Der niederländische Sender Avrotos hält den European Song Contest für „nicht mehr neutral“. Er will deshalb auch 2027 nicht an dem Wettbewerb teilnehmen, den er in diesem Jahr boykottiert hat, wie vier weitere Rundfunkanstalten, die für ihr Land Künstler hätten entsenden sollen.Sie protestierten damit gegen das militärische Vorgehen des ESC-Teilnehmerlandes Israel im Gazastreifen, auch wegen des Vorwurfs, die israelische Regierung missbrauche den Wettbewerb zur Imagepflege und versuche, mit staatlichen Kampagnen das Ergebnis zu beeinflussen. Die European Broadcasting Union (EBU), die den ESC ausrichtet, überarbeitete in mehreren Schritten ihr Regelwerk, um dieser Kritik zu begegnen. Versuche der Beeinflussung sollten durch eine stärkere Rolle der Jury und die Begrenzung der Stimmenanzahl pro Person verhindert werden.Mitte August kam noch der Beschluss hinzu, dass Länder in „heikler geopolitischer Lage“ – wie Israel – nicht zum Gastgeberland werden können, auch wenn sie den Wettbewerb gewinnen. Die schwedische Zeitung Aftonbladet berichtete außerdem von einem Vorschlag der EBU an die Teilnehmerländer, die Abstimmung des Publikums komplett ins Internet zu verlegen, die Stimmen müssten auf mindestens drei Lieder verteilt werden. Auch das richtete sich gegen den befürchteten Einfluss staatlicher Kampagnen.Der ESC sei „zu einer Bühne der Spaltung“ gewordenDiese Anpassungen erzeugten aus Sicht des Senders jedoch „nicht genügend Vertrauen, dass der unabhängige und neutrale Charakter des Song Contests wiederhergestellt werden kann“, sagt Avrotos nun. „Eines der teilnehmenden Länder“ sei noch immer „in einen groß angelegten militärischen Konflikt“ verwickelt. Israel wird nicht namentlich genannt, die Beschreibung passt auch auf die Ukraine, es heißt in der Erklärung aber: „Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten belasten den Song Contest zu stark.“ Der Sender nennt zudem das „schwere humanitäre Leid im Gazastreifen und die anhaltenden Angriffe auf die Pressefreiheit“ als Grund für die Fortsetzung des Boykotts.Der Geschäftsführer von Avrotros, Taco Zimmerman, lässt sich mit der Einschätzung zitieren, dass der ESC „zu einer Bühne der Spaltung“ geworden sei. Sein Sender müsse aber „seinen Werten treu“ bleiben, und übertrage deshalb die Verantwortung für die niederländische Teilnahme zurück an die NPO, den Dachverband der öffentlich-rechtlichen Sender in den Niederlanden.Dort muss nun entschieden werden, ob das Land am ESC 2027 teilnimmt.