InterviewFrühere Leiterin des Dr.-Sommer-Teams: «Wir haben immer Wert darauf gelegt, die Jugendlichen zur Selbstbestimmung zu ermutigen: Mach nur das, was du möchtest»Am 26. August 1956 erschien die erste Ausgabe der «Bravo». Einige Jahre später beantwortete «Dr. Jochen Sommer» Fragen der Leser rund um das Thema Sexualität. Im Interview erklärt die ehemalige Leiterin des Teams, Jutta Stiehler, wie befreiend die neue Offenheit war.26.08.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenFür Generationen von Jugendlichen war die «Bravo» das Leitmedium, wenn es um Stars, Musik und Aufklärung ging. Im Bild: Mädchen bei der Lektüre im Jahr 2007.Becker & Bredel / ImagoKaum eine Rubrik ist so eng mit der «Bravo» verbunden wie «Dr. Sommer». 13 Jahre nach der Gründung der Zeitschrift im Jahr 1956 beantwortete «Dr. Jochen Sommer» erstmals Fragen der Leser rund um die Themen Liebe, Freundschaft und Sexualität. Der Name war ein Pseudonym, hinter dem der Arzt und Psychotherapeut Martin Goldstein stand.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Da in den 1970er Jahren die Zahl der Briefe deutlich zunahm, wurden sie bald von einem Team aus Pädagogen und Psychologinnen beantwortet. Jutta Stiehler stiess 1991 dazu, als sie noch Sozialpädagogik studierte. Damals musste sie die meisten Briefe noch handschriftlich beantworten, da es nur einen Computer gab, den sie sich mit zwei Kolleginnen teilen musste. Von 1998 bis 2014 war Stiehler fest beim Dr.-Sommer-Team angestellt, die letzten vier Jahre leitete sie es. Heute ist sie 69 Jahre alt und arbeitet als Therapeutin in ihrer eigenen Praxis in München. Ihre Stimme am Telefon ist warm und ruhig und hat einen bayrischen Einschlag.Mary ReichFrage: Frau Stiehler, erinnern Sie sich noch an den ersten Brief, den Sie beantwortet haben?Antwort: Nicht konkret, aber die Frage wird eher nicht sehr schwierig gewesen sein. Ich war ja damals neu im Team und habe mit einfachen Fragen angefangen. Aber eigentlich sind die Themen der Jugendlichen über die Jahre ohnehin immer gleich geblieben. Es ging um die Schule, um Freundschaft und die Eltern, es ging um die körperliche Entwicklung und irgendwann natürlich auch um den ersten Kuss und das erste Mal. Später kamen Piercings, Tattoos und Schamhaarrasuren hinzu, aber letztlich haben sich die Fragen über die Zeit nicht gross verändert.Frage: Ihre frühere Chefin Margit Tetz sagte einmal, zu den Spitzenzeiten seien wöchentlich zwischen 3000 und 5000 Briefe in der Redaktion angekommen. Waren es wirklich so viele?Antwort: Das war zur Wende tatsächlich so. Als ich dort arbeitete, kam meist jeden Tag ein Päckchen mit etwa 120 Briefen oder mehr. Die haben wir dann untereinander aufgeteilt und beantwortet, schriftlich oder per Telefon. Manche Fragen haben wir gemeinsam besprochen. Es gab bestimmte Themen, die einige Kollegen bevorzugt beantwortet haben, einfach weil sie darüber am besten Bescheid wussten. Wenn es um Gewalt oder sexuelle Übergriffe ging, haben meine Kollegin Margit Tetz und ich die Anfragen beantwortet. Daraus ist meist ein längerer Kontakt entstanden, so lange, bis sich der oder die Jugendliche Hilfe in der Familie oder bei Fachleuten geholt hat. Diese Themen haben wir sehr ernst genommen.Frage: Haben Sie die Briefe eigentlich eins zu eins übernommen?Antwort: Nicht ganz. Wir haben sie selbstverständlich anonymisiert, um die Jugendlichen zu schützen. Schrieb ein 16 Jahre alter Michael aus Hamburg, wurde er zum 15 Jahre alten Sebastian aus München. Sehr kleine Orte haben wir nie genannt, auch identifizierende Details haben wir weggelassen. Bei längeren Briefen mit vielen Aspekten haben wir ein Thema herausgenommen und in der «Bravo» veröffentlicht. Aber erfinden mussten wir nie etwas, auch wenn diese Frage immer wieder gestellt wurde.Frage: Wer schrieb mehr: Mädchen oder Jungen?Antwort: Eine lange Zeit stammten zwei Drittel der Briefe von