Die älteste Bank der Welt hört nicht auf zu überraschen. Im Herbst hatte das italienische Bankhaus Monte dei Paschi di Siena (MPS) für eine weit über die Landesgrenzen hinausgehende Überraschung gesorgt, als sie sich mit dem heimischen Konkurrenten Mediobanca die führende Investmentbank Italiens einverleibte, einschließlich deren lukrativen 13-Prozent-Anteil am Versicherer Generali. Nun greift MPS in einem ungewöhnlichen Schritt gleichzeitig nach zwei anderen Banken: Banco BPM und Banca Generali.Am Freitag hat das Finanzunternehmen aus der toskanischen Provinzhauptstadt, das an der Börse nach Unicredit und Intesa Sanpaolo die drittgrößte Bank Italiens ist, ein entsprechendes Übernahmeangebot vorgelegt. Es besteht weitgehend aus MPS-Aktien und bewertet BPM mit 25,3 Milliarden Euro und Banca Generali mit 8,7 Milliarden Euro. Nach MPS-Angaben entstünde damit die drittgrößte Bank Italiens mit einer gemeinsamen Bilanzsumme von 466 Milliarden Euro und einem verwalteten Finanzvermögen von 810 Milliarden Euro. Die neue Bank würde zu den zehn größten Anbietern Europas gehören, erklärt MPS.MPS-Chef Lovaglio wehrt sich gegen die ZerschlagungDer Vorstoß, der wesentlich auf die Initiative des MPS-Vorstandsvorsitzenden Luigi Lovaglio zurückgeht, ist indes ein Zug mit einem Ziel – die Übernahme von MPS durch den italienischen Marktführer Intesa Sanpaolo zu verhindern. Dieser hatte Anfang Juni eine Offerte in Höhe von 31 Milliarden Euro für die Bank aus Siena vorgelegt.Aus Wettbewerbsgründen könnte Intesa MPS jedoch nicht ganz behalten, sondern will rund die Hälfte der 1200 Filialen sowie die Marke MPS mit wichtigen Zentralfunktionen an den italienischen Versicherer Unipol abgeben. Dieser würde mit dem MPS-Geschäft gern das Netz seiner Bank BPER stärken, wo Unipol größter Aktionär ist. Interessiert ist Intesa somit vor allem an der MPS-Tochtergesellschaft Mediobanca, am MPS-Vermögensverwaltungsgeschäft sowie am Generali-Anteil über 13 Prozent.Die Intesa-Offerte würde somit die Zerschlagung der im Jahr 1472 in Siena gegründeten Bank bedeuten. Kein Wunder, dass damit Emotionen sowie Ängste vor Traditions- und Identitätsverlust hochkommen. Dass kommunale und regionale Entscheidungsträger sich gegen das Ende von MPS in seiner heutigen Form wandten, war keine Überraschung. Doch nun hat sich auch die Politik auf landesweiter Ebene eingeschaltet.Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sowie der Vizepremier und Chef der Regierungspartei Lega, Matteo Salvini, hoffen nach eigenen Worten, dass MPS in Gänze erhalten bleibt. Einigen Vertretern des rechten politischen Lagers missfällt bei der Intesa-Offerte ohnehin, dass dabei der Versicherer Unipol und seine Bank BPER gestärkt würden, denn sie stammen aus der Genossenschaftsbewegung und werden heute noch dem linken Lager zugerechnet.Meloni will eine dritte Bankengruppe hinter Intesa und UnicreditDie Regierung Meloni hat in den vergangenen Jahren zudem darauf hingearbeitet, nicht die beiden großen Marktführer Intesa Sanpaolo und Unicredit zu stärken, sondern eine dritte Bankengruppe entstehen zu lassen. Daher hat Finanzminister Giancarlo Giorgetti Unicredit im vergangenen Jahr faktisch die Übernahme von BPM untersagt. Ob die Regierung Meloni wieder zu einer ähnlich harten Intervention bereit wäre, bleibt offen. Der Aktienanteil des Staates an MPS, der die toskanische Bank vor einigen Jahren mit Milliarden-Subventionen vor dem Untergang gerettet hat, ist unter fünf Prozent gesunken.Wenn der MPS-Coup gelingen würde, hätte auf jeden Fall der MPS-Chef, der Einundsiebzigjährige Lovaglio, abermals seinen Kopf aus der Schlinge gezogen. In diesem Jahr hatte ihn der MPS-Verwaltungsrat bereits einmal faktisch vor die Tür gesetzt. Doch nach einer turbulenten Hauptversammlung im April, die die Machtverhältnisse bei MPS klärte und den Verwaltungsrat neu besetzte, wurde er wieder in sein Amt gehoben.MPS müsste drei Banken gleichzeitig integrierenDie nun angekündigte Doppelofferte wäre indes mit erheblichen Exekutionsrisiken behaftet, bemerken die Analysten des Brokerhauses Equita in Mailand, denn MPS hat die Integration von Mediobanca noch nicht abgeschlossen und müsste sich gleichzeitig mit zwei weiteren großen Häusern verschmelzen. „Das wäre ein viel komplizierterer Prozess als eine Übernahme durch Intesa“, notiert Andrea Lisi von Equita.Die von MPS im Zusammenhang mit den angepeilten Akquisitionen vorgegebenen Einsparungen von 1,8 Milliarden Euro, die bis 2029 erreicht werden sollen, gelten als ehrgeizig. Nicht umsonst hat sich der MPS-Verwaltungsrat nicht einstimmig für die jüngste Doppelofferte ausgesprochen; vier Mitglieder machten durch Stimmenthaltung ihre Opposition deutlich.Eine weitere Hürde ist für MPS auch die Zustimmung von BPM. Die Führung der Bank, die aus der Fusion von Genossenschaftsbanken in Venetien und der Lombardei entstanden ist, hatte kürzlich zwar selbst eine Fusion unter Gleichen mit MPS vorgeschlagen. Doch diese Offerte zog die Bank Anfang August zurück. Der BPM-Großaktionär Crédit Agricole, der rund 30 Prozent hält, hat für die Kehrtwende gesorgt. Ob er sich von MPS nun überzeugen lässt, bleibt abzuwarten.Möglich, wenn nicht wahrscheinlich, ist nun eine Antwort von Intesa Sanpaolo in Form einer Preiserhöhung. Derzeit enthält das Intesa-Angebot neben 1,6 Intesa-Aktien einen Euro in bar für jeden MPS-Anteilsschein. Nun bietet aber auch MPS eine Sonderdividende für die eigenen Aktionäre, damit sie von Intesa fernbleiben: Vier Milliarden Euro will die Bank aus Siena an ihre Aktionäre ausschütten, davon eine Milliarde Euro in bar. Die anderen drei Milliarden Euro soll die Übertragung von Generali-Aktien an die MPS-Aktionäre bringen. MPS würde seine über Mediobanca gehaltene Beteiligung an dem Versicherer somit von 13 auf neun Prozent verringern.