KommentarDer mutmassliche Freitod des schwarzen Cambridge-Professors ist auch eine Folge handfester ökonomischer Interessen seiner Arbeitgeberin.23.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenGedenkstätte für den toten Professor Jason Arday in London.Zak Irfan / Avalon / ImagoWas für eine traurige Geschichte. Was für eine saftige Geschichte. Was für eine widerliche Geschichte. Ein Mann, gerade einmal 41 Jahre alt, Ehemann, zweifacher Vater, wird tot in seiner Londoner Wohnung aufgefunden. Man muss davon ausgehen, dass er sich selbst das Leben genommen hat. Und dies, nur Tage nachdem am 5. August seine Arbeitgeberin, die Universität Cambridge, eine Untersuchung wegen «wissenschaftlichen Fehlverhaltens» gegen ihn eingeleitet hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Mann heisst Jason Arday, ist schwarz und war, diesen Schluss muss man aus all den Beweisen ziehen, ein akademischer Hochstapler. Vor drei Jahren am Institut für Erziehungswissenschaften zum erst sechsten und jüngsten schwarzen Professor in der Geschichte Cambridges berufen, hat er offensichtlich seinen Lebenslauf gefälscht, plagiiert und ein Narrativ seiner selbst errichtet, das ihn als einen besseren Menschen als andere zeigte. So liess er verlauten, er habe bis 18 weder lesen noch schreiben können und leide, ausser an Autismus, nach einer physischen Attacke auch unter Epilepsie. Ein hervorragender Langstreckenläufer will er gewesen sein. Und einen Hirntumor soll er auch noch überlebt haben. Seine Autobiografie heisst «Great and Unfortunate Things».Nun streiten sich Linke wie Rechte um die Deutungshoheit dieser Tragödie. Wurde Arday Opfer einer rassistischen Kampagne, oder ist sein Fall Ausdruck einer woken Unkultur an den Hochschulen?Die Wahrheit ist, wie fast immer, ein bisschen komplizierter. Ja, Arday war ein Täter. Niemand hat ihn gezwungen, zu lügen und zu fälschen, um sein Leben in grelleren Farben zu zeichnen, als es gewesen ist. Aber er war auch ein Opfer – seiner selbst und auch seiner eigenen Alma Mater, die ihn als Maskottchen benutzt hat, um die mangelnde Diversität an der Hochschule ein wenig aufzupolieren. Und vor allem etwas anderes: den eigenen Kontostand.Am Institut für Erziehungswissenschaften handelte man nämlich vor allem aus finanzieller Not. In Cambridge, wie fast an allen Universitäten der Welt, gehen die Zahlen der jungen Menschen, die Geisteswissenschaften studieren, kontinuierlich zurück. In der Schweiz sank der Anteil der Geistes- und Sozialwissenschafter seit 2003 von 41 auf 29 Prozent, wie eine neue Studie zeigt.An der prestigereichen englischen Hochschule aber sind die Folgen dieses Megatrends dramatischer als hierzulande. Denn gerade die geisteswissenschaftlichen Fakultäten, die nicht so viele Drittmittel wie die naturwissenschaftlichen und technischen Fächer einspielen, sind abhängig von den stattlichen Studiengebühren. In Cambridge werden sie 2027 für nationale Studierende erstmals über 10 000 Pfund pro akademisches Jahr betragen (und für Studenten aus dem Ausland bis zu über 70 000 Pfund). Wer so viel Geld für seine Ausbildung zahlen muss, der überlegt sich natürlich sehr gut, ob er sich für eine Disziplin entscheiden will, die zwar spannend ist, bei der aber am Ende wohl kein sehr lukrativer Job steht, mit dem man die eigenen Schulden zurückzahlen kann.Also holte man sich Arday als Showman, der mit seiner Hautfarbe und seinem Forschungsinteresse für die prekären Rechte von Minderheiten mehr Aufmerksamkeit für das darbende Institut bringen sollte – und also mehr Geld. Alle Warnsignale, von denen es erstmals 2023 welche gab, übersah man geflissentlich oder wies öffentliche Zweifel an der Arbeit des Soziologen als «rassistische Hetzkampagne» empört von sich. Es durfte nicht sein. Damit untergrub man das institutionelle Kapital der eigenen Universität, schützte seinen Professor nicht vor noch Schlimmerem und beförderte den Rassismus, dem man ja mit der Berufung vordergründig entgegentreten wollte. Grossartige schwarze Gelehrte stehen jetzt unter Generalverdacht.Die Universitäten in der Schweiz und auch anderswo können aus dieser Tragödie wichtige Schlüsse ziehen. Berufungen müssen ausschliesslich nach wissenschaftlichen Qualitätsstandards erfolgen, niemals nach Merkmalen wie Gender, Hautfarbe oder Bekanntheit. Politik gehört auf die Strasse oder in die Medien, aber niemals an die Hochschulen.Zudem ist Vorsicht geboten, bestimmte Fächer in den Geisteswissenschaften wie Germanistik oder Geschichte einen langsamen Tod sterben zu lassen. Dies kann innerhalb dieser Disziplinen zu Radikalisierung führen. Und im Übrigen weiss man – gerade in Zeiten von künstlicher Intelligenz – nie, ob man Fachrichtungen nochmals gebrauchen kann, in denen auch kritisches Denken gelehrt wird.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel