Pro ArtikelNeuer Getreidekrieg im Schwarzen Meer – droht bald Hunger auf der Welt?Russland und die Ukraine gehören zu den weltgrössten Exporteuren von Weizen, doch das Getreide bleibt im Schwarzen Meer stecken. Das erinnert an die russische Blockade zu Kriegsbeginn.24.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenFast täglich werden Handelsschiffe im Schwarzen Meer Ziel von Angriffen durch Drohnen oder Marschflugkörper.Recep Bilek / ImagoIn den letzten Wochen haben Russland und die Ukraine den Krieg auf das Meer getragen. Seit Mitte Juni greift Russland mit Drohnen und Marschflugkörpern vermehrt internationale Handelsschiffe mit ukrainischen Waren an. Seit Juli fokussieren sich die Angriffe immer deutlicher auf Schiffe und Hafenanlagen, die für den Export von ukrainischem Getreide eingesetzt werden. Die Ernte ist in vollem Gang und wartet auf den Abtransport in alle Welt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Angriffe setzen meist die Kommandobrücke oder die Steuereinheit der Schiffe in Brand und machen sie manövrierunfähig. So ist beispielsweise am 19. Juli das türkische Handelsschiff «Golden Leo» von russischen Marschflugkörpern getroffen worden. Das Schiff führte ukrainisches Getreide über das Schwarze Meer Richtung Bosporus. Mehrere Besatzungsmitglieder wurden getötet.Die Ukraine schlägt zurück und greift seit Ende Juli verstärkt russische Handelsschiffe und Agrarterminals im Schwarzen Meer an. In dieser Woche wurden fast täglich russische Handelsschiffe getroffen. Der bisher schwerste Schlag erfolgte am 12. August, als ein ukrainischer Grossangriff mit Drohnen auf den russischen Hafen Noworossisk zwei von drei Getreideterminals beschädigte. Über den Hafen werden mehr als 40 Prozent der russischen Getreideexporte abgewickelt.Die russischen Getreideterminals im Asowschen Meer, die etwa ein Viertel der Ausfuhrkapazitäten stellen, stehen schon seit Juli still, weil die Handelsschifffahrt auf dem Binnenmeer wegen ukrainischer Angriffe auf russische Schiffe weitgehend zum Erliegen gekommen ist. Die Ukraine hat nach eigenen Angaben seit Anfang Juli mehr als 200 Schiffe in den beiden Meeren angegriffen.Erneute Blockade im Schwarzen MeerRussland ist der weltgrösste Exporteur von Weizen, die Ukraine derzeit die Nummer sechs. Durch die jüngsten Angriffe werden die Ausfuhren von beiden Ländern stark beeinträchtigt. In die ukrainischen Häfen fahren kaum noch Schiffe ein, weil die Versicherungsprämien in den letzten Wochen stark gestiegen sind und viele Schiffseigentümer die Fahrten aus Sorge um die Besatzungen eingestellt haben.Die Getreideexporte von Russland und der Ukraine über das Schwarze Meer sind laut dem jüngsten Getreidereport des International Grains Council weitgehend zum Erliegen gekommen. Und das just zur Erntezeit.Diese Angriffe erinnern an die Jahre 2022 und 2023, als Russland die ukrainischen Häfen durch seine Kriegsmarine zeitweise blockierte. Offiziell rechtfertigte Moskau die Blockade damals mit dem Vorwand, man könne keine Einfuhren von Kriegsgütern in die Ukraine zulassen. Tatsächlich versuchte Russland den wichtigsten Devisenbringer der Ukraine abzuwürgen. Dies misslang schliesslich, weil viele auch mit Russland kooperierende Staaten wie China oder die Türkei darauf drängten, die Getreideausfuhren wieder zu ermöglichen. Hintergrund war die Sorge über die damals stark gestiegenen Weltmarktpreise, die zu einer Hungerkrise in verschiedenen Weltregionen hätten führen können.Damals wurde die Blockade durch verschiedene von der Uno und der Türkei vermittelte Abkommen mit Russland und der Ukraine beendet. Später vermochte die Ukraine die russische Marine mit Drohnenangriffen aus dem westlichen Schwarzen Meer zu vertreiben und einen Korridor für Getreideschiffe zu sichern. Doch die Seefahrt ist heute wieder stark eingeschränkt.Hitze und Trockenheit in EuropaDie neue Blockade der Getreideexporte aus dem Schwarzen Meer wird durch die Folgen der Hitzewellen und der Trockenheit in Europa verschärft. Die Getreideproduktion in der EU wird nach Einschätzung des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums um 8 Prozent unter dem sehr guten Vorjahr liegen. Allerdings werde die Ernte damit immer noch etwa auf dem Niveau der drei vorangegangenen Jahre liegen. Die EU-Kommission schätzte Ende Juli den Ernteverlust auf 1 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre, wobei Mais am stärksten betroffen sei. Die Trockenheit schränkt zudem wegen tiefer Pegelstände die wichtigste Alternativroute für ukrainisches Getreide über die Donau ein.Weitere negative Faktoren sind der Iran-Krieg und das Wetterphänomen El Niño. Zu den Folgen des Iran-Kriegs zählen die Verknappung des globalen Erdölangebots und hohe Erdölpreise. Dies führt zu einer höheren Nachfrage nach Biotreibstoffen, die