosse Sprachmodelle entwickelt. Sie gilt Warnern als Symbol für eine katastrophale FehleinschätzungWird der alte Kontinent ein amerikanisches Protektorat, weil er die KI verschläft? In «Europe 2031» entwerfen europäische Fachleute ein fiktives, aber radikales Doomsday-Szenario.28.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenAuf ihm ruhen die Hoffnungen eines abgehängten Kontinents: Der Mistral-Chef Arthur Mensch.Sarah Meyssonnier / ReutersEs gibt wahrlich keinen Mangel an Erzählungen über den Niedergang Europas. Doch «Europe 2031 – was auf dem Spiel steht, wenn wir die KI-Revolution verschlafen» ist besonders düster.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die recht gut gemachte Dystopie, die man sich auch auf Spotify anhören kann, beschreibt, wie der alte Kontinent in nur fünf Jahren in die komplette Bedeutungslosigkeit abrutscht.Soll sich Europa China andienen?Europa bleibt am Ende des Hörspiels nur noch die Wahl zwischen drei Übeln: Es kann entweder ein amerikanisches Protektorat werden, sich China andienen oder isoliert vor sich hin verkümmern.Denn seine Wirtschaft liegt 2031 komplett am Boden, die europäischen Länder sind klamm. Eine amerikanische KI-Firma hat gerade für ein Butterbrot den grössten deutschen Automobilkonzern geschluckt und will in dessen Fabriken nun Millionen von KI-befähigten Robotern pro Jahr bauen.Erzählt wird der Untergang Europas anhand von zwei fiktiven Figuren: Caroline, einer idealistischen Beamtin der Europäischen Kommission in Brüssel. Und Christian, einem europäischer Firmengründer, der sein KI-Startup im Silicon Valley aufbaut, weil in Europa schlichtweg die Infrastruktur dafür fehlt.Ungewöhnlich ist auch die Autorschaft: Es handelt sich um ein Gemeinschaftswerk von acht europäischen KI-Forschern, Think-Tank-Vertretern und Tech-Investoren.Zwei europäische Unternehmen spielen in der Dystopie eine Schlüsselrolle. Das erste ist ASML, der niederländische Weltmarktführer für Lithografieanlagen, mit denen Chips gedruckt werden können. Er wird als der einzige unentbehrliche Teil von Europa in der globalen KI-Wertschöpfungskette dargestellt.Direkte US-Geldtransfers an europäische BürgerDie USA versuchen in «Europe 2031», die Kontrolle über ASML zu übernehmen, um China im KI-Rennen auszubremsen. Im Gegenzug bieten sie eine Kapitalspritze in einem Ausmass, das der alte Kontinent nicht mehr aufbringen kann. Vorgesehen sind auch direkte Geldtransfers an europäische Bürger, gekoppelt an die KI-Sondergewinne der USA.Das zweite Unternehmen ist die französische Mistral, die letzte europäische Firma, die grosse Sprachmodelle entwickelt und Politikern deshalb als Hoffnungsträgerin gilt. Sie hat in der Story eine eher tragische Rolle und versucht vergebens, genügend Kapital aufzunehmen und sich Rechenleistung zu sichern. Der Rückstand zu den amerikanischen KI-Modell-Anbietern wächst trotz allen öffentlichen Investitionen, Subventionen und vorteilhaften Beschaffungsverträgen immer weiter.Mistral bleibt chancenlosDenn Mistrals Konkurrenten erzielen dank Schwärmen interner KI-Agenten, die den Grossteil ihres Codes selbst schreiben, doppelt so schnelle Fortschritte wie rein menschliche Teams. Die französische Firma dagegen, die nur über einen Bruchteil der Rechenleistung ihrer amerikanischen Konkurrenten verfügt, kann nicht von diesem Effekt profitieren.Für die Autoren ist Mistral das Symbol schlechthin für die europäische Illusion, dass man auch mit viel kleineren Investitionen ans Ziel kommen kann.Der Untergang Europas ist nicht mehr aufzuhalten, als amerikanische Firmen den Zugang