PD; Bearbeitung NZZDas Magazin machte Stars zu Zimmergenossen und den Slang der Schulhöfe zu einer gemeinsamen Sprache. Was bleibt davon?Matthias Greuling21.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEs gab eine Zeit, da musste man sich einen Star mühevoll erarbeiten. Woche für Woche wurde ein Stück Gesicht, ein Arm, ein Oberkörper oder ein Hosenbein aus der «Bravo» herausgetrennt und an das vorige Teil geklebt. Es begann mit Paul McCartneys linker Schulter oder Brigitte Bardots Füssen. Erst nach Wochen stand das Idol in Lebensgrösse im Jugendzimmer: schon leicht zerknittert, von Klebestreifen zusammengehalten, aber endlich ganz. Verehrung war damals auch eine Bastelarbeit, für die es viel Geduld brauchte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Starschnitt war lange die vollkommenste Metapher für die Macht der «Bravo». Das Heft lieferte die Bausteine, um Idole zu erschaffen.Material Girl: Die «Bravo» brachte 1985 Madonna in Lebensgrösse in die Jugendzimmer.PDAm 26. August 1956 erschien die erste Ausgabe, noch als «Zeitschrift für Film und Fernsehen», mit Marilyn Monroe auf dem Titel, 40 Seiten stark und 50 Pfennig teuer. Die Startauflage betrug 30 000 Exemplare. Schon ein Jahr später waren es 200 000, Mitte 1959 mehr als eine halbe Million. Das Blatt kam im richtigen Augenblick: Rock’n’Roll und amerikanische Konsumkultur trafen auf eine Nachkriegsgesellschaft, die ihre Kinder gern artig frisiert und im Ausdruck höflich-zuvorkommend gesehen hätte. Sie hatte die Rechnung ohne die «Bravo» gemacht, die ihnen Looks, Identifikation und eine eigene Sprache gab.«Cool, sexy, mega»Die «Bravo» erfand die Jugend nicht. Aber sie trug dazu bei, sie in der Gesellschaft sichtbar zu machen – in Form des «Teenagers». Dieser Teenager hatte Taschengeld, Musikgeschmack, Liebeskummer und – eine nicht zu unterschätzende Provokation – eine eigene Meinung darüber, wie lang Haare sein durften. Die «Bravo» wurde zu seinem wöchentlichen Lagebericht. Was in Amerika «in» war, kam durch sie in die Bundesrepublik, später auch nach Österreich und in die Schweiz. Elvis erschien in ihren Spalten, noch bevor seine Platten regulär in den deutschen Plattenläden lagen.Knallige Schlagzeilen: Erstausgabe der «Bravo» vom 26. August 1956.APSo viel Trendsetting musste man benennen: «Fan», «Hit», «Beat», später «cool», «sexy», «mega»: Die «Bravo» war eine Übersetzungsmaschine der Pop-Moderne. Die Sprache des Hefts lebte von Ausrufezeichen und Superlativen. Alles war «total», «irre» oder wenigstens «echt stark». Die «Bravo» war schon pfeilschnell, lange bevor es das Internet gab. Und sie nahm ihre Zielgruppe ernst. Während Erwachsene die Jugendsprache traditionell als Anzeichen des Untergangs betrachten – eine Sorge, die jede Generation frisch erfindet –, behandelte das Heft sie als Gegenwart. Ein Wort musste nicht im Duden stehen, um zu existieren.Zugleich domestizierte die «Bravo» die Rebellion, die sie verbreitete. Rock’n’Roll durfte gefährlich aussehen, solange er sich als Platte kaufen liess. 1965 begann ein gigantischer Starschnitt der Beatles, der sich über 44 Teile und fast ein Jahr hinzog. 1966, als die Auflage erstmals die Millionengrenze überschritt, organisierte und finanzierte die Zeitschrift eine Deutschlandtour der Band mit sechs Konzerten. Die «Bravo» begann, die Pop-Geschichte mitzugestalten, anstatt nur darüber zu berichten.Die Beatles als gigantisches Poster: Paul McCartneys Kopf als Nummer 26 des 44-teiligen Starschnitts.PDDie Rolling Stones waren der Redaktion zunächst zu ungepflegt und zu verkommen – doch die Jugend eroberten sie im Sturm. Da sah die «Bravo» schnell ziemlich alt aus, wenn die Jugend tatsächlich einmal eine Spur radikaler wurde. Weshalb auch spätere Trends wie Punk, Hippies, Heavy Metal, Hip-Hop oder Techno ihre Genese nicht unbedingt in dem stets kitschig gelayouteten Hochglanzheftchen verorteten. Ignorieren konnte man neue Strömungen aber nicht: Die «Bravo» nahm die Trends auf und machte sie für die breite Masse zugänglich. Es war der (oftmals gelungene) Versuch, aus einer Subkultur ein Must-have zu machen und damit wiederum Konsum zu generieren.Ganz nah dran seinDas hatte weitreichende Folgen: Denn Massenkultur schafft Gemeinsamkeit. Eine neue Ausgabe wurde gekauft und so lange herumgereicht, bis fast jeder und jede wusste, was drinstand. Ob Hamburg, Wien oder Zürich: Die Zeitschrift war eine wöchentliche Synchronisationsmaschine für den deutschsprachigen Raum. Eine Funktion, die heute unter ganz ähnlichen kommerziellen Absichten die sozialen Netzwerke erfüllen, wenn auch in viel stärker individualisierter Form.Wichtig war und ist: das Gefühl, ganz nah dran zu sein. Der Star, von