An wenigen Orten ist Deutschland so schön wie an der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern. Saubere Sandstrände wechseln sich hier ab mit lebenswerten Städtchen, die Radwege und Straßen sind erneuert, viele Häuser fein saniert. Aber die Idylle täuscht, unter der Oberfläche wabert auch hier die Wut.Die AfD steht derzeit in Umfragen in Mecklenburg-Vorpommern rund vier Wochen vor der Wahl bei 36 Prozent. Sie ist damit mit Abstand stärkste Kraft, doch für eine AfD-Regierung reicht das keinesfalls. Deswegen ist die Aufmerksamkeit für die Wahl anders als für Sachsen-Anhalt, wo zwei Wochen vorher abgestimmt wird, bisher gering. Dabei könnten die Auswirkungen gravierend sein, auch für die Bundespolitik. Denn nach der Wahl droht ein blockiertes Bundesland. Und dann könnte die CDU gezwungen sein, sich zu entscheiden zwischen zwei eigentlich unmöglichen Optionen: einer Zusammenarbeit mit der Linken oder mit der AfD.Der Unmut der Menschen im Nordosten hat viele Gründe. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) wurde im Land lange verehrt. Sie war eine vehemente Befürworterin enger Beziehungen zu Russland, förderte über Jahre den Bau der Nord-Stream-Pipelines, mit denen Russland seinen Angriffskrieg finanzierte. Doch mit dessen Beginn vollzog Schwesig eine Kehrtwende, unterstützt seitdem die Ukraine.Viele wünschen sich wieder bessere Beziehungen zu MoskauDafür und nicht für ihre frühere Russlandpolitik wird sie nun scharf kritisiert. Viele im Nordosten wünschen sich wieder bessere Beziehungen zu Moskau. Das fordert auch die AfD, dazu eine Öffnung der Pipelines und einen Stopp der Ukrainehilfen. Auch das Thema Migration bringt der Partei weiter Zulauf, obwohl es zuletzt in den Hintergrund gerückt ist, da derzeit nur noch vergleichsweise wenige Migranten kommen.Hinzu kommen massiv gestiegene Lebenshaltungskosten, was in einem Bundesland, das bei Einkommen und Vermögen regelmäßig zu den Schlusslichtern gehört, Existenzängste auslöst. Die AfD verspricht den Leuten mehr Netto vom Brutto. Finanzierbar aber sind die Versprechen nicht. Schwesig wiederum geht bei sozialen Themen nun auf maximale Distanz zu ihren Parteifreunden im Bund. Aber spricht man mit den Leuten im Land, dann nehmen ihr das viele nicht ab.Die oder ich, mit dieser Zuspitzung versucht Schwesig nun, gegen die AfD anzukämpfen. Zuletzt zeigten die Umfragewerte der SPD nach oben. Doch um weiterzuregieren, bräuchte die SPD Partner.Den Grünen kommt eine Schlüsselrolle zuEine Schlüsselrolle kommt den Grünen zu. Sie könnten knapp mit SPD und Linken eine Regierung bilden, wenn ihnen der Sprung über die Fünfprozenthürde gelingt. Wahrscheinlich aber ist das nicht. Die ohnehin zerstrittene Partei liegt am Boden angesichts neuer Vorwürfen des Machtmissbrauchs gegen ihre frühere Fraktionsvorsitzende.Auch die CDU taumelt, ihr Spitzenkandidat Daniel Peters sucht nun, mit einer skurrilen Kampagne für Aufmerksamkeit zu sorgen, bei der Fischbrötchen im Vordergrund stehen („Politik in lecker“), als gäbe es keine Probleme. Dass es ihm so gelingt, seine Partei vor der Einstelligkeit zu bewahren, ist kaum anzunehmen.Ziehen Grüne und BSW nicht in den Landtag ein, wovon auszugehen ist, droht ein gelähmtes Land. Denn die AfD wird nach jetzigem Stand keine Alleinregierung bilden können. Und der CDU bliebe nur die Bildung einer Regierung mit SPD und Linken. Einem solchen Bündnis steht aber der Unvereinbarkeitsbeschluss der Christdemokraten entgegen, der auch eine Koalition mit der AfD untersagt.In eine Richtung aber wird die CDU sich dann entscheiden müssen. Dass ihre Wahl zugunsten der Linken ausfällt, ist in dem konservativen Landesverband keineswegs ausgemacht. Für Mecklenburg-Vorpommern und die Bundespolitik könnte diese Wahl damit zum Präzedenzfall werden – mit unabsehbaren Folgen.