InterviewDominik Kaiser verkaufte seinen TV-Sender 3plus für über 100 Millionen Franken: «Ich musste mir zuerst bewusst werden, was Reichtum eigentlich bedeutet»Als Gründer der 3plus-Gruppe wurde Dominik Kaiser zum König des Schweizer Privatfernsehens. Im Gespräch erzählt er, wie er den «Bachelor» zum Erfolg brachte und wie sich sein Leben seit dem Verkauf des Unternehmens verändert hat.«Wir haben uns über all die Kritiker amüsiert»: Der Medienunternehmer Dominik Kaiser in einer Bar in Zürich.Silas Zindel für NZZMit seinem Hawaii-Hemd und seiner lockeren Art wirkt Dominik Kaiser eher wie ein Surflehrer als wie ein Medienunternehmer. Vor zwanzig Jahren legte er mit seinem Privatsender 3+ los und schaffte mit Sendungen wie «Der Bachelor» und «Bauer, ledig, sucht . . .» das, woran vor ihm alle gescheitert waren: rentables Privatfernsehen in der Schweiz zu betreiben. Vor sieben Jahren verkaufte er seine Sendergruppe an CH Media – danach verschwand er gänzlich aus der Öffentlichkeit. Nun äussert er sich erstmals wieder.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Frage: Herr Kaiser, wann haben Sie zum letzten Mal ferngesehen?Antwort: Ich weiss nicht, das ist schon ziemlich lange her.Frage: Interessiert Sie das Medium nicht mehr?Antwort: Ich bin nicht mehr involviert. Wenn ich fernsehe, dann zeitversetzt. Da mich Fussball nicht interessiert, war auch die WM kein Live-Thema für mich. Ich habe mit dem Thema Fernsehen beruflich abgeschlossen.Frage: Sie haben Ihre Sendergruppe 2019 zu einem kolportierten Preis von rund 150 Millionen Franken an die CH Media verkauft. Es gibt viele Leute, die sagen, das sei Ihre grösste Leistung gewesen.Antwort: Zum Verkaufspreis darf ich mich nicht äussern. Die Grundlage des Verkaufspreises waren die tollen Zuschauerzahlen und der wirtschaftliche Erfolg der Sender. Was danach mit den Sendern gemacht wurde, hatte nichts mehr mit mir zu tun. Bei den Verkaufsverhandlungen wurde ich nach meiner Einschätzung für die Zukunft gefragt. Ich sagte, dass ich noch einige Jahre mit stabilen Werbeumsätzen für die privaten Schweizer Sender rechne. Das hat sich in etwa bewahrheitet – mit der unvorhersehbaren Delle bei Corona.Frage: Reden wir über die Anfänge. Als Sie vor zwanzig Jahren als unbeschriebenes Blatt mit dem Sender loslegten, sagten alle Experten ein rasches Scheitern voraus.Antwort: 2001 stellten die beiden nationalen Privatsender (TV3 des Medienkonzerns Tamedia und der von Roger Schawinski gegründete Sender Tele24, Anm. d. Red.) den Betrieb ein. Das sah ich als Chance. Ich studierte intensiv deren Zuschauerzahlen, die Ausgaben für Eigenproduktionen und Lizenzen sowie die Werbeeinnahmen. Dabei stellte ich fest, dass die Umsätze eigentlich gut waren, nur die Kosten zu hoch. Ich kam zur Überzeugung, dass, wenn man es anders macht, rentables Privatfernsehen in der Schweiz möglich ist. Nach viel Vorarbeit fand ich dann auch einen grossen Investor, der aber einige Monate vor dem geplanten Sendestart ausstieg.Frage: Und dann?Antwort: Ich musste umdisponieren und die Kosten weiter senken, das Programm so konzipieren, dass ich einen grossen Teil selber finanzieren konnte. Die erste grosse Eigenproduktion kam ein paar Monate nach dem Sendestart. Der Rückzug des Investors erwies sich im Nachhinein als Glücksfall. Wir waren schnell break-even und konnten dann jedes Jahr alles reinvestieren und viel lernen.Frage: Am Anfang haben Sie vor allem billige amerikanische Serien abgespielt.Antwort: Unsere Überlegung war, die Schweizer Rechte für amerikanische Serien zu erwerben, die auf deutschen Privatsendern bereits sehr erfolgreich liefen, zum Beispiel «CSI». Bei uns kamen sie einfach an einem anderen Tag. Wer eine Folge auf RTL verpasste, konnte sie dann bei uns schauen. Das hat hervorragend funktioniert.