dem ich alles kenne – seine Kinderfotos, sein Zuhause, seine Lover. Das galt besonders in den achtziger und neunziger Jahren. Damals war das Blatt für die Pop-Industrie die Eintrittskarte in die Zimmer der Kinder und Jugendlichen. Mit Brandbeschleuniger.Lesen und nachahmen: junge «Bravo»-Leser im Jahr 1997.KeystoneRund um die deutsche Wiedervereinigung wurden bis zu 1,7 Millionen Hefte verkauft (in der DDR war die «Bravo» noch verboten und galt als systemzersetzend). Weil jedes Exemplar durch viele Hände ging, erreichte die Zeitschrift wöchentlich bis zu sechs Millionen junge Menschen. Take That, die Backstreet Boys, die Kelly Family oder Blümchen nutzten diesen Brandbeschleuniger – für sie alle war Deutschland der wichtigste Markt überhaupt.Dabei ging die «Bravo» durchaus normgerecht vor: Nichts lief radikal, rebellisch oder ausserhalb von erprobten Bahnen. Das Heft suggerierte eine authentische Nähe zu den Stars, dabei wurde alles mit den Managements abgesprochen, das Image der Teenie-Idole minuziös geplant. Einziges Ziel: verkaufen. Deshalb musste hier alles möglichst fotogen aussehen.Aber es gab noch ein zweites grosses Reich der «Bravo»: Dr. Sommer. Seit 1969 beantwortete zunächst Martin Goldstein, bald ein ganzes Team Fragen zu Körper, Liebe und Sexualität. Für viele Jugendliche war dies der einzige Ort, an dem ihre Unsicherheiten überhaupt in vollständigen Sätzen vorkamen. Die Rubrik benannte Dinge, über die man zu Hause nicht sprechen konnte oder wollte. Darin liegt eine zivilisatorische Leistung. Während Eltern Seiten herausrissen und 1972 zwei Beiträge über Selbstbefriedigung gar staatlich indiziert wurden, brachte die «Bravo» den Körper in die Alltagssprache und ins Bewusstsein vieler Heranwachsender.Körper, Liebe, Sex: Die «Bravo» benannte Dinge, über die man zu Hause nicht sprechen konnte oder wollte, «Foto-Love-Story» aus den 1980er Jahren.Bravo ArchivWürde man das Magazin mit einem Algorithmus vergleichen, so wäre es einer gewesen, dem niemand entkam. Kuratierte Pop-Vermarktung, die versucht hat, alle zu erreichen. Heute besitzt Jugendkultur kein solches Zentrum mehr. Das ist eigentlich gut. Noch nie konnten junge Menschen so leicht eigene Musik, Bilder und Sprachen veröffentlichen. Wer früher darauf warten musste, entdeckt zu werden, kann heute über Tiktok, Youtube oder Instagram selbst ein Publikum finden. Aus Starschnitten wurden Feeds, aus Fanbriefen Kommentare und Likes, aus der Homestory die täglich erneuerte Insta-Story. Die Illusion der Nähe ist geblieben, nur arbeitet sie inzwischen rund um die Uhr.Die «Bravo» sprach zu Millionen gleichzeitig. Soziale Netzwerke sprechen scheinbar zu jedem Einzelnen. Der eine Feed zeigt K-Pop, der nächste Gaming, der dritte Fitness. Keine Jugendsprache zuvor war derart stark durch Internetkultur, Online-Spiele, Memes und Kurzvideos geprägt. Wörter wie «cringe», «lost» oder «skibidi» werden von Erwachsenen zuverlässig erst dann ausgesprochen, wenn Jugendliche sie bereits wieder peinlich finden.Noch nicht am EndeWeshalb die «Bravo» ein Auslaufmodell ist: Sie vereinheitlichte stets Jugendkultur von oben; die Plattformen fragmentieren sie von innen. Damals entschied eine Redaktion, wer Star wurde. Heute entscheidet ein Zusammenspiel aus Nutzern, Werbekunden und undurchsichtigen Empfehlungssystemen. Das wirkt nur auf den ersten Blick demokratischer: Die «Bravo» wollte Hefte verkaufen und zeigte diese Absicht offen am Kiosk. Der Algorithmus will Verweildauer und tarnt seine Auswahl als persönlichen Geschmack. Die vermeintliche Vielfalt wird da schnell sehr einfältig.Dass die gedruckte «Bravo» heute nur noch monatlich erscheint und ihre Auflage im ersten Quartal 2026 bei gut 43 000 Exemplaren lag, ist nicht nur ein Aspekt des Zeitschriftensterbens. Es ist das Ende einer bestimmten Öffentlichkeit. Mitte der 2000er Jahre gelang dem Magazin mit Tokio Hotel noch einmal ein klassischer Coup. Danach übernahmen Casting-Shows, Plattformen und Influencer den Job des Heftes.Noch einmal ein klassischer Coup: «Bravo» befeuert die Popularität von Tokio Hotel, Titelbild aus dem Jahre 2005.PDDie «Bravo» ist 70 – aber noch nicht im Ruhestand. Spannend ist, wenn man junge Menschen dabei beobachtet, wie sie zunächst desinteressiert eine aktuelle Ausgabe der «Bravo» durchblättern – und auf jeder zweiten Seite einen Aufschrei machen, weil sie ein Internet-Star, ein Influencer, ein Tiktoker anlächelt, den sie sonst nur vom Handy kennen. Es ist, als würde den Kids in diesem Moment bewusst, dass ihre Stars real geworden sind, auf Papier gebracht für die Ewigkeit. Ein kleiner Starschnitt, der auch dann noch strahlt, wenn der Handy-Akku leer ist.Passend zum Artikel