Stillst du noch? Oder bereust du es schon? Wie der Feminismus am schlechten Image von Mutterschaft mitgewirkt hatDie Geburtenrate sinkt und sinkt. Kein Wunder eigentlich in einer Zeit, die das Dasein als Mutter am liebsten als steten Dreiklang aus Erschöpfung, Einsamkeit und Enttäuschung darstellt. Wie konnte es bloss so weit kommen?23.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenWieso passen die Wörter «Mutter», «modern», «glücklich» und «emanzipiert» so selten zusammen?Jon Chambers / UnsplashDas Territorium der Mütter ist in diesen Tagen klein geworden. Nicht nur räumlich, wo es sich auf die paar Häuserblocks zwischen Wohnung, Spielplatz und Supermarkt beschränkt. Auch gesellschaftlich und kulturell schwindet das Wirkungsfeld der Mütter, sind Kinder doch in der Schweiz wie in allen westlichen Ländern zur schrumpfenden Minderheit geworden, in Städten gar zur bedrohten Spezies. Wer heute ein Kind hat, ist in der Schweiz meist einiges über dreissig, mindestens in Teilzeit berufstätig und permanent gestresst, weil man sich tagtäglich im schwierigen Spagat zwischen Kundenmeeting und Kinderbettchen übt. Man trifft die anderen Fortpflanzungswilligen vor der Kita, tauscht zwischen Tür und Angel Erschöpfungssymptome aus und verschwindet wieder in der Tretmühle des Alltags.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So ungefähr klingt es, wenn das Mutter-Biotop beschrieben wird. Und das passiert häufiger als je zuvor: Demografen auf der ganzen Welt sorgen sich angesichts der sinkenden Geburtenrate um die Finanzierung des Sozialstaats und um die Innovationskraft der Wirtschaft. Politisch gilt noch immer die Frau als Schlüssel zur Steigerung der Fruchtbarkeit. Und seit die Pille Nachwuchs von einer Selbstverständlichkeit zu einer Option gemacht hat, die immer mehr an den Rand der Fruchtbarkeit gedrängt wird, beschäftigen sich auch Filmregisseure, Autorinnen und Soziologen mit der Befindlichkeit der modernen Mutter. Von Rachel Cusk («Lebenswerk») bis Olga Ravn («Meine Arbeit»), von Maggie Gyllenhaals Filmdebüt «The Lost Daughter» bis zur Netflix-Serie «Little Fires Everywhere» – Literatur und Film der Gegenwart obduzieren mit einer Art ethnologischem Interesse, was Muttersein heute bedeutet. Sie beobachten die Machtrituale auf dem Spielplatz, analysieren den Perfektionswahn am Breigläschen, das Wachsen des schlechten Gewissens, vorab aber protokollieren sie den schleichenden Verlust des weiblichen Ichs.Mutterschaft kollidiert mit FlexibilitätWoher kommt diese geradezu masochistische Lust an der Last? Und wo bleiben die Stimmen, die das mütterliche Wirkungsfeld verteidigen und ihren Einfluss auf die nächste Generation feiern?Sicher ist: So quer wie eine Schwangerschaft liegt kaum etwas zum Zeitgeist dieser Gesellschaft, in der man äusserlich jung und innerlich flexibel sein soll, in der man das eigene Fortkommen als Erstes im Blick hat und Pflichten und Zugeständnisse lieber bloss auf Zeit eingeht. Ein Kind zu bekommen, ist die Option im Leben, die am längsten verpflichtet und am meisten einschränkt.Seit der Erfindung der Pille ist das Image der Mutterschaft nicht etwa besser – weil freiwillig – geworden, sondern pendelt zwiespältig zwischen zwei extremen Zerrbildern: Hier die bemitleidenswerte Leidensfigur, die von Dauererschöpfung zermürbt wird und zwischen Baby und Büro das eigene Ich zu verteidigen sucht. Dort das unsolidarische Weibchen, das sich freiwillig in die Unmündigkeit des Hausfrauendaseins begibt und die Gleichberechtigung um Jahrzehnte zurückwirft. Ob emanzipierte Teilzeitmutter, moderne Tradwife oder kinderlose Frau: Die Nachwuchsfrage verlangt im weiblichen Lebenslauf stets nach Erklärung.Das traurigste Kapitel der EmanzipationAm Rechtfertigungsdruck wie am fragwürdigen Mutter-Image hat der Feminismus tatkräftig mitgearbeitet. Es ist das wohl traurigste Kapitel der Emanzipation: Die Befreiung der Frau ist auf Kosten der Mutter passiert.Seit Simone de Beauvoir 1949 Mutterschaft vom biologischen Imperativ zur weiblichen Falle umgedeutet und sie als «Versklavung der Frau durch die Gattung» bezeichnet hat, gilt die Familie als die primäre Stätte der weiblichen Unterdrückung. Wer Mutter wird, kann nicht frei sein. Diese Gleichung haben auch die nachfolgenden Feministinnen nicht hinterfragt. Alle grossen Aushängeschilder der Bewegung – von Simone de Beauvoir über Kate Millett bis hin zu Alice Schwarzer und Judith Butler – zogen die Konsequenz und blieben kinderlos. Wie man emanzipiert Mutter wird, ohne Autonomie, ökonomische Sicherheit und gesellschaftliche Anerkennung am Empfang der Maternité abzugeben, wollte und konnte keine von ihnen zeigen.Die Avantgarde des Feminismus hat der Frau den Bauch zurückgegeben, ist für ihr Recht auf Abtreibung auf die Strasse gegangen, um sie dann endgültig in zwei Gruppen zu teilen: Uterus oder Unabhängigkeit, so hiess die Frage fortan. Und so ist, wer sich freiwillig in die Falle der Kümmerarbeit begibt – spätestens seit der Erfindung der Pille –, selber an den Konsequenzen schuld. Kurz: Die Frau wurde zwar von der Mutterschaft als Schicksal befreit, die Mutter aber nicht vom Schicksal der statuslosen Gratisarbeit.Väter sind Väter, aber Mütter nie einfach nur MütterVäter dürfen einfach Väter sein, egal wie oft oder wie wenig sie ihren Nachwuchs sehen und betreuen. Mütter aber sind nie einfach nur Mütter. Sie sind auch im neuen Jahrtausend Glucken oder Karrieremütter, Teilzeitmamas oder Rabenmütter. Sie werden permanent verglichen, beäugt, bewertet und gegeneinander ausgespielt. Auch selber tun sie das besonders eifrig. Und: Noch immer sind sie die Hauptverantwortlichen, wenn der Nachwuchs Probleme macht. Oder wenn es keinen Nachwuchs mehr gibt.Auch im Jahr 2026 stehen Freiheit und Fürsorge unversöhnt nebeneinander. Das ist der Grund, warum der gefühlte Selbstverlust der Frauen nach Schwangerschaft und Geburt zum Topos der gegenwärtigen Mutterschaftsdebatte geworden ist und die Bewegung «Regretting Motherhood» oder epidemische Kinderlosigkeit zur einzigen Antwort darauf.Stillst du noch, oder bereust du es schon? So könnte man die Leerstelle der Emanzipation auf den Punkt bringen, in der junge Frauen herumirren. Und keine Steuersenkung, keine Krippensubvention, keine staatliche Fruchtbarkeitspolitik wird etwas an der sinkenden Geburtenrate ändern, solange diese Leerstelle existiert.Gefüllt werden kann sie nur mit einem neuen, ganzheitlichen Elternbild. Einem, das neben der Last auch die Lust betont, neben der Freiheit auch die Fürsorge wertschätzt und neben der Mutter die Väter nicht vergisst.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Seit wann hat Mutterschaft ein negatives Image? Und was hat der Feminismus damit zu tun?
Die Geburtenrate sinkt und sinkt. Kein Wunder eigentlich in einer Zeit, die das Dasein als Mutter am liebsten als steten Dreiklang aus Erschöpfung, Einsamkeit und Enttäuschung darstellt. Wie konnte es bloss so weit kommen?