Mädchen. Erst später, mit dem Aufkommen der E-Mail, schrieben auch die Jungen mehr. Insgesamt haben wir wirklich viele Jugendliche erreicht. Es hiess immer: Ein Heft wird von vieren gelesen. Damals hatte die «Bravo» ja teilweise noch etwas Verbotenes an sich. Dadurch war sie besonders reizvoll.Frage: Die typischen Leser der «Bravo» sind zwischen 11 und 15 Jahre alt. Was ist das für eine Lebensphase?Antwort: Zunächst einmal eine unglaublich spannende. In der Pubertät passiert unglaublich viel im Körper, aber auch in der Wahrnehmung sowie im Denken und Fühlen. Man ist sehr neugierig auf alles, was mit Sexualität zu tun hat, vieles ist einem aber auch unheimlich. Deshalb verlieben sich manche Jugendliche auch erst einmal in Stars, denn da passiert nichts, womit sie nicht umgehen können. Man kann schwärmen und sich die schönsten gemeinsamen Erlebnisse ausdenken, aber nichts davon wird Wirklichkeit. Das ist eine Art Training für später.Frage: 1972 löste Martin Goldstein alias Dr. Sommer einen Skandal aus, als er schrieb, Selbstbefriedigung mache weder krank noch schwul oder unfruchtbar. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien setzte die «Bravo» daraufhin auf den Index. Die Geschlechtsreife allein berechtige noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane, hiess es. Solch strenge Moralvorstellungen wirken heute wie aus der Zeit gefallen.Antwort: Ja, dieses Beamtendeutsch hat nichts mit Gefühlen zu tun. Die Jugendlichen bekamen dadurch nur vermittelt, dass mit ihnen und ihrer Sexualität offenbar etwas nicht in Ordnung ist. Aber die sechziger und siebziger Jahre waren einfach eine andere Zeit. Noch sehr rigide, sehr katholisch. Viele junge Frauen, aber auch ihre Eltern hatten Angst vor einer ungeplanten Schwangerschaft. «Komm mir bloss nicht mit einem Kind nach Hause» – diesen Satz bekamen Mädchen oft zu hören. Gleichzeitig war das Thema noch sehr schambehaftet, und Verhütungsmittel waren teilweise schwer zu erhalten. Wenn ein Mädchen die Pille verschrieben bekommen wollte, musste lange noch die Mutter zum Frauenarzt mitkommen.Frage: Wie wurden Sie selbst aufgeklärt?Antwort: 1969, als Dr. Sommer anfing, war ich zwölf Jahre alt, und ich kann mich noch gut erinnern, dass über alles, was mit Sexualität zu tun hatte, nicht gesprochen wurde. Meine Oma nannte die Geschlechtsorgane nur «da unten». Auch auf der Klosterschule, auf die ich ging, gab es Themen wie Liebe oder Küssen gar nicht. Mit meinen Freundinnen sprach ich höchstens darüber, wer in wen verliebt ist oder wer wen angeguckt hat. Auch ich habe damals alles, was ich über Sexualität wusste, aus der «Bravo» erfahren. Ich habe sie mir sogar kaufen dürfen, meine Mutter hatte nichts dagegen. Wenn die neue «Bravo» erschien, haben meine Freundinnen und ich sie gemeinsam gelesen. Stars, Musik und natürlich die Dr.-Sommer-Seite. Die war damals eine Bleiwüste, kein Bild und langweilige Farben – aber trotzdem hochinteressant! Wir haben dabei natürlich viel gekichert.Dr. Jochen Sommer nahm 1969 die Arbeit auf. Ab den 1970er Jahren beantwortete ein Team die Briefe.Frage: In den Briefen, die die Jugendlichen an die «Bravo» schrieben, wurde oft das Aussehen thematisiert. Einige Fragen lauteten etwa: «Mein Penis ist nur vier Zentimeter lang», «Mein Busen ist zu klein» oder «Ich bin zu dick». Welche Rolle spielt das Aussehen in dem Alter?Antwort: Eine sehr grosse. Die meisten Fragen, die uns erreichten, drehten sich um die körperliche Entwicklung. Mädchen wollten wissen, wann ihr Busen wächst, Jungs fragten, wann sie den ersten feuchten Traum haben. In der Pubertät passiert im Körper sehr viel. Manchmal sehr schnell, manchmal schubweise. Das verunsichert die Jugendlichen natürlich, auch jene, die in stabilen Verhältnissen aufwachsen. Auch deshalb ist die Pubertät ein sehr sensibles Alter. In dieser Zeit vergleicht man sich stark mit anderen, und viele wollen gerne so aussehen wie ihre Lieblingsstars, wie Taylor Swift oder wen es da gerade gibt. Deswegen ist der Einfluss von Pornografie auch so problematisch: weil sich die Jugendlichen mit Körpern vergleichen, die aussergewöhnlich und vielleicht sogar operiert und optimiert sind.Frage: War Pornografie in den Briefen, die Sie erreicht haben, oft ein Thema?Antwort: Ja, dazu gab es immer wieder mal Fragen. Vor allem Jungs schrieben, weil sie befürchteten, ihr Penis sei zu klein, nachdem sie einen Porno gesehen hatten. Aber auch viele Mädchen wissen zunächst nicht, dass diese riesigen Brüste in den Filmen häufig durch Operationen vergrössert sind. In unseren Antworten ging es dann darum, den Jugendlichen zu erklären, dass sie ganz normal sind.Frage: Auch die Beziehungen, die in Pornos dargestellt werden, sind oft problematisch. Männer können immer, Frauen wollen immer.Antwort: Es ist eine ziemlich rohe Sexualität, die da gezeigt wird. Frauen sind eigentlich nur dazu da, um die Lust des Mannes zu befriedigen. Im Dr.-Sommer-Team haben wir immer Wert darauf gelegt, die Jugendlichen zur Selbstbestimmung zu ermutigen: Mach nur das, was du möchtest. Und wenn dein Freund etwas von dir verlangt, was du nicht magst, dann kannst du Nein sagen, und er muss das respektieren. Für einen jungen Mann gilt das natürlich auch. Auch er muss sich fragen: Was wünsche ich mir wirklich?Frage: Es gibt aber auch Stimmen, die sagen: Die Jugendlichen wissen sehr wohl, dass Pornos nicht der Realität entsprechen.Antwort: Das trifft ebenfalls zu und ist sicher abhängig vom Alter der Jugendlichen. Ich hatte bei den vielen Zuschriften den Eindruck, dass es «dazugehört» hat, Pornos anzusehen, um mitreden zu können. Aber dann wurde das Thema auch wieder abgehakt. Generell war uns wichtig, den Jugendlichen zu vermitteln, dass Sexualität etwas sehr Schönes ist, wenn beide es wollen und sich danach sehnen. Und dazu gehört auch: Redet miteinander. Sprecht miteinander darüber, was euch im Bett gefällt und was nicht. Das Reden über Sex, gerne auch beim Sex, ist sehr wichtig und sehr befreiend. Woher soll der oder die andere wissen, was dir guttut? Sag es einfach! So entsteht Intimität.Frage: Hat sich in der Zeit, in der Sie bei der «Bravo» waren, die Sexualmoral der Jugendlichen verändert? Sind heutige Generationen offener als frühere?Antwort: Das nimmt man immer an, aber heutige Jugendliche sind eigentlich ziemlich zurückhaltend. Viele Mädchen tragen zwar knappe T-Shirts oder Röcke, aber das hat nichts mit sexueller Freizügigkeit zu tun. Sie tragen das, weil es ihnen gefällt, weil sie ihren Idolen nacheifern wollen oder weil alle so herumlaufen. Aber das ist natürlich keine Einladung für Jungen und Männer, sie anzufassen, ihnen hinterherzupfeifen oder das Aussehen zu kommentieren! War es noch nie, aber früher haben sich die Männer diese «Privilegien» ganz selbstverständlich herausgenommen, und Frauen haben sie ihnen gelassen. Das ist heute Gott sei Dank nicht mehr so. Jugendliche sind heute sehr frei – und dazu gehört auch die Freiheit, Dinge abzulehnen.Frage: Wie blicken Sie auf die heutige Jugendgeneration angesichts der zahlreichen Möglichkeiten des Internets?Antwort: Ehrlich gesagt, bekomme ich Bauchschmerzen, wenn ich überlege, zu welchem Material die Jugendlichen im Internet Zugang haben. Mit einem Klick bestätigt man, dass man 18 Jahre alt ist, und schon sieht man die absonderlichsten Bilder. Ich finde es auch schwierig, dass viele Kinder schon Handys haben. Mit 13 oder 14 Jahren können sie mit dem, was sie sehen, nicht gut umgehen. Das betrifft sexuell explizite Bilder, aber auch Darstellungen von Gewalt. Solche Bilder verletzen die Seele.Frage: Vor dem Internet waren Kinder und Jugendliche mit solchen Bildern natürlich viel seltener konfrontiert.Antwort: Das stimmt. Verstörende Bilder gab es aber damals schon auch. Als ich Kind war, lag bei uns zu Hause der «Stern» herum. Eigentlich durfte ich mir die Zeitschrift nicht anschauen, einmal habe ich sie mir aber doch genommen. In der Ausgabe war ein Foto aus dem Vietnamkrieg zu sehen: Ein amerikanischer Soldat hielt den abgeschlagenen Kopf eines vietnamesischen Mannes in der Hand. Das Gesicht dieses Vietnamesen war schmerzverzerrt. Bis heute sehe ich dieses Foto vor mir. Damals hat es mich und meine Seele schwer verletzt. Und ich konnte mich an niemanden wenden, denn ich hatte ja etwas Verbotenes getan, als ich das Heft angesehen hab. Ich denke, ähnlich kann es auch Kindern oder Jugendlichen gehen, wenn sie pornografische Bilder sehen. Die menschliche Seele ist einfach ein sehr sensibles, weiches und leicht verletzbares Wesen, das Schutz braucht. Darum finde ich es enorm wichtig, Kindern und Jugendlichen Medienkompetenz zu vermitteln. Das muss bereits in der Familie beginnen, und natürlich ist auch die Schule ein wichtiger Ort dafür.Frage: Hat sich auch die Zuwanderung in den Fragen an das Dr.-Sommer-Team widergespiegelt?Antwort: Eigentlich nicht. Fragen von Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund waren weder über- noch unterrepräsentiert. Ich kann mich nur an zwei interessante Situationen erinnern. Eine Weile kamen vermehrt Fragen zum Thema Analverkehr. Da haben wir überlegt, ob es damit zu tun haben könnte, dass muslimische Mädchen theoretisch bis zur Hochzeit Jungfrau bleiben müssen und Analverkehr für sie eine Möglichkeit ist, ihre Sexualität auszuleben. Aber das war nur eine Vermutung. Vielleicht wurde die Frage auch gestellt, weil die Praktik spannend erschien. Unsere Haltung in der Sache war klar. Wir haben den Mädchen immer gesagt: Wenn du das ausprobieren möchtest, mache es. Wenn nicht, lass es sein. Dein Freund muss das respektieren.Frage: Und die zweite Situation?Antwort: Einmal hat sich ein Mädchen bei uns gemeldet, dessen Mutter Türkin und dessen Vater Deutscher war. Die Mutter verlangte, dass sich ihre Tochter die Schamhaare mit Wachs entfernen lässt. Das ist in der türkischen Kultur zwar so üblich, aber das Mädchen wollte das nicht. Sie war 14 oder 15 Jahre alt und fand das zu schmerzhaft. Ich hatte dann eine Weile Kontakt zu ihr, und schliesslich hat sie sich getraut, mit ihrer Mutter über das Thema zu diskutieren. Beide einigten sich auf einen Kompromiss: Die Tochter musste die Haare nicht mit Heisswachs behandeln lassen, sondern durfte sie rasieren.Die Dr.-Sommer-Rubrik deckte viele Themen ab: Sexualität, Beziehungen, Familie, Freundschaften.Frage: Einige Jugendliche wandten sich auch mit ganz existenziellen Problemen an die «Bravo». Sie beschrieben Misshandlungen durch die Eltern, schmerzhafte Trennungen und auch sexuellen Missbrauch. Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?Antwort: Einmal hat uns ein Mädchen geschrieben, das 13 Jahre alt war und von seinem Grossvater sexuell belästigt wurde. Wir hatten dann über eine längere Zeit Kontakt, brieflich, aber auch telefonisch. Ich habe dem Mädchen Mut gemacht, sich der Mutter anzuvertrauen und sich Hilfe zu holen. Das hat sie gemacht und die Belästigung hörte auf; der Grossvater ist dann auch irgendwann verstorben. Anschliessend hat das Mädchen eine Therapie gemacht. Vor allem, wenn es um Gewalt oder um sexuelle Gewalt ging, haben wir die Jugendlichen länger begleitet. In so einer Notsituation kann man sie nicht nur mit einer Antwort stehen lassen.Frage: Haben Sie solche Fälle auch privat belastet?Antwort: Manchmal. Über einige Fälle habe ich auch zu Hause nachgedacht. Aber es ist wichtig, neben der emotionalen Nähe eine professionelle Distanz zu wahren. Hat man die nicht, brennt man langfristig aus und kann nicht mehr arbeiten. Natürlich haben wir uns mit den Kolleginnen und Kollegen ausgetauscht und schwierige Themen besprochen. Ich habe zusätzlich Supervision bei einer externen Therapeutin genommen.Frage: 2014 wurde das Dr.