Pro ArtikelBittere Armut trifft auf Smartphone-Rausch: Nordkorea wächst nach langer Krise seit mehr als drei Jahren wieder – finanziert von Putins Ukraine-Krieg, Kryptodiebstählen und Gefängnisarbeit.24.08.2026, 05.29 Uhr5 LeseminutenNordkoreaner scheinen plötzlich mehr Geld zu haben – auch in Devisen. Die Strassen werden voller, die Busse sind gut genutzt.VCG via GettyStau in Pjongjang, Nordkoreaner im Smartphone-Rausch, Taxiruf per App: Das Leben im abgeschotteten Nordkorea ist ein Kontrastprogramm. Das Land ist bitterarm, Felder werden vielerorts noch mit Ochsen bestellt statt mit Traktoren. Doch in der Hauptstadt scheint die digitale Moderne nicht nur angekommen zu sein, sie floriert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sechs bargeldlose Zahlungssysteme und 24 Smartphone-Marken habe er allein bei einem geführten Besuch in Pjongjang im vergangenen Jahr gezählt, sagt Martyn Williams, Experte für Technologie in Nordkorea am amerikanischen Think-Tank Stimson Center. «All diese Marken werden von verschiedenen Handelsunternehmen geführt, die unbedingt Geld verdienen wollen» – mit Technik aus China. Bis zu 500 Dollar müssen Nordkoreaner dafür oft in den Geschäften hinlegen. Ein Falthandy fand Williams sogar für 2000 Dollar.Das «Wall Street Journal» nannte Nordkorea kürzlich die «überraschendste wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der Welt». Doch es bleibt ein Rätsel: Woher haben die Nordkoreaner plötzlich so viel Geld, vor allem in Devisen?Waffen für Russland, Devisen fürs RegimeSmartphones und Luxusgüter können Nordkoreaner nicht mit ihrer schwachen Alltagswährung, dem nordkoreanischen Won, kaufen. Das geht nur mit Dollar, anderen harten Währungen oder dem sogenannten Devisen-Won. Dabei handelt es sich um eine Art digitale Währung, zum Beispiel für Onlinekäufe, die Nordkoreaner gegen Devisen zu einem festgelegten Kurs kaufen können. Die Devisen sind über die Jahrzehnte durch Handel, Schmuggel oder Zahlungen von im Ausland arbeitenden Nordkoreanern ins Land gekommen und sind neben dem Won als Zahlungsmittel im Umlauf.Waffen-, Munitions- und Raketenlieferungen sowie Soldaten für Russlands Krieg gegen die Ukraine sind sicherlich ein Teil der Erklärung, wie die Regierung an Devisen kommt. Gerade erst berichtete die ukrainische Regierung, Nordkorea habe inzwischen ganze Raketeneinheiten an Russlands Westgrenze entsandt und könne zusätzlich zu den bislang rund 12 000 Soldaten weitere 50 000 Kämpfer schicken.Früher war es in der Nacht in Nordkorea weitgehend dunkel. Heute zeigen Nachtaufnahmen, dass das Land von Jahr zu Jahr immer heller wird. Das ist ein Hinweis, dass mehr Strom an immer mehr Orte gelangt.Stanislav Varivoda / ImagoBloomberg Economics hat kürzlich geschätzt, Nordkorea habe seit 2022 für Waffen und Soldaten möglicherweise 22 Milliarden Dollar von seinem Bündnispartner erhalten. Doch russische Zahlungen allein erklärten den Boom nicht, urteilt Williams: «Das ist die grosse Frage: Die Wirtschaft hat in den letzten Jahren tatsächlich an Fahrt gewonnen, und niemand weiss so recht, warum.» Zumal russische Zahlungen an die Regierung fliessen, nicht an die Bevölkerung.Bank of Korea sieht drittes Wachstumsjahr in FolgeZumindest statistisch wächst die Wirtschaft – und offenbar auch die Gehälter der Nordkoreaner. Verlässliche Daten veröffentlicht Nordkorea zwar nicht, doch Südkoreas Notenbank schätzt Nordkoreas Wirtschaftsleistung seit Jahrzehnten. Letztmals Ende Juli 2026, mit positivem Befund: Gemäss diesem ist die Wirtschaft 2025 um 3,5 Prozent gewachsen, das dritte Jahr in Folge mit mehr als 3 Prozent. Dies sei «ein Phänomen, das es seit dem tiefen Einbruch infolge der Sanktionen und der Corona-Pandemie nicht mehr gegeben hat», erklärte die Bank of Korea.Vor der Pandemie hatte die Staatengemeinschaft Nordkorea für sein Atom- und Raketenprogramm mit Sanktionen belegt, selbst China und Russland machten teilweise mit. Während der Pandemie schloss Kim Jong Un die Grenzen nahezu vollständig – nutzte die Zeit aber offenbar, um Ressourcen zu mobilisieren. Fabriken, Krankenhäuser und Eigenheime wurden gebaut.2024 startete er zudem die Politik der «regionalen Entwicklung 20 mal 10»: Jährlich sollen zehn Jahre lang zwanzig Kreise modernisiert werden, um die Entwicklungslücke gegenüber der Hauptstadt zu verringern, eine Art soziale Umverteilung nordkoreanischer Prägung. Die Folge: Bauwirtschaft und verarbeitende Industrie wachsen laut der Bank of Korea um mehr als 6 Prozent. Williams gibt zu bedenken, dass unklar sei, wie