Antiquariate sind wahre Fundgruben: Bibliophile Geister finden dort Schätze wie seltene Erstausgaben oder alte Atlanten, die man nicht einfach per Mausklick auf Amazon bestellen kann – und die selbst in gut sortierten Buchhandlungen vergriffen sind. Wer in den Regalen stöbert, stößt auf vergessene Autoren oder Exemplare aus privaten Bibliotheken, die noch mit Stempel und handschriftlichen Notizen versehen sind. Entsprechend kunstsinnig und speziell ist auch das Publikum, das Antiquariate frequentiert.

Antiquariate von Bestellungen aus USA überschwemmt

George Orwell, der von 1934 bis 1935 für ein paar Monate als Gehilfe in einer antiquarischen Buchhandlung in London arbeitete und seine Erfahrungen in dem Essay „Bookshop Memories“ (1936) verarbeitete, schrieb: „Es gibt zwei bekannte Arten von Plagegeistern, von denen jeder Antiquar heimgesucht wird. Die eine ist die heruntergekommene, nach alten Brotkrusten riechende Person, die jeden Tag, manchmal sogar mehrmals am Tag kommt und versucht, einem wertlose Bücher zu verkaufen. Die andere ist die Person, die große Mengen an Büchern bestellt, obwohl sie nicht im Geringsten die Absicht hat, dafür zu bezahlen.“

Orwells Prophezeiungen sind teilweise Wirklichkeit geworden. Und auch das, was er in seinen „Bookshop Memories“ festhielt, liest sich 90 Jahre später wie eine Beschreibung der Gegenwart und dem, was sich aktuell auf dem Gebrauchtmarkt für Bücher abspielt – nur, dass die Kundschaft aus aller Welt kommt und bereitwillig die Schatulle öffnet. Wie der Guardian kürzlich berichtete, erhalten Antiquariate in Großbritannien und Irland seit einigen Wochen auffällige Bestellungen aus den USA und Kanada. Zu den georderten Titeln gehören unter anderem Werke wie eine estnische Übersetzung von John le Carrés „The Mission Song“ sowie eine Ausgabe von Anne Brontës Roman „Agnes Grey“. Auch Nischiges wie Bücher über landwirtschaftliche Geräte im Afrika des 18. Jahrhunderts oder Biografien über Rennfahrer aus den 1950er Jahren landen auf den Bestelllisten. Auch in Australien werden Buchhändler mit Online-Bestellungen überhäuft. Nur: Welche Nerds lesen das alles?