Ob Fussball, Musik oder Film: Unter der Tyrannei der Fans verkommt der Star zum Dienstleister. Kreisch!Stars sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Statt sich ihrer Verehrung sicher zu sein, stimmen Fussballer und Pop-Grössen ihr Verhalten immer enger auf die Wünsche der Fangemeinde ab. Doch wie viel Mitsprache verträgt der Nimbus der Stars?14.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenNimmt ein Selfie-Bad in der Menge: Pop-Star Sabrina Carpenter 2016 im Madison Square Garden, New York.Theo Wargo / GettyAls sich die amerikanische Pop-Sängerin Sabrina Carpenter vergangenen April auf der Bühne eines Musikfestivals in Kalifornien ans Klavier setzte, um eine kontemplative Ballade anzustimmen, kam ihr ein schriller Ton zu Ohren, an dem sie keinen Gefallen fand.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Ich glaube, ich habe jemanden jodeln gehört. Ist es das, was ihr tut?», fragte sie ins Publikum. Der Triller wiederholte sich. «I don’t like it», fuhr sie fort. Worauf ihr eine Frau aus der Menge zurief, dass es sich um eine Tradition aus ihrer Kultur handle. «Jodeln ist deine Kultur?», fragte Carpenter und verzog das Gesicht. Und als die Frau dem Pop-Star den Unterschied zwischen einem Jodel und einer Zaghrouta zu erklären versuchte, jenem gellenden Jauchzer, den arabische Frauen an Festen oder Hochzeiten als Zeichen der Freude ausstossen, verlor Carpenter die Geduld und meinte: «Das ist seltsam.»Natürlich donnerte sofort ein beträchtlicher Shitstorm durch die sozialen Netzwerke. Carpenter wurde der Respektlosigkeit gegenüber einer fremden Sitte bezichtigt, der Ignoranz und gar der Islamophobie. Umgehend entschuldigte sie sich für die unverzeihliche Wissenslücke: Sie hätte besser damit umgehen müssen, schrieb der Pop-Star auf X. «Danke, nun weiss ich, was eine Zaghrouta ist!»«Ich weiss eure Liebe zu schätzen, aber . . .»Im Januar 2023 stolperte Serge Gnabry, Stürmer beim FC Bayern München, über sein gutes Recht, an einem freien Tag tun und lassen zu können, wonach ihm ist. Er flog an die Fashion Week nach Paris, postete Fotos von sich auf Instagram und bezahlte seine Reiselust mit einer Welle der Entrüstung. Was war geschehen? Tags zuvor war sein Team mit einem enttäuschenden 1:1 gegen den RB Leipzig in die neue Saison gestartet. Und Gnabry hatte, so hiess es, uninspiriert gespielt. Dass sich der Star bereits am nächsten Tag in Paris vergnügte, statt in Scham zu versinken, war arbeitsrechtlich legal, aber Tausende von Fans hielten das Verhalten des Stürmers für arrogant und abgehoben. Der Verein sah sich gezwungen, Gnabrys Jet-Set-Eskapade zu verurteilen.Kreisch: Fans von Justin Bieber 2013 vor dem Hallenstadion Zürich.Christoph Ruckstuhl / NZZAn einem Konzert in Birmingham im Oktober 2016 bat der kanadische Pop-Sänger Justin Bieber seine Fans, ihr flächendeckendes Geschrei eine Spur zu drosseln. «Könnt ihr mir einen Gefallen tun und euch für zwei Sekunden entspannen? Ich weiss eure Liebe zu schätzen, aber dieses Gekreische ist wirklich lästig.» Bieber wurde ausgebuht. Ein paar Tage später, in Manchester, bat er seine Fans erneut, wenigstens zwischen den Songs das ohrenbetäubende Geschrei zu lassen. «Ich versuche, mit euch zu reden.» Sein Appell blieb unerhört. Bieber liess das Mikrofon fallen und beendete das Konzert unter Pfiffen.Das Schmähgewitter, das über dem Teenie-Star in den sozialen Netzwerken ausbrach, war absehbar. Sein Verbrechen? Undankbarkeit, Allüren und mangelnde Professionalität. Bieber entschuldigte sich auf Twitter. «Ich wollte nur, dass man mir ein bisschen zuhört», was als weinerliche Ausrede zurückgewiesen wurde. Ein Jahr später brach er seine Welttournee wegen «mentaler und physischer Erschöpfung» ab und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück.Der Star, zum Dienstleister verkommenFans können unerbittlich sein. Rechthaberisch, unausstehlich, tyrannisch. Fussballer kennen das, Pop-Musiker, Schauspieler: Ein falsches Wort, ein falscher Move, und schon wird der vergötterte Star von einem virtuellen Mob in seine