Das Leben ist eine Fertigsuppe – Junko Takase durchkreuzt fies die gängigen Erwartungen an die japanische KulinarikIn ihrem Roman über ein japanisches Büro tobt ein Kleinkrieg. Zwischen Überstunden und Wochenendarbeit, Restaurant am Autobahnkreuz und eisiger Klimaanlage verdorrt die Lust an Onigiri und Okonomiyaki. Derweil lässt Junko Takase die Intrigen spriessen.Judith Leister05.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenKein Höhepunkt japanischer Kulinarik: Instant-Nudelsuppe.Chris McGrath / GettyyNitani hasst es, zu essen: «Essen musste man dreimal am Tag, und das jeden Tag zu tun, war extrem mühsam.» Schon das Kauen widert den Vertriebler aus einem Unternehmen für Lebensmittel-Etiketten in Saitama bei Tokio an. Zur Aufrechterhaltung seiner Körperfunktionen kauft sich Nitani in Konbinis, den in Japan allgegenwärtigen Convenience-Stores, Fertigsuppen: Pulver, Paste und Nudeln in glitzernden Tütchen, die man nur noch mit heissem Wasser übergiessen muss. In ihrem giftigen kleinen Roman «Richtig gutes Essen» macht Junko Takase die Instantnudel zur Metapher für die Leere und Monotonie eines rigiden japanischen Büroalltags.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Klebstoff der VerachtungDer anspruchslose Nitani steht auch im Mittelpunkt des schrägen Beziehungsdreiecks, das die zentrale Konstellation des Romans ausmacht. Mit der schüchternen, hübschen Kollegin Ashikawa hat er ein sexuelles Verhältnis. Sein After-Work-Bier trinkt er jedoch mit der schroffen und leicht frustrierten Kollegin Oshio. Anders als mit Ashikawa, die lieber am Smartphone spielt, kann sich Nitani mit Oshio interessant unterhalten. Kurz kommt der Gedanke an Sex auf, wird aber von beiden gleich wieder verworfen. Als eigentlicher Klebstoff zwischen Nitani und Oshio wird sich die gemeinsame Verachtung für Ashikawa erweisen.Die Autorin Junko Takase.PDNitani findet die wenig leistungsbereite Ashikawa «schwach» und «trüb wie schmutziges Wasser am Boden eines Topfes». Oshio wiederum hält sie für unprofessionell, weil sie wegen aller möglichen Leiden pünktlich nach Hause geht, statt wie alle anderen Überstunden zu leisten. Gemeinsam beschliessen Nitani und Oshio, Ashikawa zu mobben, erst recht, als diese anfängt, selbstgemachte Süssigkeiten mit ins Büro zu bringen. Die üppig dekorierten Leckereien verschaffen Ashikawa bei den Kollegen breite Anerkennung – und sind wie geschaffen dafür, sie lustvoll zu zerstören.Zu diesem Zeitpunkt hat Ashikawa längst angefangen, Nitani zu Hause zu bekochen. Er isst ihre aufwendigen Gerichte ohne den mindesten Genuss – und verabscheut es insgeheim, bei jedem Bissen «ein Theater der Ergriffenheit aufführen» zu müssen. Sobald die Geliebte, die er dank ihrer mangelnden Durchsetzungsfähigkeit übrigens für eine ideale Ehefrau hält, in seinem Bett eingeschlafen ist, macht er sich schnell eine Tütensuppe und versteckt die Verpackung ganz unten im Müll.Grosse Prise stacheligen HumorsTakases Mini-Roman, 2022 mit dem renommierten Akutagawa-Preis ausgezeichnet, spielt das ganze Spektrum menschlicher Gefühle und Bestrebungen über das Sujet «Essen» durch. Die Beziehung zum Essen ist Ausdruck von Ekel, Neid, Ehrgeiz, Begierde, Wut, versuchter Wiedergutmachung oder unerfülltem Liebeswunsch.Über die drei Hauptfiguren hinaus gibt es etwa den älteren Mitarbeiter Fuji, der heimlich an Ashikawas verführerischem Tee nippt, oder die ambitionierten Teilzeitkräfte, die deren Büro-Häppchen plakativ posten. Essen kann auch für Machtverhältnisse stehen: Wie entkommt Nitani dem Chef, wenn dieser ins Restaurant am Autobahnkreuz einlädt – gemäss seinem Motto «Gemeinsam schmeckt’s besser»? In diesem Roman stiftet Essen selten Gemeinschaft.Die Ausbeutung der Arbeitskräfte, der untergründige Sexismus, die unerbittlichen Ansprüche der Familie, die fade Doppelmoral – dies ist kein Wohlfühlbuch. Obwohl dauernd von Gyudon, Karaage, Onigiri und Okonomiyaki die Rede ist, haben Japan-Kulinariker wenig Grund zur Freude.Zum Schluss wird Nitani in eine entfernte Filiale versetzt, muss Oshio kündigen. Die Gewinnerin scheint die gemobbte Ashikawa zu sein, über deren Innenleben der Roman keine Auskunft gibt. Obwohl dann auch ihr die Versetzung droht, kann die «erbarmungslos niedliche» junge Frau am Standort Saitama bleiben. Die Kollegen schonen sie; man überträgt ihr keine schwierigen Aufgaben mehr.Junko Takase hat ihre deftige Gesellschaftskritik mit minimalistischen Zutaten ohne allzu viel Psychologie angerichtet und serviert sie mit einer grossen Prise stacheligem Humor.Junko Takase: Richtig gutes Essen. Roman. Aus dem Japanischen von Yoko Ann Hamann. Dumont-Verlag, Köln 2026. 160 S., Fr. 31.90.Passend zum Artikel