zu ihren führenden Modellen einzuschränken beginnen – auch auf Geheiss von Washington. Die Preise steigen massiv. Alle Unternehmen wollen Zugang zu den besten Modellen, doch diese sind angesichts des enormen Bedarfs an Rechenleistung ein extrem knappes Gut. Priorität hat die amerikanische Wirtschaft.Die Autoren schätzen, dass Europas derzeitiger Anteil an der globalen KI-Rechenkapazität bloss bei rund 5 Prozent liegt. Er werde bis 2028 zwar auf 8 Prozent steigen, dann aber wieder zurückfallen.So weit «Europe 2031», das Anfang Juni veröffentlicht wurde, kurz bevor die US-Regierung begann, Ausländern den Zugang zu Spitzenmodellen von Anthropic zu untersagen – angeblich aus Sicherheitsgründen. Nun konnte sich Anthropic offenbar mit der Regierung einigen, seine Frontier-Modelle sind wieder erhältlich.Man kann das trotzdem als einen ersten Hinweis darauf sehen, dass sich das Doomsday-Szenario in «Europe 2031» entfaltet, wie von den Autoren beschrieben. Wie realistisch ist es?«Europa hinkt in der Modellentwicklung zwei bis drei Jahre hinter den USA her, China etwa sechs bis neun Monate», sagt Siegfried Handschuh. Er ist Direktor des Instituts für Computerwissenschaften der Universität St. Gallen und ein besonders nüchterner Beobachter der Entwicklungen rund um KI. «Unter den jetzigen Bedingungen halte ich diesen Rückstand nicht für aufholbar.»In Europa gebe es zwar führende KI-Forscher. Doch das Rennen werde derzeit durch die Verfügbarkeit von billigem Strom und den Zugang zu grossen Summen an Kapital entschieden, so Handschuh.Am besten sieht man diese Entwicklung an Mistral, die auch in Lausanne und Zürich Stellen ausschreibt. Ein KI-Forscher in Zürich sagt, Mistral sei für ihn und seine Kollegen zweite Wahl.Bei Anthropic und Open AI gebe es viel mehr offene Stellen in Zürich und auch höhere Löhne und mehr Prestige. Mistral steht auf dem Schweizer Jobmarkt auch in direkter Konkurrenz zu Nvidia, Google, Meta und anderen Techfirmen.Mistral biete eine gute Basisinfrastruktur. Für Behörden und europäische Firmen aus manchen Branchen seien ihre Modelle rein aus regulatorischen Gründen fast alternativlos, sagt Handschuh. «Es wäre aber ein Fehler, Mistral als europäisches Open AI zu bezeichnen. Die Firma verfügt über keine Frontier-Modelle.» Ihre KI schneiden im Branchenvergleich bestenfalls mittelprächtig ab.Es gibt jedoch technische Entwicklungen, die Europa zurück ins Spiel bringen könnten. Vielleicht stösst die bisherige Brute-Force-Methode, also dass man bei der Entwicklung von KI-Modellen immer mehr Grafikkarten, Speicherchips und Energie einsetzt, rasch an ihre Grenzen.Eine zweite Chance?«Wir werden in den nächsten ein bis fünf Jahren Modelle sehen, die effizienter sind, also viel weniger Strom benötigen und trotzdem eine bessere Leistung liefern», sagt Handschuh. Europäische Anbieter könnten dann allenfalls wieder eine Rolle spielen.Die Bedeutung von kleinen, effizienteren Modellen spielt «Europe 2031» bewusst als Irrglaube herunter. Es geht den Autoren ja darum, aufzurütteln.Viele Experten sind der Ansicht, dass ihre Dystopie massiv überzeichnet, aber gleichwohl nicht falsch ist. «Ich teile die Diagnose von ‹Europe 2031› grösstenteils, finde aber nur einen Teil der vorgeschlagenen Massnahmen sinnvoll, nämlich jene, welche die grundsätzlichen Rahmenbedingungen für die KI-Branche verbessern», sagt Handschuh. Manche Vorschläge seien ihm zu dirigistisch und staatsgläubig.Auch das ist eine typisch europäische Krankheit.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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