Einzelteile zerlegt. Sicher, Fans waren schon immer der Zündstoff, der den Star zum Strahlen und Verglühen brachte, aber im digitalen Zeitalter sind sie zu einer globalen Grossmacht geworden. Der Fan von heute ist kein blosser Enthusiast mehr. Der Fan von heute fordert seinen Tribut. Er möchte Teilhaber, Mitgestalter, Entscheidungsträger sein. Er lobt und tadelt, richtet und bestraft. Likt und cancelt. Der Fan von heute ist Kunde und somit König. Er bezahlt mit seinen Daten und viel zu hohen Ticketpreisen. Bekommt der Fan nicht, was er will, droht er mit Konsumboykott und Liebesentzug. Der Star verkommt zum Dienstleister.Noch nie in der Kulturgeschichte des Fantums war die Beziehung zwischen Stars und Fans so eng und so kompliziert wie heute. Noch vor zwanzig Jahren waren die einzigen Orte, an denen so etwas wie ein Austausch stattfinden konnte, die Konzerthallen, Sportarenen und roten Teppiche der Filmfestivals. Die Stars agierten, die Fans reagierten. Heute ist es umgekehrt: Die Fans agieren, die Stars reagieren.Schon Sokrates war von glühenden Verehrern umgeben, der Minnesänger Walter von der Vogelweide wurde von der höfischen Gesellschaft gefeiert, doch der erste moderne Superstar war Franz Liszt. Der Pianist war jung, trug die Haare lang, rauchte, spielte expressiv und komponierte Hits, mit denen er durch ganz Europa tourte. Wie «die hysterische Damenwelt mit einem wahnsinnigen Enthusiasmus» den deutschen Klaviervirtuosen und Komponisten umjubelte, beobachtete auch Heinrich Heine: «Wenn er auf dem Pianoforte ein Gewitter spielte, sahen wir die Blitze über sein eigenes Gesicht dahinzucken, wie von Sturmwind schlotterten seine Glieder . . .» Seine Fans fielen in Ohnmacht, kratzten dem Star den Kaffeesatz aus der Tasse, ergatterten Haarlocken, rissen Federn aus einer Decke, unter der er geschlafen haben soll, und schnippte Liszt einen Zigarettenstummel zu Boden, stürzten sich die Damen darauf und steckten ihn sich in ihre Medaillons. 1847, nach mehr als tausend Konzerten, beendete Liszt im Alter von 37 Jahren seine Bühnenkarriere und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Wie viele Briefe enttäuschter Verehrerinnen ihn erreichten, die ihren Star der Undankbarkeit bezichtigten, ist unbekannt.«I hate Elvis»Doch der Star, wie wir ihn heute kennen, sollte erst geboren werden. 1877 erfand Thomas Edison den Phonographen, den Vorläufer des Plattenspielers. Musik wurde zur Ware, konnte erworben und zu Hause abgespielt werden. Bald prangten auf den Plattenhüllen die Fotos der Interpreten: Louis Armstrong, Aretha Franklin, Elvis Presley, The Beatles. Kreisch! Der Pop-Star war erfunden! 1937 übertrug die BBC die erste Sportveranstaltung, die man zu Hause am Fernsehen mitverfolgen konnte: ein Tennismatch in Wimbledon. Es spielten der Brite Bunny Austin und der Ire George Lyttleton Rogers, beide Publikumslieblinge ihrer Zeit, doch erst das Fernsehen machte aus beliebten Sportlern, Musikerinnen oder Schauspielern Superstars. Colonel Tom Parker, der mit allen Wassern gewaschene Manager von Elvis Presley, erkannte, dass Stars nicht nur Talente sind, die bewundert werden wollen, sondern Brands, die sich vermarkten lassen. Parker war der Erfinder des Fan-Merchandisings und verdiente sogar Geld an denjenigen, die seinen Schützling hassten: Für sie liess er Pins mit der Aufschrift «I hate Elvis» herstellen.Stars wurden nicht nur deshalb zu Stars, weil Talent, Vermarktungsstrategien und Massenmedien sie dorthin beförderten, sondern weil sie von Geheimnissen, Skandalen und Halbwahrheiten umwittert waren. Der auratische Pop- oder Hollywood-Star des 20. Jahrhunderts, der sich, wie Bob Dylan oder Greta Garbo, miesepetrig seinem Publikum entzog, machte sich durch die Distanz nur grösser. Er konnte es sich leisten, zickig und launisch zu sein, Hotelzimmer zu verwüsten, verhaftet zu werden, Drogen zu nehmen, sieben Mal zu heiraten und Fans zu beschimpfen. Take it or leave it! Stars führten ein irrationales Leben, zu dem Normalsterbliche keinen Zutritt hatten. Das war gut so – und änderte sich