-Sommer-Team abgebaut, und Sie sind wegen Sparmassnahmen entlassen worden.Antwort: Für mich war das eine sehr belastende Zeit. Als ich gegangen bin, war nur noch eine Mitarbeiterin da. Zuletzt waren wir also zu zweit. In dieser Zeit kamen zwar nur noch wenige Briefe, aber trotzdem viele E-Mails, die beantwortet werden wollten, zusätzlich zu den Veröffentlichungen auf den Dr.-Sommer-Seiten im Heft. Mit der Entlassung endete für mich ein Lebensabschnitt. Ich habe danach etwas Neues angefangen: Ich habe mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen gearbeitet.Frage: Inzwischen erscheint die «Bravo» nur noch monatlich, und die Fragen an «Dr. Sommer» haben nicht mehr die Bedeutung wie früher. Die Rubrik gibt es aber immer noch. Braucht es heute noch die Aufklärungsarbeit der «Bravo»?Antwort: Schwer zu sagen. Natürlich sind die Jugendlichen heute aufgeklärter als früher. Diese klassischen Fragen aus den siebziger oder achtziger Jahren, ob man im Schwimmbad schwanger werden kann oder vom Küssen krank wird, gibt es heute nicht mehr. Das liegt auch an der Offenheit der Eltern. Trotzdem haben Jugendliche mit 13 oder 14 Jahren noch immer viele Fragen. Im Internet gibt es einige Beratungsangebote, aber ich weiss nicht, wie gut sie sind.Frage: Was würden Sie Eltern raten, wenn diese mit ihren Kindern über Sexualität sprechen wollen? Für einige ist es vielleicht kein ganz leichtes Thema.Antwort: Na ja, aber es ist auch kein schwieriges Thema. Das sind alles ganz menschliche Dinge: die erste Menstruation, der erste Samenerguss in der Nacht, die ersten Schamhaare. Jeder weiss, dass es das gibt. Wichtig ist, dass Eltern wirklich zuhören und zu einem echten Gespräch bereit sind. Dazu gehört auch nachzufragen, wenn man etwas nicht verstanden hat, und zuzugeben, wenn man etwas nicht weiss. Dann kann man versuchen, gemeinsam mit dem Kind eine Antwort auf die Frage zu finden. Wichtig ist, die Jugendlichen nicht zu bedrängen oder Dinge von oben herab zu erklären, sondern Offenheit zu signalisieren. Also zu sagen: «Wenn du etwas wissen willst, frag mich oder Papa.» Die Eltern sind auch nicht die einzigen Ansprechpersonen. Auch eine Tante oder eine andere Bezugsperson können in der Pubertät eine wichtige Funktion haben. Entscheidend ist, dass die Jugendlichen ihnen vertrauen.Frage: Sie haben zwei Söhne. Wie sind Sie damals vorgegangen?Antwort: Eigentlich sehr ähnlich. Oft sind Jugendliche auch schon mit wenig Informationen zufrieden. Als sich mein Sohn einmal für etwas interessierte, fragte ich ihn: «Willst du es genau wissen, oder reicht eine kurze Antwort?» Da sagte er: «Nee, bitte die kurze.» Und dann gibt es auch ganz tolle Bücher, die man kaufen oder ausleihen kann. Ich habe solche Bücher und Broschüren damals bewusst bei uns in der Wohnung herumliegen lassen, weil ich wusste, dass mein Sohn und seine Freunde sie sich anschauen. Die «Bravo» habe ich natürlich auch mitgebracht.Frage: Martin Goldstein hat in seinem letzten Buch «Teenagerliebe» geschrieben, dass er das Wort «Aufklärung» nie mochte. «Sie findet nur dort statt, wo vorher etwas verschwiegen wurde», sagte er. Stattdessen sprach Goldstein von «Initiation». Die Erwachsenen sollten Jugendlichen einfach bei allen Problemen Rede und Antwort stehen. «Es geht um Zuhörenkönnen und Gesprächsbereitschaft», sagte er. Eine schöne Haltung.Antwort: Ja, das finde ich auch! Darauf haben wir auch bei der «Bravo» immer geachtet: die Jugendlichen ernst zu nehmen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Damals hiess es ja noch oft: «Stell dich nicht so an.» Aber es geht darum, im Moment zu sein. Ein Junge hat mir einmal gesagt: «So, wie du mit mir redest, habe ich das Gefühl, du kennst mich.» Natürlich kannte ich ihn nicht persönlich, aber ich kenne junge Menschen und ihre Fragen und Sorgen. Ja, ich würde sagen, ich habe ein sehr grosses, offenes Herz für Kinder und Jugendliche. Auch heute noch.Passend zum Artikel