aus Agrarprodukten gewonnen werden. Unter der Blockade der Strasse von Hormuz leidet auch das Angebot von Kunstdünger, was weltweit zu einem kräftigen Preisanstieg geführt hat. Dies dürfte vor allem im nächsten Jahr zu einer geringeren Nahrungsmittelproduktion führen. Auch der sich verstärkende El Niño erhöht das Risiko schlechter Ernten. Er dürfte bis 2027 in Teilen Südostasiens und Lateinamerikas Dürren und Hitze, in anderen Regionen dagegen übermässige Niederschläge verursachen.Ist also bald eine globale Hungerkrise zu befürchten?Trotz den Warnzeichen und den jüngsten Preissteigerungen für weltweit gehandelte Nahrungsmittel geben internationale Gremien derzeit noch Entwarnung. Der International Grains Council (IGC) schätzt in seinem vergangene Woche veröffentlichten Monatsbericht, dass die weltweite Getreideproduktion sowie der Welthandel mit Getreide im Erntejahr 2026/27 um 3 Prozent sinken werden. Mit 2614 Millionen Tonnen wird aber immer noch die zweithöchste je registrierte Ernte erwartet. Dasselbe gilt für Weizen mit noch erwarteten 817 Millionen Tonnen.Der Ernterückgang wird gemäss dem IGC durch tiefere Lagerbestände am Ende der Saison ausgeglichen werden. Diese werden dann immer noch auf hohem Niveau liegen, da die Speicher wegen der um 7 Prozent gestiegenen Rekordernte des Vorjahres derzeit gut gefüllt sind. Entspannt beurteilt der IGC auch die Lage bei Weizen, dem wichtigsten Agrarprodukt am Schwarzen Meer. Die jüngste Blockade habe die Weizenexporte aus der Region bisher um 4 Millionen Tonnen reduziert, doch das habe wegen gedämpfter regionaler Nachfrage bis jetzt kaum nennenswerte globale Auswirkungen gehabt.Volle Getreidespeicher nach RekordernteDie vergleichsweise gelassene Einschätzung der Lage wird durch die Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) bestätigt. Ende Juli erwartete auch sie die zweithöchste je registrierte Getreideproduktion (inklusive Reis) für die laufende Saison, nachdem sich die globale Hungersituation bereits in den drei Vorjahren laufend verbessert hatte.Diese Einschätzungen spiegeln sich auch in den Weltmarktpreisen für Getreide. Diese sind zwar im Juli deutlich gestiegen und liegen derzeit rund 9 Prozent höher als zu Jahresbeginn, das allerdings ausgehend von einem tiefen Niveau. Weizen hat sich allein seit Anfang Juli um 10 Prozent verteuert. Die Preise liegen aber noch weit unter den Höchstständen zur Zeit der russischen Blockade im Schwarzen Meer von 2022.Nach einer akuten globalen Hungerkrise sieht es also nicht aus. Im Gegensatz zur russischen Getreideblockade von 2022/23 hat die Welt diesmal das Glück, dass die neuen Angriffe auf die Getreideausfuhren beider Kriegsparteien zu einem Zeitpunkt mit vollen Speichern, insgesamt guten Ernten und einem moderaten Preisniveau erfolgen.Allerdings weist die FAO darauf hin, dass Hungerkrisen primär durch regionale Konflikte und Kriege und nicht durch globale Krisen ausgelöst werden; die Organisation weist auf derzeit dreizehn akute Problemregionen hin.Wirtschaftskrieg auf beiden SeitenDie Auswirkungen der neuen Blockade im Schwarzen Meer sind somit vorerst regional. Da sich die Front wenig bewegt, forcieren beide Seiten die Angriffe mit Drohnen und Raketen auf militärische und zivile Einrichtungen im Landesinneren und vor ihren Küsten. Ziel ist die Schwächung der wirtschaftlichen Basis des Feindes, um die Finanzierung seiner Kriegsführung einzuschränken.Doch der neue Getreidekrieg wird kaum kriegsentscheidende Auswirkungen haben. Die Agrarexporte machen laut einer Analyse von Oxford Economics bloss 8 Prozent der russischen Exporterlöse aus. Die Beeinträchtigung des Getreidehandels durch die ukrainischen Angriffe in den beiden Meeren wird das russische Bruttoinlandprodukt laut den Ökonomen lediglich um je 0,3 Prozent in diesem und im nächsten Jahr schmälern.Ganz anders sieht die Rechnung für die Ukraine aus. Die Agrarausfuhren machen 42 Prozent ihrer Warenexporte aus. Eine erneute Blockade im Schwarzen Meer würde laut Oxford Economics das ukrainische Bruttoinlandprodukt in diesem und im folgenden Jahr um 1,8 Prozent beziehungsweise 2,1 Prozent schmälern. Sollte die Blockade lang anhalten, könnte der BIP-Verlust 2027 mehr als 5 Prozent betragen.Allerdings darf die Ukraine im Gegensatz zu Russland auf die finanzielle Unterstützung der EU und weiterer Länder zählen, welche die Verluste tendenziell ausgleichen. Auch die Kriegswirtschaft der Ukraine wird durch eine Agrarblockade im Schwarzen Meer kaum abgewürgt werden.Passend zum Artikel
Neuer Getreidekrieg im Schwarzen Meer: Droht bald Hunger in der Welt?
Russland und die Ukraine gehören zu den weltgrössten Exporteuren von Weizen, doch das Getreide bleibt im Schwarzen Meer stecken. Das erinnert an die russische Blockade zu Kriegsbeginn.












