Berliner Krimi: Vom Leichnam ihres Arbeitgebers lässt sich die Raumpflegerin nicht aus der Ruhe bringenIn der «Auster» erzählt die Schriftstellerin Yael Inokai nicht nur eine spannende Geschichte. Ihr Kriminalroman erweist sich auch als ein hoch literarisches Rätsel.Paul Jandl25.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenYael Inokai lässt Gegenstände von schweigenden Menschen erzählen.Jacintha NolteDas nennt man wohl Schicksal. Der leidenschaftsloseste Mensch, den man sich denken kann, wird Opfer eines Verbrechens aus Leidenschaft. Umhüllt vom edlen Morgenmantel, liegt er tot in seiner bis vor kurzem noch klinisch sauberen Villa, die jetzt eben nicht mehr sauber ist. Überall Blut. Da kommt die Putzfrau und beginnt zu putzen. Yael Inokai, die in Basel geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin, lässt ihren Roman «Die Auster» mit gestochen scharfen Szenen beginnen. Was dann folgt, ist ein unter dem grauen Winterhimmel Berlins ablaufender Krimi und zugleich ein hoch literarisches Rätsel.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Joachim Bronstett war bis zu seinem unglücklichen Tod Geschäftsführer eines berühmten Berliner Warenhauses, in dem unschwer das KaDeWe zu erkennen ist. Beim Mord hat man dem nicht mehr ganz jungen Mann beide Hände abgeschnitten. Mit seiner eigenen Brotschneidemaschine. Eine dieser Hände wird sich im Fischbuffet des Kaufhauses zwischen den Austern finden. Die andere, schon von Wildschweinen benagt, im Grunewald.Jenseits des üblichen Schemas«Die Auster» ist ein Roman brillanter Spiegelungen. Es geht hier im buchstäblichen Sinn um Oberflächen, aber auch um die Abgründe krimineller Energie. Niemand weiss mehr über Oberflächen als die Putzfrau Leonora Bloch. Seit Jahrzehnten geht sie ihrer Arbeit nach. Sie sieht kleinste Abweichungen vom Normalzustand. Die grösste Abweichung allerdings, den Mord an ihrem Dienstgeber, nimmt sie erst einmal gelassen hin. Weil sie erst nach getaner Arbeit die Polizei ruft, könnte sie als Verdächtige in Betracht kommen. Nicht aber für die Berliner Kommissare, nicht in einem Krimi, der sich weigert, das übliche Schema der Publikumsverwirrung zu bedienen.«Die Auster» besteht aus Lebensgeschichten, die verhängnisvoll miteinander verbunden sind und deren schlagendes Herz eine längst über das Pensionsalter hinaus arbeitende Reinigungsfachkraft ist. Im Leben der 73-jährigen Leonora Bloch muss es einmal einen Mann gegeben haben, aber von dem war nur ein gemeinsamer Sohn geblieben.Dieser Sebastian ist lange schon tot. Gestorben an Aids. Sein Freund Friedhelm ist an Leonora irgendwie hängengeblieben und lässt sich nicht abschütteln. Er ruft nachts zu Unzeiten an. Eine Art Trauerarbeit, nach vielen Jahren noch. Friedhelm ist der unfähigste Ladendetektiv, den man sich denken kann, aber er scheint irgendetwas gegen Dr. Bronstett in der Hand gehabt zu haben, das ihn vor Kündigung schützte.Suspense im EinzelhandelsmilieuSo wenig aufregend das Leben des Geschäftsführers gewesen war, ein einziges Gespinst aus Zahlen und Quartalsberichten, so muss es doch kurze Abweichungen von der Vernunft gegeben haben. Zwei Töchter wurden zur gleichen Zeit mit zwei verschiedenen Müttern gezeugt. Die beiden Töchter waren einander bis zum rotblonden Haar ähnlich. Als sie zu zweit eine Reise gemacht haben, ist eine bei einem Fährunglück ums Leben gekommen. Hat die andere ihre Identität angenommen? Dann wäre die, die sich Amande Bronstett nennt und um die Formalitäten des Begräbnisses kümmert, gar nicht die eheliche Tochter.«Die Auster» ist Suspense im Einzelhandelsmilieu. Fast alle Figuren stehen in direktem Zusammenhang mit dem berühmten Warenhaus am Kurfürstendamm. Auch geografisch bewegt sich die Handlung um dieses herum. Leonora hat selbst immer wieder im Einkaufstempel geputzt. Sie kennt die Verkäuferinnen dort, die Gerüche und den Überfluss der Angebote. Sie weiss, dass das Personal der Haushaltsabteilung andere Gesichter hat als das beim Parfum.Schon in ihren beiden ersten Romanen «Mahlstrom» und «Ein simpler Eingriff» hat Yael Inokai gezeigt, woraus gute Literatur gemacht ist: aus einer Mikrosoziologie der Dinge und der Gesten. Nichts im neuen Roman scheint überflüssig. Das misstrauische Verhältnis zwischen der Bronstett-Tochter und Leonora wird in winzigen Regungen spürbar. Hier ist jeder gerne für sich. Selbst die wortkarge Kommissarin.Das Ende überraschtDer Roman beschreibt das soziale Gefälle der Einsamkeit sehr genau und hat eine lakonische Sprache dafür. Leonoras Blick über die Dinge Dr. Bronstetts: «Seine Regenschirme mit den Horngriffen, sein Schuhlöffel, sein Regal mit der Schublade für die Schuhwichse, das Wachs, die Bürsten, das Poliertuch. Einmal, als sie sich an der Tür begegnet waren, hatte er mein Vater gemurmelt. Mein Vater und ich haben jeden Samstag zusammen Schuhe geputzt. Viel mehr erfuhr sie nie über diesen Mann.» Wortlose Gegenstände erzählen von schweigenden Menschen.Mit ihrem subtilen Roman «Die Auster» hat Yael Inkoai gleich einen doppelten Krimi geschrieben. Es geht um Indizien. Um die Spuren, die die Menschen hinterlassen, wenn sie ihr Leben führen, und natürlich um die Spuren, die bei einem Mord entstehen. Hochgespannt schaut man auf beides und ist am Ende überrascht, wie sich die Dinge entwickeln.Yael Inokai: Die Auster. Roman. Verlag Hanser Berlin 2026. 224 S., Fr. 33.90.Passend zum Artikel