Rolf Brehmer führt ein Kunstantiquariat in München. Mitte Mai erhielt der 83-Jährige eine Bestellung des kanadischen Unternehmens Zoom Books über die Amazon-Tochter AbeBooks, im Juni folgten zwei weitere. Die Annahme: Ein Tech-Konzern kauft die Werke, entfernt die Buchrücken und scannt die Seiten. Mit dem Wissen füttert es anschließend eine KI, während die zerstörten Bücher im Altpapier landen. Bei Brehmer bestellte AbeBooks unter anderem ein Essay von 1993 „Die geheimen Wunder des Reisens“, das Sachbuch „Zeremoniell in der Krise: Störung und Nostalgie“ von 1998 und einen Sammelband von Goethes Werken und Briefen von 1987.SZ: Herr Brehmer, an welcher Art von Büchern ist Zoom Books interessiert?Rolf Brehmer: Die Bestellungen sind sehr variabel, sie beinhalten Bücher aus dem Kulturbereich, der deutschen Geschichte, dem Sozialismus, dem Handwerk. Das ist eher nicht gehobene Literatur, sondern betrifft Werke, die ein Volk in seinem politischen Handeln sowie kulturellen Bewusstsein darstellen. Es handelt sich meist um kleinere, einfache Formate und Broschüren mit einem eher niedrigen Verkaufspreis. Für den Antiquar ist es erfreulich, für diese thematisch unterschiedlichen und leider wenig gesuchten Bücher einen Käufer zu haben.Urheberrecht:Am geistigen Eigentum bedientDie Gema hat ihren Prozess gegen Suno gewonnen: Sie konnte nachweisen, dass die KI an geschützten Werken trainiert wurde. Eine interaktive Rekonstruktion der Beweisführung – mithilfe von Helene Fischer und „Daddy Cool“.Zuletzt hieß es oft, die Tech-Firmen raubten die Antiquariate aus, um ihre KI zu füttern. Das ist völliger Unsinn. Denn letztendlich wird von einem Titel immer nur ein Exemplar gekauft, von manchen Titeln gibt es viele Hunderte. Insofern ist es im Grunde keine Vernichtung von Wissen oder Kulturgut, zumindest, was den haptischen Besitz betrifft, sondern ein Zusammenraffen aller Themen, jeweils mithilfe eines einzigen Exemplars. Das wirkt sich weder auf einzelne Antiquariate noch auf den gesamten „Kulturbestand Buch“ wirklich aus, und ein Vergleich mit den Bücherverbrennungen im Dritten Reich ist wirklich Quatsch. Die eigentliche Frage ist: Welche Absicht steckt dahinter, wenn ein Konzern sich die Mühe macht, Millionen Bücher anzukaufen, zu scannen und anschließend zu vernichten?Was ist Ihre Antwort darauf?Ich sehe in dieser Aktion, wie in vielen anderen Datensammlungen, die Gefahr, dass irgendwann ein Konzern oder eine Regierung einer schon stark digital gesteuerten Bevölkerung die geistigen Aktivitäten im Bereich Literatur und Zeitgeschichte vorgibt und damit die kulturelle und emotionale Entwicklung beeinflusst – bis hin zur monopolisierten Meinungssteuerung. Diese mächtigen Konzerne machen das ja nicht zum Spaß und auch nicht aus Liebe zur oder Achtung vor der Kultur.Die Bearbeitung der Bestellungen von Zoom Books, verbunden mit einem Versand in die USA haben Sie verweigert. Wieso?Die Kosten wären zu hoch gewesen. Und die seitens der Trump-Administration verschärfte Zollregelung machte den Versand wegen enormer Zollauflagen und dem damit verbundenem Mehraufwand zusätzlich unmöglich. Ich bin ja nur ein kleiner Antiquar.Also haben Sie die Bücher nicht an Zoom Books verkauft?Doch, denn Zoom Books hat aufgrund der Ablehnung seitens vieler anderer Antiquariate hier in Deutschland eine Außenstelle eingerichtet. Somit war für die erneuten und identischen Buchbestellungen der Versand innerhalb von Deutschland möglich. Außerdem: Jemand, der mehrere Bücher auf einmal bestellt, ist für mich als Antiquar ja in erster Linie ein guter Kunde, ein Glücksfall gar. Wenn durch so einen Kauf dann vielleicht 200 Euro zusammenkommen, ist es wirtschaftlich eine sehr gute Sache. Die politische oder gesellschaftliche Absicht ist für mich als Verkäufer erst mal nicht relevant.Erst kürzlich berichteten zahlreiche Medien über den Konzern Anthropic, der 1,5 Milliarden Dollar an Autoren zahlen muss, weil er insgesamt sieben Millionen Bücher illegal heruntergeladen hat. Die Firma wird inzwischen von Investoren mit 965 Milliarden US-Dollar bewertet. Wie stehen Sie dazu?Ich sehe mit großem Bedauern, dass die Firma schamlos das Wissen aufgreift, verwertet und damit reich wird, ohne irgendwelche Rechte darauf zu haben. Der Prozess ist eine Bestätigung, dass dieser mächtige Konzern ein Vergehen begangen hat – und eine zu milde Strafe mit links bezahlt.
KI-Training mit alten Büchern: Ein Münchner Antiquar im Interview
Techunternehmen kaufen tonnenweise alte Bücher, um die KI damit zu füttern. Ein deutscher Antiquar profitiert davon - und ist dennoch skeptisch.














