Was wie eine technische Randfrage erscheint, hat weitreichende Folgen: In Deutschland wird derzeit diskutiert, in welchem Umfang historische Daten künftig noch verfügbar sein sollen. Dabei geht es um weit mehr als um Archivfragen – es geht um eine zentrale Grundlage evidenzbasierter Wirtschaftspolitik.Viele der wirtschaftlichen Herausforderungen, mit denen politische Entscheidungsträger heute konfrontiert sind, entstehen nicht über Nacht. Häufig sind sie das Ergebnis von Entscheidungen, institutionellen Rahmenbedingungen und politischen Maßnahmen, die Jahre oder gar Jahrzehnte zurückliegen. Wer aktuelle Probleme verstehen und tragfähige Lösungen entwickeln will, muss diese Ursprünge kennen. Genau hier kommt historischen Daten und Archiven eine zentrale Bedeutung zu. Während aktuelle Daten zeigen, wo wir heute stehen, helfen historische Aufzeichnungen, zu erklären, wie wir dorthin gelangt sind. Sie ermöglichen der Wissenschaft, die Entwicklung von Unternehmen, Branchen und Institutionen über längere Zeiträume nachzuvollziehen und jene Mechanismen sichtbar zu machen, die wirtschaftliche Entwicklungen noch lange nach den ursprünglichen Entscheidungen prägen.Ein besonders anschauliches Beispiel liefern die Archive der Treuhandanstalt. Die deutsche Wiedervereinigung war einer der größten wirtschaftlichen Umbrüche der jüngeren Geschichte. Sie umfasste die Privatisierung und Restrukturierung Tausender Unternehmen und betraf Millionen von Arbeitnehmern. Viele Debatten, die bis heute geführt werden – etwa über den industriellen Niedergang, regionale Ungleichheiten, Produktivität und Beschäftigung – haben hier ihren Ursprung. Auf der Grundlage detaillierter historischer Daten lässt sich analysieren, wie sich unterschiedliche politische Entscheidungen langfristig auf Unternehmen, Beschäftigte und Regionen ausgewirkt haben – und zwar jenseits von Anekdoten und Einzelfällen.Die Geschichte das wichtigste „Labor“ der WirtschaftspolitikHistorische Daten sind auch für das Verständnis von Industriepolitik unverzichtbar. Maßnahmen zur Förderung von Investitionen, Innovationen oder strukturellem Wandel entfalten ihre Wirkung oft erst über Jahrzehnte hinweg. Ihre Folgen lassen sich daher kaum kurzfristig abschätzen. In gewisser Weise ist die Geschichte das wichtigste „Labor“ der Wirtschaftspolitik: Die Erfahrungen vergangener industrieller Transformationen erlauben es, systematisch auszuwerten, was funktioniert hat, was nicht – und warum. Ohne diesen historischen Bezug besteht die Gefahr, dass wirtschaftspolitische Debatten von kurzfristigen Beobachtungen, ideologischen Positionen oder unvollständigen Informationen geprägt werden.Vor diesem Hintergrund sollte der Erhalt historischer Daten selbst als eine öffentliche Investition verstanden werden. Werden Archive zerstört, entsorgt oder unzugänglich gemacht, gehen wertvolle Erkenntnismöglichkeiten unwiederbringlich verloren. Künftige Generationen von Forschenden und politischen Entscheidungsträgern verlieren die Möglichkeit, die langfristigen Folgen zentraler wirtschaftspolitischer Weichenstellungen zu analysieren. Gerade in einer Zeit, in der Staaten weltweit wieder stärker auf Industriepolitik, wirtschaftliche Umstrukturierungen und große öffentliche Investitionen setzen, wäre dies ein erheblicher Verlust – ginge doch damit eine der wichtigsten Quellen verloren, um zu verstehen, welche langfristigen Wirkungen derartige Maßnahmen entfalten.30 Jahre sind oft zu wenigGerade am Beispiel der amtlichen Firmendaten im AFID-System (das Kürzel steht für „Amtliche Firmendaten in Deutschland“) des Forschungsdatenzentrums der Statistischen Ämter wird derzeit deutlich, wie konkret diese Problematik ist: Im Zuge der Diskussion um das geplante Forschungsdatengesetz steht auch zur Debatte, in welchem Umfang und über welche Zeiträume solche Daten künftig verfügbar bleiben sollen. Für die wirtschaftswissenschaftliche Forschung erweisen sich kurze Aufbewahrungsfristen, beispielsweise von etwa 30 Jahren, dabei vielfach als unzureichend, da zentrale Fragestellungen – etwa zu den langfristigen Wirkungen von Privatisierungen, Subventionen oder strukturellem Wandel – erst über mehrere Jahrzehnte hinweg belastbar analysiert werden können. Viele Erkenntnisse entstehen erst durch die Verknüpfung historischer Daten mit heutigen Entwicklungen und Präferenzen. Der dauerhafte Zugang zu solchen Daten ist daher eine konkrete Voraussetzung dafür, wirtschaftspolitische Entscheidungen in ihrer langfristigen Wirkung fundiert beurteilen zu können.Historische Archive sind deshalb weit mehr als bloße Dokumentationen der Vergangenheit. Sie sind eine zentrale Ressource für das Verständnis der Gegenwart und für bessere politische Entscheidungen in der Zukunft. Ihr Erhalt ist nicht nur eine Frage der Dokumentation, sondern eine Investition in Wissen, das über Jahrzehnte hinweg Erkenntnisse liefern kann.Ufuk Akcigit ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der University of Chicago und Forschungsprofessor am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).Reint Gropp ist Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.
Forschungsdaten: Kurze Aufbewahrungsfristen bedrohen Schätze im Archiv
Wer aktuelle Probleme verstehen will, muss ihre Ursprünge kennen. Werden Datenarchive beschnitten, verlieren kommende Entscheidungen ihre Grundlage, warnen Forscher.






