Die Accessoires, die heimlich Frauen filmen: Das verflixte Geschäft mit den KI-BrillenMit Brillen von Meta und Co. lässt sich unbemerkt und pausenlos die Umgebung aufzeichnen. Verschiedene Organisationen sorgen sich um den Datenschutz und fordern ein Verbot. So auch in der Schweiz.22.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenHofft, dass seine Brillen die Technologie der Zukunft sind: der Meta-CEO Mark Zuckerberg.Carlos Barria / ReutersEs ist schon eine Weile her, dass Google als erster Tech-Konzern eine smarte Brille zu verkaufen wagte. Für das Jahr 2013 war es ein erstaunliches Gerät: Die Brille konnte Musik abspielen, fotografieren, filmen. Aber die Freude über die neue Technologie währte kurz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Gerät war mit 1500 Dollar zu teuer und erntete auch sonst Kritik. Viele sorgten sich wegen des Datenschutzes. So sehr, dass gar ein Schimpfwort entstand. Wer eine dieser Google-Brillen trug, wurde als «Glasshole» beschimpft. Brillenarschloch. Der Verkauf floppte, Google nahm die Brillen schnell wieder aus dem Sortiment.13 Jahre und zig schlaue Brillen später sorgen die neusten Modelle der Smart «Glasses» wieder für Bedenken beim Thema Datenschutz. Und diesmal sind die Brillen beliebt. Zum Beispiel jene von Meta, dem Konzern hinter Facebook, Instagram und Whatsapp. Sieben Millionen Stück hat Meta laut eigenen Angaben im vergangenen Jahr verkauft. Im Gegensatz zur Zahl der Smartphones und Smartwatches, die jährlich verkauft werden, sind das zwar sehr wenige. Doch es sind fast dreimal so viele, wie der Konzern in den beiden Jahren zuvor zusammen vertrieben hat.Wie eine gewöhnliche Brille von Ray BanFür das Design spannte Meta mit dem französisch-italienischen Konzern Essilor Luxottica, zu dem auch Ray-Ban gehört, zusammen. Metas Brillen haben deshalb die Form des bekannten Ray-Ban-Modells Wayfarer. Die Technologie darin ist bestens versteckt: Wer sich nicht auskennt, hat keine Ahnung, dass in diesen Brillen ein Computer steckt, der ununterbrochen zuhören und filmen kann.Während die einen damit begeistert durch die Strassen rennen, wachsen bei anderen die Bedenken. Was bedeutet das für die Privatsphäre?Klar ist: Der Markt für KI-Brillen wächst. In den USA hat Meta gerade eine neue Version der Meta-Brillen in den Verkauf gebracht. Die Brille hat im rechten Glas ein eingebautes Display. Man bedient es, indem man die Finger der rechten Hand bewegt. Ein Armband schickt die Befehle hoch zur Brille. Diese kann den Weg weisen, übersetzen, Einkaufszettel vorlesen. Am Ende geht es für die Tech-Konzerne heute auch darum, künstliche Intelligenz im Alltag tragbar zu machen. Davon erhoffen sie sich den nächsten grossen Gewinn.Noch hält Meta bei den Brillen einen Marktanteil von 80 Prozent. Doch es gibt zahlreiche andere Marken, die KI-Brillen verkaufen. Beim Schweizer Online-Händler Galaxus sind es neben den Brillen von Meta zum Beispiel Modelle der chinesischen Hersteller Xreal und Ray Neo. Auf Anfrage spricht Galaxus von einer «stark wachsenden, aber noch immer recht geringen» Nachfrage nach smarten Brillen.In diesem Jahr habe man im Zeitraum von Januar bis Juli eine kleine vierstellige Zahl solcher Brillen verkauft. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum habe sich die verkaufte Menge aber fast verdreifacht. Eine Ray-Ban-Meta-Brille der zweiten Generation kostet bei Galaxus 500 Franken. Man verbindet sie mit dem Handy und kann damit telefonieren, Musik hören, filmen. Bei einem Videocall lässt sich die Perspektive der Brille mit dem Gesprächspartner teilen. Ein eingebautes Display hat sie aber noch nicht. Dieses neueste Modell ist in Europa noch nicht zugelassen.