mit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke.Bis dahin waren die wichtigsten Kommunikationsstellen zwischen Stars und Fans die klassischen Medien: Radio, TV, Zeitschriften, Zeitungen. Sie gewährten Schlüsselloch-Einblicke in das künstlerische Schaffen sowie das Privatleben der Stars in Gestalt von Interviews, Rezensionen, Homestorys oder Paparazzi-Fotos. Doch mit der Lancierung des ersten Smartphones 2007 veränderte sich das Jobprofil des modernen Stars komplett. Die Pop-Sängerin Katy Perry sagte, sie habe keine «sick days» und keine «bitch days» mehr: Weder krank noch gekränkt dürfe sie sein. Denn seit die traditionellen Medien ihre Position als Gatekeeper zwischen Fans und Stars ans Internet verloren haben, ist an Abgrenzung nicht mehr zu denken. Kommerziell gesehen ist das ein Befreiungsschlag: Der Star ist nicht mehr auf die Gunst der Medien angewiesen. Via X, Instagram, Tiktok oder Facebook flüstert er den Fans die News zu, die er teilen möchte, um die Aufmerksamkeit auf eine neue Single, eine neue Frisur, eine anstehende Tournee, einen neuen Lover oder Film zu lenken. Der vernetzte Fan übernimmt das Marketing und steuert das Produkt durch seine Datenfeeds.Kultivierte ‹Niceness› als Marktwert: Taylor Swift mit Fans an der Premiere ihres Konzertfilms «The Eras Tour» 2023 in Los Angeles.John Shearer / GettyTaylor Swift war der erste Pop-Star des 21. Jahrhunderts, der das begriffen hatte. 2010 hielt sie in Nashville ein 13-stündiges «Meet & Greet» ab. Sie fragte nach dem Namen, machte Komplimente, erzählte eine persönliche Geschichte, hörte zu und stand – sehr wichtig! – für Selfies zur Verfügung. Ihr Biograf Rob Sheffield sagte im Interview mit dieser Zeitung: «Ihr Charisma ist eng mit ihrer ‹Niceness› verknüpft. Und weil heute jeder Fan eine Kamera in seiner Tasche hat, um solche Momente festzuhalten und zu teilen, treibt das den Marktwert von ‹Niceness› noch mehr in die Höhe.»Kein Wunder, lässt sich die Strahlkraft eines Stars heute nicht mehr allein an seinen Streams oder der Grösse der Stadien messen, in denen er auftritt, sondern an seiner Beliebtheit. In Hollywood werden Schauspieler inzwischen nach ihren Followerzahlen ausgewählt. Auch Fussballklubs rekrutieren ihre Spieler mit Blick auf die ihre Reichweite in den sozialen Netzwerken. Denn auch das gehört inzwischen zum Spitzensport: Fans sind immer weniger einem Verein treu, sondern ihrem Lieblingsspieler. Von seiner Vermarktbarkeit profitiert der Klub, der sich ins selbe Dienstleistungsprinzip stellt wie der Pop- oder der Hollywood-Star.Letzte Säule eines zusammenbrechenden MarktesDoch in einem bleibt der Sport gegenüber der Kunst unbestechlich. Der Spielverlauf lässt sich durch die Fans nicht beeinflussen. Anders ist es in der Unterhaltungsindustrie. Hier bilden die Fans die letzte tragende Säule eines in sich zusammenbrechenden Marktes. Da sich mit Tonträgern kaum mehr Geld verdienen lässt, müssen Monstertourneen gebucht und Stadien gefüllt werden. Konzerte sprengen alle Superlative und sind so kostspielig, dass der Fan teuer dafür bezahlen muss. Im Gegenzug will er bei der Hand genommen werden, sich angesprochen und verstanden fühlen. Und er will schreien, so viel und wann er möchte. Kreischende Fans, die sich selbst filmen und die Clips auf Tiktok posten, wo sie – im besten Fall – viral gehen, sind der neuste Trend. Der Pop- oder der Fussballstar rückt in den Hintergrund, der Fan stellt sich selbst in den Mittelpunkt. Justin Bieber und Sabrina Carpenter können ein Lied davon singen.Auch Hollywood hat sich dem Mitspracherecht der Fans schon angepasst. Der amerikanische Filmjournalist Kyle Chayka schreibt von «fan service» und einem «Diktat des Algorithmus». Statt neuer Stoffe würde nur noch Bewährtes aufgetischt; Sequels, Prequels, Spin-offs bekannter Franchisen wie «Star Wars», «Jurassic Park», «Spider-Man». Risikoarme Kost. Der Fan möchte es so. Er ist nicht mehr nur Konsument, sondern Co-Autor, Co-Songwriter und Co-Produzent. Sein Wille geschieht.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel