Für sie: Angeblitzter RehbockFrüher quälte man sich im nicht enden wollenden August im Bikini an den Kiosk, um die September Issues der Vogue zu kaufen und sich zu informieren, wohin es in Sachen Style gehen würde. Heute quält man sich nicht mehr, weil die Vogue in Stilfragen keine Relevanz mehr hat. Schon bei den digital präsentierten Covers verlässt einen der modische Lebensmut. Auf der US-Ausgabe tragen die Kinder von Cindy Crawford und Richard Gere ein hässliches Chanel-Kostüm und einen Jeans-Krawatten-Look, damit auch der Glaube an die neue Generation verschwindet. Und auf der britischen Version starrt Nicole Kidman wie ein angeblitzter Rehbock aus einem Türrahmen. Zunächst aber blinken im Gehirn Fehlermeldungen wegen des banalen Stylings: eine komische Omi-Jeans mit einem sportlichen Top von Stella McCartney, das soll Lust auf neue Mode machen?September 2026 Ausgabe der British Vogue Foto: Vogue/Steven MeiselEtwas gestrig wirkt das Setting der Fotostrecke, ein Salon mit kostbarem Teppich, Vasen und Tapeten, so wie bei einer der reichen Damen, für die eine Homestory in Vogue früher Lebensziel war. Wieder auf der Sonnenliege einschlafen kann man aber trotzdem nicht. Ist dieses Gesicht das Ergebnis mieser KI-Retusche, eines Facelifts, oder ist hier sowieso alles ironisch gemeint? Der große Steven Meisel veröffentlichte allerdings schon 2012 eine ähnliche Fotostrecke mit per Extremchirurgie gesichtsdeformierten Frauen. Seine dystopische Gesellschaftskritik von damals bewahrheitet sich nun unter dem gleichen Schriftzug, er selbst arbeitet längst für Zara. So schließt sich der Kreis, und der Zyklus der ehemaligen Stilbibel ist für immer abgeschlossen.Für ihn: Großwildjäger mit Loser-KomplexGute Magazincover sind ein Balanceakt zwischen Shock Value und Zeitgeist. Im Idealfall steht Muhammad Ali als pfeildurchbohrter Heiliger Sebastian auf dem Titel von Esquire (1968 im Zeitgeist des Vietnamkriegs) oder wenigstens Harry Styles im Gucci-Kleid auf Seite 1 der Vogue (2020, im Zeitgeist von Genderfluidität und #MeToo). Inzwischen spukt allerdings gendermäßig ein ganz neuer Vibe. Männer spritzen plötzlich Testosteron, gucken MMA-Kämpfe und finden ein bisschen Faschismus vielleicht doch gar nicht so schlecht. Schwerreiche Tech-Gründer raunen in Podcasts irgendwas von „maskuliner Energie“. Und damit zu Jeremy Strong, der in der Serie „Succession“ die bislang überzeugendste schwerreiche Loser-Figur des Jahrhunderts gespielt hat: den Milliardärssohn Kendall Roy. Jetzt zeigt er auf dem Cover der GQ, wie sich der neue Vibe in Mode übersetzt.September 2026 Ausgabe der GQ Foto: GQ/David LuraschiIn Hoodie und Wollanzug von Loro Piana präsentiert Strong einen sogenannten Compoundbogen, mit dem manche Männer neuerdings auf Großwildjagd gehen. Was wir hier sehen, ist sicher kein Amor, der Liebespfeile verschießt – sondern einer dieser neuen Kerle, die mit teuren, humorlosen Marken und teuren, humorlosen Hobbys ihren Loser-Komplex bekämpfen. Apropos: Vor ein paar Tagen ging ein Video viral, in dem Mark Zuckerberg in einem schwimmenden Boxring gegen einen MMA-Meister antritt. Beziehungsweise „antritt“. Der Meister fasst den Milliardär fast rührend sanft an und lässt sich schließlich sogar ins Wasser fallen. Und Jeremy Strong? Kommt bald mit einer neuen Rolle ins Kino – als Mark Zuckerberg. Dafür dürfte er, was man so hört, entweder einen Oscar gewinnen oder eine Goldene Himbeere. Auf jeden Fall ist es ein aussichtsreicher Kandidat für die zweitbeste schwerreiche Loser-Figur des Jahrhunderts.