«Der Kampf um die Liebe sollte bei uns immer mit einem Augenzwinkern verbunden sein», sagt Dominik Kaiser über den «Bachelor».Silas Zindel für NZZFrage: Zu reden gaben dann vor allem Ihre Reality-Sendungen wie «Der Bachelor» oder «Bauer, ledig, sucht . . .».Antwort: Die erste richtige Eigenproduktion war «Superstar», eine Musik-Casting-Show. Solche Sendungen standen damals hoch im Kurs, etwa mit «Deutschland sucht den Superstar».Frage: Die Sendung floppte, obschon Sie Chris von Rohr als Juror gewinnen konnten.Antwort: Die Sendung lief ordentlich, war aber kein grosser Hit. Wir haben viel daraus gelernt.Frage: Sie wurden bald zum König des Schweizer Trash-TV, zum Feindbild aller Kulturpessimisten. Der damalige SRG-Generaldirektor Roger de Weck sagte: «‹Bachelor› empfinde ich als frauen- wie männerverachtend».Antwort: Solche Äusserungen gab es einige. Das hat mich nicht gestört. Jeder darf seine Meinung haben, das ist das Schöne an der Demokratie.Frage: Sie lachen.Antwort: Aussagen wie jene von Roger de Weck waren für uns eine Auszeichnung. Wir haben uns über all die Kritiker amüsiert. Schwieriger war, als am Anfang alle Experten sagten, unser Businessmodell sei zum Scheitern verurteilt. Das hat uns ein wenig verunsichert, obschon wir alles genau durchgerechnet hatten. Auch die Kunden begannen zu zweifeln. Nach den ersten grossen Zuschauererfolgen war das kein Thema mehr. Wir hatten Spass an unserer Arbeit, die Zuschauerzahlen stimmten, und der kommerzielle Erfolg war da, das war das Wichtigste.Frage: Die Dreharbeiten zu «Bachelor» waren bestimmt sehr heiter.Antwort: Ich war nie dabei.Frage: Sie waren nie an den Dreharbeiten Ihrer erfolgreichsten Sendung?Antwort: Das war nicht nötig. Ich hatte ein super Team. Es wäre nicht besser geworden, wenn ich mich eingemischt hätte. Ich hatte auch keine Zeit.Frage: Sie haben bei der Abnahme aber dann schon geschaut, dass genug lustige und peinliche Szenen drin sind?Antwort: Natürlich hatten wir uns vor den Dreharbeiten im Detail überlegt, was wir machen wollten. Das Storytelling ist sehr wichtig. Und das Casting zentral. Deshalb bauten wir eine grosse und teure Casting-Abteilung auf, die zum Beispiel Vujo Gavric aufspürte, der uns als Bachelor Topquoten einbrachte. Die amerikanische Version von «Der Bachelor» ist sehr ernst. Wir machten daraus bewusst so etwas wie ein Comedy-Format. Der Kampf um die Liebe sollte bei uns immer mit einem Augenzwinkern verbunden sein. Der Rechteinhaber, Warner Brothers, war über unseren Ansatz wenig erfreut. Als er gesehen hat, wie erfolgreich wir sind, wurden wir international zum Vorbild.Frage: Wie kamen Sie auf das Format? Das erste weltweit erfolgreiche Reality-TV-Format war «Big Brother», dann kam das «Dschungelcamp». Sie haben sich für «Der Bachelor» entschieden.Antwort: Wir haben die Zuschauerzahlen in jenen Ländern studiert, in denen das Format schon lief und die uns kulturell ähnlich sind. Natürlich haben auch wir ein bisschen daran gezweifelt, ob diese komische Situation, dass 20 Frauen um einen Typen buhlen, bei uns funktionieren kann. Wir haben aber, als wir die Dreharbeiten für die amerikanische «Bachelorette» besuchten, gemerkt, dass diese Konstellation in der Psyche des Menschen etwas auslöst.Frage: Vor sieben Jahren haben Sie Ihre Sendergruppe verkauft. Weshalb?Antwort: Das war ein Prozess. Ich habe als CEO der 3Plus-Gruppe im Durchschnitt rund 80 Stunden pro Woche gearbeitet. Und dies mit grosser Freude. Etwa zwei Jahre vor dem Verkauf habe ich gemerkt, dass ich am Morgen nicht mehr so gerne ins Büro gehe. Durch das starke Wachstum war ich immer mehr zum Manager geworden. Zudem kamen zu jener Zeit Netflix und andere Streaming-Plattformen auf. Mir war klar, dass ich langfristig unser Business-Modell hätte überdenken müssen, daran arbeiteten wir parallel. Wie müde ich war, merkte ich erst nach dem Verkauf. Rückblickend muss ich sagen: Ich wäre wohl krank geworden, wenn ich so weitergemacht hätte.«Ich wohne noch am selben Ort wie vorher, ein Auto habe nach wie vor keines»: Dominik Kaiser.Silas Zindel für NZZFrage: Nach dem Verkauf sind Sie aus der Öffentlichkeit verschwunden. Was haben Sie gemacht?Antwort: Ich nahm mir vor, ein Jahr lang nichts Neues anzufangen. Ich durfte Notizen zu neuen Ideen machen, aber keine Recherchen. Nach und nach stellte ich fest, dass es super ist, einmal nicht zu arbeiten, sondern Bücher zu lesen, zu reisen, andere Kulturen zu entdecken. Ich lerne sehr gerne und bin sehr neugierig. Also habe ich angefangen, viele Kurse zu machen, über Strategie, Economics bis zu Statistik, aber vor allem zu KI. Zuerst online, wegen Covid. Schon das bereitete mir grosse Freude. Danach habe ich etliche weitere Lehrgänge an amerikanischen Spitzenuniversitäten besucht. Insgesamt über dreissig.Frage: Sie hatten nie genug?Antwort: Das Lernen ist zu einer Leidenschaft geworden. Ich hatte ja vorher nie studiert und gemerkt, wie viel Spass mir das macht. Ein paar Beratungsprojekte im Ausland habe ich auch gemacht und bekam unterdessen langsam auch wieder Lust, unternehmerisch tätig zu sein.Frage: In welchem Bereich?Antwort: Das weiss ich noch nicht. Wahrscheinlich wieder etwas mit Unterhaltung. Ich habe in Korea, Taiwan und in Japan Studenten interviewt, um die Kultur dort und die Trends zu verstehen. Früher waren die USA Vorreiter in diesem Bereich, jetzt finde ich Asien spannender.Frage: Was sind Ihre Erkenntnisse aus den Interviews?Antwort: Zwei Trends haben mich besonders fasziniert. In diesen Ländern wird die künstliche Intelligenz häufig als Wahrsager eingesetzt. Man will von der KI wissen, was die Zukunft bringt, welchen Job man annehmen soll, wann kündigen, wen man daten soll, sogar welches Kleid man tragen soll, damit es ein toller Tag wird. Fortune Telling ist ein Riesenthema.Frage: Sie steigen ins Wahrsager-Business ein?Antwort: Eher nicht, aber ich fand’s interessant, weil das Thema emotional aufgeladen ist. An KI als Lebensberatung sind schon ganz andere Kaliber dran. Chat-GPT und Claude sind schon heute für viele der beste Freund, der beste Berater und Therapeut.Frage: Und der zweite Trend?Antwort: Der ist aus Japan, ziemlich verrückt. Ich bin dort bei jungen Frauen auf eine ausgeprägte Fan-Kultur gestossen, die viel weiter geht, als ich sie aus Europa kannte. Sie pflegen eine fiktive Beziehung mit einem Star. An ihrem Rucksack hängt ein Foto dieses Stars, im Café stellen sie das Foto auf den Tisch, damit sie mit ihm einen Tee trinken können. Auf Wunsch der Frauen kreiert die KI dann romantische Geschichten, die diese Frauen zusammen mit ihrem Star erleben. Ist die Geschichte zu harmlos, geben sie «more spicy» ein, dann wird die Geschichte prickelnder. Doch den meisten geht die KI zu wenig weit. Das ist dann nicht mehr so weit vom «Bachelor» entfernt . . .Frage: Die Herausforderung ist nun, ein Geschäftsmodell zu entwickeln.Antwort: Ich finde das viel schwieriger als damals, als ich 3+ gegründet habe. Damals waren die Parameter wie Distribution, Werbemarkt, Zuschauerverhalten recht klar und einigermassen stabil. Heute verändern sich Medien und Unterhaltung rasant. Um ein Unternehmen zu gründen, muss ein ungefähres Ziel, wo die Welt in fünf Jahren steht, erkennbar sein. Was kann die KI dann? Werden sich die Verbreitungskanäle noch mehr zersplittern? Welches werden die relevanten sein? Was werden die Unterhaltungsbedürfnisse der Menschen sein? Dem nachzugehen, ist sehr spannend, Antworten zu finden, aber komplex.Frage: Hat das klassische Fernsehen noch eine Zukunft, abgesehen von den Sportübertragungen?Antwort: Ich glaube schon, wenn es sich weiterentwickelt. Weiterhin geht es darum, Hits zu lancieren und diese auf allen möglichen Kanälen anzubieten und zu vermarkten. Wie man das macht, hat sich verändert. Viel ist aber gleich wie früher.Frage: Mit dem Verkauf von 3plus wurden Sie auf einen Schlag zum dutzendfachen Millionär. Wie hat Sie das verändert?Antwort: Ich habe zuvor so viel gearbeitet, dass ich nicht viel über mein eigenes Geld nachdachte. Eigentlich hätte ich schon vorher einen kleinen Anteil verkaufen und wohlhabend werden können. Auf die Idee kam ich nicht, ich war zu fokussiert auf 3+. Als es so weit war, musste ich mir zuerst bewusst werden, was Reichtum eigentlich bedeutet. Auch das war ein Prozess. Es ist ein riesiges Privileg, in einer Situation zu sein, in der man nur noch das machen kann, was einem Freude bereitet oder was man interessant findet.Frage: Sie haben nicht eine Villa und einen Ferrari gekauft?Antwort: Meine Interessen sind etwas anders. Ich wohne noch am selben Ort wie vorher, ein Auto habe ich nach wie vor keines. Mein Luxus ist es, viel zu reisen und Ausbildungen an den besten Universitäten machen zu können. Ich habe die Möglichkeit, von den besten Leuten zu lernen – meiner ungebremsten Neugier nachzugehen. Ich lese viel, gehe viel schwimmen, habe tolle Freunde und entwickle mein nächstes Projekt.Mit 16 hatte er seine erste FirmaDominik Kaiser, 56, machte eine Lehre als Radio- und Fernsehelektriker. Mit 16 Jahren gründete er seine erste Firma, die Computer importierte. Bevor er 2006 mit dem Sender 3plus startete, war er Managing Director beim Musiksender Viva-Plus in Deutschland und Vorstand bei der Street Parade in Zürich. Zudem produzierte er mit seiner Firma Comedy-Sendungen für SRF und hatte ein erfolgreiches Techno-Musiklabel.Passend zum Artikel
Dominik Kaiser spricht erstmals seit dem Verkauf seines TV-Senders 3plus: «Ich musste mir zuerst bewusst werden, was Reichtum eigentlich bedeutet»
Als Gründer der 3plus-Gruppe wurde Dominik Kaiser zum König des Schweizer Privatfernsehens. Im Gespräch erzählt er, wie er den «Bachelor» zum Erfolg machte und wie sich sein Leben seit dem Verkauf seines Unternehmens für über 100 Millionen Franken veränderte.