viele der neuen Fabriken und Krankenhäuser tatsächlich genutzt würden.Aus der Ferne beobachtete er aber echte Verbesserungen. Satellitenbilder zeigen, dass inzwischen selbst Dörfer Sendemasten für mobiles Internet haben. Der Blick aus dem All bei Nacht ist ebenfalls erhellend: Früher gab es zwischen den Lichtermeeren in China und Südkorea ein schwarzes Loch mit wenigen Lichtinseln, die grösste darunter war Pjongjang. «Heute zeigen Aufnahmen, dass das Land von Jahr zu Jahr immer heller wird», so Williams – ein Hinweis, dass mehr Strom an immer mehr Orte gelangt, nicht nur nach Pjongjang.Eine Zugbegleiterin achtet darauf, dass die Passagiere bei der Metro in der Hauptstadt diszipliniert ein- und aussteigen.Stanislav Varivoda / ImagoDas Paradox: Laut der südkoreanischen Notenbank ist die Stromproduktion 2025 sogar gesunken. Die Lösung liegt für Williams wahrscheinlich in wachsenden Solaranlagen auf Balkonen und Fabrikdächern sowie neuen regionalen Wasserkraftwerken – auch die Solarpaneele stammen wohl grösstenteils aus China. Der Handel belebt sich ebenfalls, besonders die Importe: Sie stiegen 2025 laut der Bank of Korea um 13,9 Prozent auf 2,7 Milliarden Dollar.Haupthandelspartner bleibt die Schutzmacht China, die allerdings wegen Nordkoreas wachsender Russland-Connection um Einfluss fürchtet. Die Regierung habe zudem die Basisgehälter um mehr als das Zehnfache erhöht, berichtet das Stimson Center. Zwar zogen im Gegenzug auch viele Preise an. Aber diese Gehaltserhöhungen und die insgesamt wachsende Wirtschaft erklären vielleicht, warum sich mehr Menschen Devisen – und damit Luxusgüter – leisten können.Hacker, IT-Söldner und Zwangsarbeit als DevisenquellenEs gibt noch eine weitere Einnahmequelle, die Fremdwährung ins Land bringt: Nordkoreas Hacker gehören zu den weltweit grössten Dieben von Kryptowährungen. 2025 seien es Bitcoins und andere digitale Devisen im Wert von rund 2 Milliarden Dollar gewesen, berichtet der Analysedienst Chainalysis.Zusätzlich bewerbe sich ein Heer nordkoreanischer IT-Spezialisten unter falschen Namen um Jobs bei Unternehmen weltweit, worauf Ende Juli die Sicherheitsdienste von elf Ländern hingewiesen haben. Gehälter und Erlöse aus Betrug und Erpressung fliessen ebenfalls ans Regime, unter anderem zur Finanzierung des Atomwaffen- und Raketenprogramms. Laut dem US-Finanzministerium hat dieses IT-Heer amerikanische Unternehmen allein 2024 um rund 800 Millionen Dollar gebracht.Wie Nordkorea zur Hacker-Grossmacht wurdeHinzu kommt der Export von Waren und Arbeitskräften, den die Bürgerallianz für Menschenrechte in Nordkorea (NKHR) in Seoul untersucht.Nordkoreas Exportwirtschaft beruht laut der NKHR-Expertin Joanna Hosaniak zu einem erheblichen Teil auf Zwangsarbeit: «Das Exportgeschäft ist zum grossen Teil Zwangsarbeit in Gefängnissen.» Perücken und künstliche Wimpern aus Frauengefängnissen in Rason dominierten den chinesischen Markt. Auch Textilien für westliche Marken würden teilweise in Nordkorea genäht und mit dem Etikett «Made in China» versehen.Bei einer Veranstaltung zum Gedenken an den Korea-Krieg tanzen Menschen in der Hauptstadt Pjongjang auf dem Platz des Triumphbogens. Aufnahme vom Ende Juli 2026.Cha Song Ho / APZentral organisiert seien diese Geschäfte dabei nicht: «Jedes Ministerium, jedes Sicherheitsorgan und jeder Teil der Streitkräfte verfügt über eigene Handelsgesellschaften», erklärt Hosaniak. Neben Soldaten würden zudem einfache Arbeiter nach Russland verliehen. Das System zeichnet sich laut der Expertin durch systematische Verschleierung aus, weil die Arrangements oft gegen russisches Recht verstossen. Offiziell seien die meisten mit Studentenvisa gemeldet.Ihr Team habe mehr als 108 in Russland registrierte Firmen kartiert, die sich anhand von Zeugenaussagen konkreten nordkoreanischen Institutionen zuordnen liessen. Zudem stellten Firmen aus russischen Branchen wie Fleischverarbeitung, Landwirtschaft und Textilindustrie Arbeitskräfte über einen russisch-nordkoreanischen Wirtschaftsrat offiziell als Stipendiaten ein, so die Expertin.Brisant werde dies, weil manche dieser Firmen mit nordkoreanischen Arbeitskräften zugleich Geschäfte mit europäischen Märkten unterhielten. Dies ist für die NKHR ein mutmasslicher Verstoss gegen EU-Recht oder nationale Gesetze zur Zwangsarbeit, dem nie nachgegangen worden sei. Nordkorea habe kriminelle Einnahmestrukturen aufgebaut, so Hosaniaks Fazit. «Wenn man einen Kanal sperrt, öffnet sich ein anderer.»Passend zum Artikel
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