«Glassholes»: Bei einer Entwicklerkonferenz in San Francisco tragen Teilnehmer 2013 die ersten Modelle der Google-Brillen.Justin Sullivan / GettyDie Männer, die jetzt alles filmenOhnehin ist es eine einfache Funktion dieser Brillen, die in den vergangenen Wochen auch in Europa für Aufregung sorgte: das Filmen. Datenschutzexperten fürchten, dass damit Personen bei Gesprächen vermehrt ohne ihre Zustimmung aufgenommen werden. Dazu kommt die Gefahr, dass diese Aufnahmen danach ohne Erlaubnis der gefilmten Person ins Internet gestellt werden können.Im Internet findet man Tausende Videos von Männern, die mit ihren Smart Glasses Frauen unbemerkt filmen; an der Uni, beim Sport, am Strand. Zum Teil demonstrieren sie, wie sie Frauen auf der Strasse ansprechen und nach ihrer Handynummer fragen. «Rizz» nennen sie diese Art der Belästigung.Zwar haben die Meta-Brillen auf der rechten Seite ein Lämpchen, das leuchtet, sobald gefilmt wird. Doch im Sonnenlicht sieht man das kaum. Und: Eine Abdeckung dafür kann man für ein paar Franken online bestellen. Auf Youtube erklären junge Männer, weshalb sie das Licht verschwinden lassen wollen. Wenn sie Frauen filmten, wollten sie ehrliche Reaktionen. Deshalb dürften die Personen auf keinen Fall wissen, dass sie gerade gefilmt werden. Es zerstöre die Show.Unklar ist, inwiefern die Firmen auf die Aufnahmen zugreifen und was sie damit machen können. Datenschutzexperten in den USA weisen warnend darauf hin, dass Meta die KI-Server mit all diesen Daten füttere. In zahlreichen Ländern gibt es nun Versuche, die Verwendung dieser Brillen einzuschränken. In einigen amerikanischen Gliedstaaten und in Grossbritannien ist es verboten, mit Meta-Brille ein Gericht zu betreten. Auch Kinobetreiber prüfen ähnliche Verbote.In Deutschland hat die Organisation für Menschenrechte im Netz, «Hate Aid», gegen Meta und eine Reihe von Händlern der Brillen geklagt, darunter Fielmann und Media-Markt. Die Organisation fordert ein Verbot des Wayfarer-Modells von Meta. Die Begründung: Laut dem Gesetz dürfen Geräte, die filmen könnten, nicht als Alltagsgegenstände getarnt sein.Wenn gefilmt wird, leuchtet das Lämpchen.Anke Waelischmiller / ImagoVerbot auch in der Schweiz gefordertAuch in der Schweiz ist ein Verbot der KI-Brillen ein Thema. Die Organisation «Digitale Gesellschaft» fordert in einem Beitrag von Mitte August ein «Verbot mit Erlaubnisvorbehalt». Ausnahmen soll es für Assistenzsysteme etwa für sehbehinderte oder kognitiv eingeschränkte Personen geben. Denn ihnen können diese Brillen unter Umständen den Alltag erleichtern. Die Stiftung für Konsumentenschutz sagt auf Anfrage, Fälle, bei denen Personen gegen ihren Willen gefilmt worden seien, seien dem Verein nicht bekannt. Trotzdem halte man bis zu einer wirksamen Regulierung ein Verkaufsverbot für den richtigen Weg. Denn aufgrund von Berichten aus dem Ausland gehe man davon aus, dass es solche Fälle gebe.Beim Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (Edöb) heisst es auf Anfrage, bislang seien zwar Nachfragen zur Anwendung der Brillen, aber noch keine Anzeige eingegangen. Im Tätigkeitsbericht des Edöb von Ende Juni steht, man prüfe laufend, inwieweit die im Handel angebotenen Modelle den Anforderungen der Datenschutzgesetzgebung entsprächen.Im Bericht heisst es ausserdem, der Edöb habe im Frühjahr eine Vorabklärung bei Meta durchgeführt. Anlass waren Medienberichte, wonach Meta die Einführung einer Gesichtserkennungsfunktion prüfe. Mit «Name Tag» hätten Personen anhand von Informationen, die über soziale Netzwerke wie Instagram oder Facebook verfügbar sind, identifiziert werden können. Meta habe dem Edöb danach bestätigt, eine Einführung der Funktion sei in der Schweiz derzeit nicht vorgesehen. Der Edöb schreibt, man behalte sich vor, aufsichtsrechtliche Schritte einzuleiten, sollte sich dies ändern.Eine Anpassung hat Meta an den heutigen Modellen schon vorgenommen: Zunächst war es laut Medienberichten wohl mit wenigen Handgriffen möglich, das Lämpchen an der Kamera zu entfernen und die Brille damit in «Ghost Mode», also in Inkognito-Modus zu versetzen. Der Service war im Netz vielfach angeboten worden. Ein Update soll dies nun verhindern. Würde das Lämpchen manipuliert, funktioniere die Kamera nicht mehr, teilt Meta mit.Noch sind die KI-Brillen ein Nischenprodukt. Die Tech-Konzerne arbeiten jedoch intensiv daran, dies zu ändern. Google plant eine Partnerschaft mit Samsung und der angesagten südkoreanischen Brillenmarke Gentle Monster. Deren Brille wird im Herbst in den USA erscheinen. Und Zuckerberg soll gemeinsam mit Prada eine Brille entworfen haben. «Dafür wirst du dein Handy weglegen wollen», heisst es in einem Werbespot von Meta. Aber wie viele Menschen statt mit Smartphone in der Hand bald mit Computer auf der Nase herumlaufen wollen, muss sich erst zeigen.Passend zum Artikel