„Früher wurde die Bravo komplett heimlich gelesen. Viele erzählen uns: Ich durfte das auf keinen Fall, aber wir haben sie trotzdem gelesen, weil es einfach spannend war“, erzählt Claudia Lück aus der „Bravo“-Redaktion. Das war in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Offiziell durften viele das Jugendmagazin zwar nicht lesen, trotzdem hatte die „Bravo“ zu ihren besten Zeiten eine Auflage von mehr als 1,5 Millionen.Jede verkaufte Zeitschrift ging im Schnitt durch vier weitere Hände, sodass die „Bravo“ Jugendliche in der gesamten Republik erreichte, aufklärte und Trends maßgeblich mitbestimmte. Wer cool war, zum Beispiel Jasmin Wagner, besser bekannt als „Blümchen“, bestimmte die Redaktion. In einer zum Jubiläum veröffentlichten Doku der ARD erzählt die Musikerin: „Die ,Bravo‘ war unsere Pop-Bibel. Da stand alles drin, was wir wissen wollten.“Gegründet wurde die „Bravo“ 1956 als „Die Zeitschrift für Film und Fernsehen“. An diesem Mittwoch feiert das Jugendmagazin der Bauer Media Group nun seinen 70. Geburtstag. Mit Blick auf dessen immense Wirkkraft ein Grund zur Freude. Oder?Seit 1964 zierten die Beatles oft das Cover des Magazins, mal alle vier lächelnd auf dem Sofa, mal beim Champagnertrinken, mal einzeln im Porträt: John, Paul, Ringo und George, mit oder ohne Partnerin. Mehr als 20 Mal war die Band gemeinsam auf dem Titel zu sehen. Wohl nie zuvor hatte es so viele hysterische Fans einer Band gegeben. Viele junge Frauen projizierten ihre Phantasien auf die „Fab Four“. Die „Bravo“ war schnell und nah dran am popkulturellen Geschehen – und hatte dann auch viele Titelgeschichten mit der damals erfolgreichsten Band der Geschichte.In der „Bravo“ gab es Aufklärung rund um den Körper, Sex und LiebeSeit Anfang der Neunzigerjahre erschienen dann die ersten „Bravo-Hits“, eine Sammlung der erfolgreichsten Pop-Songs der unmittelbaren Gegenwart. Erst als Vinyl-Platte, dann als CD. Wie die „Bravo“ mit ihren mehrteiligen Berichten, etwa der „Beatles-Story“ 1964, die sich über mehrere Ausgaben erstreckten, den Starschnitten und nun auch den Hits, lud das zum Sammeln ein.Viele lasen die Zeitschrift in der Schule, andere zu Hause, das Magazin versteckten sie aber vor den Eltern, denn die „Bravo“ war aus Sicht vieler Eltern nicht für Jugendliche geeignet. In der „Bravo“ gab es schließlich Aufklärung und Fragen rund um den eigenen Körper, Sex und Liebe, die junge Menschen brennend interessierten, in offener und direkter Sprache. Und es gab Dr. Sommer, seit 1995 die Rubrik „Love- & Sex-Report“, später umbenannt in „Bodycheck“ und in „That’s me“, die über einige Jahre hinweg junge nackte Menschen zeigte. Diese „Nackten“, als die sie bekannt waren, wurden unverblümt ausgeleuchtet und wenig erotisiert abgebildet.„Die Idee war natürlich super“, sagt Lück dazu. „Jeder Jugendliche fragt sich: Bin ich normal, bin ich schön oder nicht?“ Also rief man dazu auf, sich freiwillig nackt (im Paar) abbilden zu lassen. Aus rechtlichen Gründen durften die jungen Menschen nur mit Fernauslöser knipsen. Bald schon wurde das eingestellt, denn man wollte Nacktheit für die junge Leserschaft nicht forcieren und darf Jugendliche unter 18 Jahren ohnehin nicht mehr nackt ablichten. Heute wird das Format im Rückblick oft kritisiert.War die „Bravo“ ein geschützter Raum für Orientierung?Der Podcast „hdgdl“ spürt dieser skurrilen Eigenheit der „Bravo“ nach. „Ich war nackt in der Bravo“ heißt eine Folge. Darin wird die Geschichte von „Dr. Sommer“ rekonstruiert. Das Expertenteam war seit Ende der Sechzigerjahre Teil der sexuellen Revolution. Vorsichtig ermutigte das Team Jugendliche etwa zur Selbstbefriedigung. Ein Skandal! Die Reaktion darauf war nicht minder bezeichnend: „Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane“, so der Jugendschutz. War die „Bravo“ eher ein geschützter Raum für Orientierung? Und wo sah man je die Körper anderer junger Menschen?Vor allem war und ist die „Bravo“ ein Stück Popkultur, das mit den Sehnsüchten von Jugendlichen spielte und sie auf junge, attraktive Stars lenkte. Zum Erfolg trugen Exklusiv-Deals mit Popsternchen bei, Homestorys, also intime Besuche bei den Idolen zu Hause, die dann etwa in der Badewanne abgelichtet wurden, und die „Starschnitte“, also lebensgroße Abbildungen von Idolen, die es von 1959 bis 2004 gab. Sie füttern die Sensationslust und die Phantasien junger Menschen. Von Brigitte Bardot bis hin zu Selena Gomez konnten Promis als Poster in Echtgröße gesammelt werden. Eine Ausstellung zu den „Bravo“-Starschnitten würdigte dieses Format 2023 in Rüsselsheim.Das „Dr. Sommer Team“ gibt es weiter. Die Anfragen kommen heute meist per Mail. Einige junge Menschen brauchen Zuspruch, andere werden darin bestärkt, mit ihren Eltern zu sprechen. Die Themen haben sich gar nicht so sehr geändert. Mädchen sagen etwa: „Ich komme beim Sex nicht auf meine Kosten.“ Und alle stellen Fragen darüber, ob der eigene Körper normal sei. Nicht zuletzt bringt „Dr. Sommer“ viele Leute auch zum Lachen.Trotzdem ist die „Bravo“ nicht mehr das, was sie früher einmal war. Das Magazin konkurriert mit den sozialen Medien und verzeichnet sinkende Auflagen. Die 865.000 Instagram-Follower können den Bedeutungsverlust nicht aufhalten. Von 2015 an erschien die „Bravo“ nur noch alle zwei Wochen, seit 2020 alle vier Wochen. Aufklärung finden junge Menschen heute auch anderswo. „Dr. Sommer“, so meint die Redaktion, funktioniere trotzdem am besten in einem geschützten Raum und im Magazin: „Alles, was mit Sex und Social Media zu tun hat, ist irgendwie problematisch, finden wir“, sagt Lück. Wenige würden in dem Umfang, so bodenständig und einfach Sexualaufklärung leisten. „Ich wüsste nicht, wer das sonst macht.“Einst war die „Bravo“ das Medium, das den Erfolg neuer Popstars und Promis bestimmte, die großen Fragen der Jugend stellte und Themen früh offen ansprach, etwa Coming-out-Geschichten. Über Kritik an der Sprache, über die Belagerung einzelner junger Stars, über problematische Nacktdarstellungen scheinen sich viele bis heute wenig Gedanken zu machen. So erscheint es zumindest in der Dokumentation. Auch das ist bezeichnend.