PfadnavigationHomePanoramaPodcast mit Markus Lanz„Diese maßlose Übertreibung finde ich völlig daneben“, sagt Precht über das „Spiegel“-CoverStand: 19:16 UhrLesedauer: 5 MinutenRichard David Precht und Markus LanzQuelle: ZDFErwartet Sachsen-Anhalt nach einem Sieg der AfD einen Kulturkampf nach US‑amerikanischem Vorbild? Die begrenzten politischen Gestaltungsmöglichkeiten sprechen dafür, geben Markus Lanz und Richard David Precht zu bedenken.Über eine Woche ist die Veröffentlichung des „Spiegel“-Titels mit AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund aus Sachsen-Anhalt her. Der Titel sorgte tagelang für Diskussionen und Aufregung – und beschäftigt auch Markus Lanz und Richard David Precht in ihrem aktuellen Podcast. Siegmund wurde vom Spiegel als „gefährlichster Mann Deutschlands“ bezeichnet. Ein „völlig übertriebenes Mittel des ‚Spiegel‘ nach Aufmerksamkeit zu schreien“, kommentiert Richard David Precht die Entscheidung des Nachrichtenmagazins. Letztlich habe es der AfD genützt – und nicht geschadet. Die Fahndungsplakat-Optik „fand ich ein bisschen denunziatorisch“, so Precht weiter. Siegmund sei sicher auch nicht der gefährlichste Mann der Bundesrepublik: „Es gibt in deutschen Gefängnissen Leute, die Serienmörder sind oder gruselige Sexualstraftäter. Die würde ich eher als die gefährlichsten Männer in Deutschland bezeichnen. Und diese maßlose Übertreibung, mit der der ‚Spiegel‘ vor allen Dingen die eigene Aufmerksamkeit erhöhen will, das finde ich völlig daneben.“„Das Ganze hat ihm am Ende auch noch genützt“Wie man jetzt gemerkt habe, habe das Titelblatt auch nicht dazu geführt, dass die Menschen anfingen, sich vor Siegmund zu fürchten – im Gegenteil. „Der hat da Autogramme draufgeschrieben, also das Ganze hat ihm am Ende auch noch genützt“, führt Precht fort. Daher glaube er, dass es dem „Spiegel“ künftig schwerfallen werde, die Aktion zu verteidigen. Der Titel habe Siegmund bedeutsamer gemacht, als er sei.Lesen Sie auchRichard David Precht und Markus Lanz werfen in der Folge auch einen Blick zurück auf ihre vergangene Folge mit Schauspieler Jan Josef Liefers. Ein Gedanke sei dabei besonders missverstanden worden, sagt Lanz. Precht habe die rhetorische Frage gestellt, was sich unter einer AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt „wirklich ernsthaft ändern“ würde. Damit sei gemeint gewesen, dass auf Landesebene viele Wahlversprechen nicht realisiert werden könnten. Das AfD-Programm sei daher in vielen Teilen „Rhetorik“. Und daher sei Prechts Frage berechtigt gewesen, sagt Lanz. Precht betont: „Es gibt einen Unterschied zwischen dem Programm und dem, was man im Zweifelsfall realisieren kann.“Einige Ideen aus dem AfD-Wahlprogramm seien „weder rassistisch noch demokratiefeindlich“, etwa Krippen- und Kindergartenplätze, die ab dem ersten Kind kostenlos werden sollen, eine Landarztquote für Medizinstudenten in Sachsen-Anhalt oder eine Meisterprämie für Handwerker. „Und da siehst du, dass die nah dran sind an den Leuten, dass sie verstehen, was die Sorgen der Leute sind“, kommentiert Lanz die AfD-Vorschläge, etwa in Hinblick auf einen Führerscheinzuschuss für Auszubildende in Höhe von 1500 Euro.„Wie damals in der DDR“Die AfD in Sachsen-Anhalt habe auch die Frage der Demografie im Blick, fällt Lanz auf. Damit mehr Frauen in dem Bundesland Kinder bekommen, soll ein Landeskindergeld eingeführt werden sowie staatliche Kredite für den Hausbau, „wie damals in der DDR“.Lesen Sie auchPrecht kritisiert die Ideen, denn: „Was haben wir denn davon, wenn die Menschen in Sachsen-Anhalt in den Kindergarten gehen, in die Grundschule und in die Schule und anschließend aus den gleichen Gründen wie vorher die anderen das Land wieder verlassen?“ Es wäre besser, wenn das Bundesland so attraktiv werden würde, dass Menschen freiwillig in das Bundesland ziehen.Lesen Sie auchDie drängendste Frage, so Lanz, sei aber, wie das alles finanziert werden könnte. Der Moderator verweist auf das Leibniz-Institut, das den Umfang der Maßnahmen auf rund zwei Milliarden Euro beziffert. Diese Erklärung fehle im Wahlprogramm, kritisiert Precht. „Das muss man ja der Redlichkeit halber reinschreiben, woher man das Geld nehmen will.“Fokussiert sich die AfD auf Kulturkampf nach dem Drehbuch Steve Bannons?Zusätzlich seien einige Ideen verfassungswidrig. So wolle die AfD ein Begrüßungsgeld für Babys nur auszahlen, wenn mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und ein Jahr in Sachsen-Anhalt lebt. „Das ist populistischer Blödsinn, weil es nicht realisierbar ist“, kommentiert Precht.Dass auch die AfD in Sachsen-Anhalt vor Problemen wie leeren Kassen und einer alternden Bevölkerung stünde, könnte sie zwangsläufig entzaubern, so Lanz. Seine These: Die Partei könnte sich dann stattdessen, wie in den USA, auf „harten Kulturkampf“ fokussieren – und beispielsweise aus dem Rundfunkstaatsvertrag austreten.Lesen Sie auch„Du gehst am ersten Tag hin, kündigst den Rundfunkstaatsvertrag mit dem MDR, gehst am zweiten Tag hin und kündigst die Verträge mit den Kirchen. Du wirst am dritten Tag anfangen, Leute zu piesacken, die irgendwas mit Regenbogenfahnen zu tun haben.“ Die eigenen Anhänger würden das bejubeln, die Betroffenen hingegen klagen. „Und das wird das ganze Land für Wochen und für Monate und für Jahre juristisch beschäftigen. Und eigentlich ist das genau das Drehbuch, das auch Steve Bannon in Amerika für Trump damals entwickelt hat. Das heißt, du hältst das ganze Land die ganze Zeit auf Trab, skandalisierst alles Mögliche, machst diesen Kulturkampf, aber es wird das Land keinen einzigen Zentimeter voranbringen.“„Da winkt immer Amerika im Hintergrund“In Amerika sei das zu beobachten. Dort würden „ein paar Jungs mit sehr viel Geld“ den „ganzen Laden“ übernehmen. „Und der Rest wird irgendwie damit beschäftigt, Kulturkampf zu machen.“ Es werde eine Stimmung erzeugt, in der sich keiner mehr wohlfühle. Dieser Kulturkampf sei dafür da, davon abzulenken, „keinen wirklichen Plan“ für das Land zu haben, so Lanz.Lesen Sie auchBeunruhigend seien Ideen der AfD, wie die, Adressen von verurteilten Pädophilen zu veröffentlichen. Lanz fragt, wo dann ein Schutzkonzept gegen Lynchjustiz bleibe. Precht gibt ihm recht: Der Lynchjustiz würde „Tür und Tor“ geöffnet werden. Auch die Idee der AfD, bei der Prüfung von waffenrechtlichen Erlaubnissen nicht mehr die politische Gesinnung zu prüfen, erinnere an die USA. „All diese Dinge, da merkst du plötzlich, da winkt immer Amerika im Hintergrund“, kommentiert Lanz.Lanz und Precht kritisieren auch den Umgang Siegmunds mit seinem Personal. Viele wären in der Vergangenheit etwa Mitglied bei der rechtsextremen HDJ („Heimattreue Deutsche Jugend“) gewesen, etwa der Pressesprecher der Fraktion, Patrick Harr, oder Laurens Notdurft, Justiziar der AfD‑Landtagsfraktion.Lesen Sie auch Mittlerweile ist die Organisation verboten, und zwar schon seit 2009, gibt Precht zu bedenken. Doch während sich Grünen-Politiker wie Joschka Fischer für ihre Vergangenheit in linksextremen Organisationen entschuldigten, sei das bei der AfD nicht der Fall. Die Beobachtung von Lanz: „Ulrich Siegmund sagt dazu ganz lapidar: Ich schaue nach vorn, es sind hervorragende Mitarbeiter, jeder macht mal einen Fehler – so ungefähr. Und was die in der Vergangenheit gemacht haben, interessiert mich nicht weiter.“jho