Übernahmewelle auf dem Höhepunkt: Der italienische Finanzplatz setzt zum grossen Showdown anDie Banken Intesa und BPM buhlen um Monte dei Paschi di Siena (MPS), die älteste Bank der Welt. Ein neuer europäischer Bankenriese könnte entstehen.09.06.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten1472 gegründet und heute eine begehrte Braut auf Italiens Finanzplatz: Eingang zum historischen Hauptsitz der Bank Monte dei Paschi di Siena (MPS).Jennifer Lorenzini / ReutersIst es schon das Finale, «die endgültige Neuordnung der Machtverhältnisse in der Finanzwelt», wie der «Corriere della Sera» schreibt? Oder doch erst der «zweite Akt», wie die «Repubblica» vermutet?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Man weiss es nicht so genau. Noch nicht. Die grosse Konsolidierungs- und Übernahmewelle in der Bankenbranche in Italien, das «risiko bancario», wie sie es hier nennen, gebiert jedenfalls stets neue Schlagzeilen. Die jüngste: Gleich zwei grosse Player auf dem italienischen Finanzplatz, Intesa Sanpaolo und BPM (Banca Popolare di Milano), buhlen um das Sieneser Institut Monte dei Paschi di Siena, kurz MPS.Am Sonntag haben nacheinander die Verwaltungsräte der beiden Banken Angebote für MPS lanciert. BPM möchte mit MPS fusionieren und damit «einen neuen nationalen Marktführer schaffen», wie es in einer Verlautbarung vom Sonntag heisst.Zweitgrösste Bankengruppe der Euro-ZoneWenige Stunden später folgte die Mitteilung von Intesa. Sie ist etwas komplizierter. Intesa Sanpaolo unterbreitet den MPS-Aktionären ein Übernahmeangebot und schlägt in einem gemeinsamen Vorstoss mit dem Versicherer Unipol einen Deal vor, welcher allfälligen wettbewerbsrechtlichen Einwänden Rechnung tragen soll.Danach soll die Banca BPER, deren grösster Anteilseigner Unipol ist, die Marke MPS, über 635 der Filialen und den Grossteil der zentralen Funktionen von MPS übernehmen. Intesa Sanpaolo wiederum würde sich aus dem MPS-Imperium das Juwel Mediobanca, die erste italienische Adresse im Investment Banking, herausschneiden und einverleiben. Insgesamt würde aus dieser Operation die nach Marktkapitalisierung (rund 126 Milliarden Euro) zweitgrösste börsenkotierte Bankengruppe der Euro-Zone entstehen.Die Aktionäre reagieren positiv auf die Nachrichten. Die MPS-Titel haben an der Mailänder Börse bis Montagnachmittag mit einem Plus von rund zwölf Prozent auf die Ankündigungen reagiert.Vom Sanierungsfall zur begehrten BrautDass ausgerechnet MPS, die älteste noch existierende Bank der Welt, derzeit die wohl begehrteste Braut auf dem italienischen Finanzplatz ist, ist bemerkenswert. Noch vor wenigen Jahren war MPS ein Sanierungsfall und stand am Abgrund. 2017 musste das 1472 gegründete traditionsreiche Sieneser Institut vom Staat gerettet werden. Die damalige Regierung unter Paolo Gentiloni bewilligte im Einvernehmen mit der EU eine Kapitalspritze von 5,4 Milliarden Euro. Das Wirtschafts- und Finanzministerium in Rom wurde zum Mehrheitsaktionär in Siena.Dann ging es langsam wieder aufwärts. Der seit 2022 als CEO amtierende Bankmanager Luigi Lovaglio baute Personal ab, es kam zu Filialschliessungen, zur Beseitigung von faulen Krediten und zu wichtigen Investitionen im Digitalbereich. Der Turnaround gelang, der Staat konnte seine Beteiligung schrittweise zurückfahren. Heute liegt sie bei noch 4,9 Prozent.Als Lovaglio sich dann anschickte, die noble und wesentlich grössere Mailänder Mediobanca zu übernehmen, waren Branchenkenner zunächst skeptisch. Doch der Coup gelang – auch, weil die Regierung in Rom das Vorhaben mit Nachdruck und viel Wohlwollen unterstützte.Die Regierung von Giorgia Meloni kam damit ihrem Ziel ein Stück näher, hinter den beiden Riesen Intesa Sanpaolo und Unicredit einen dritten Bankenpol in Italien zu schaffen. «Alle Wege führen nach Siena», sagte Lovaglio noch vor wenigen Wochen. Er selbst war zuvor unter starken Druck geraten, konnte sich aber schliesslich an der Spitze von MPS halten.Wie man jetzt weiss, war das alles nur der Auftakt zu weiteren Konsolidierungsschritten. «Der vergangene Sonntag wird als einer der turbulentesten in der Geschichte der italienischen Finanzwelt in Erinnerung bleiben», schreibt Ferruccio de Bortoli im «Corriere della Sera». De Bortoli ist einer der führenden Wirtschaftsjournalisten des Landes.Er glaubt, dass hinter den Ankündigungen vom Wochenende wichtige strategische Ziele stehen. Im Zentrum steht die Zukunft des Versicherungsriesen Generali. Über Mediobanca hält MPS 13 Prozent an Generali. Mit einer Übernahme von MPS würde Intesa somit zum wichtigsten Aktionär des Versicherungskonzerns aus Triest. Es entstünde damit, so de Bortoli, ein Konglomerat, das einen Grossteil der italienischen Ersparnisse verwalten würde und selbst für einen starken ausländischen Akteur kaum zu übernehmen wäre.Das dürfte wohl auch der Grund sein, warum die Regierung in Rom das Angebot von Intesa laut Medienberichten derzeit mit einigem Wohlwollen betrachtet. Melonis Koalitionspartner Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Lega und mit ihm Finanzminister Giancarlo Giorgetti sollen zwar dem Traum vom «dritten Pol» immer noch nachhängen, doch die Regierungschefin Meloni plädiert offenbar für eine strenge Auslegung des Konzepts der «italianità». Sie macht geltend, dass der Konkurrent BPM, der auch ein Auge auf MPS geworfen hat, mit der Bank Crédit Agricole einen mächtigen französischen Anteilseigner hat. Der Crédit Agricole hält 22,8 Prozent an BPM.Was tut Andrea Orcel?Carlo Messina, CEO von Intesa Sanpaolo.Yara Nardi / ReutersMit der Ankündigung vom Sonntagabend tritt nun im Übrigen ein Mann ins Rampenlicht, der sich angesichts der vielen Turbulenzen bisher meist zurückgehalten hat: Carlo Messina, CEO von Intesa Sanpaolo. Er steht zwar an der Spitze des grössten italienischen Finanzinstituts, hat aber in letzter Zeit stets Andrea Orcel von Unicredit den Vortritt gelassen – ob freiwillig oder unfreiwillig, bleibe dahingestellt.Jedenfalls war es Orcel, der die Szene dominierte. Mit seinem Plan, die deutsche Commerzbank zu übernehmen, sorgte der frühere UBS-Manager nördlich und südlich der Alpen für dicke Schlagzeilen. Nun stiehlt ihm plötzlich der 64-jährige Messina die Show – zu Hause.Man kann aber davon ausgehen, dass sich Orcel auch hier wieder in Szene setzen wird. Seine Unicredit hält mit 9 Prozent ebenfalls eine wichtige Position bei Generali. Was er damit macht und welche Strategie sein Bankhaus beim Versicherer aus Triest verfolgt, ist derzeit das Gesprächsthema auf dem italienischen Finanzplatz. Ob er Messina herausfordert? Man wisse bei Orcel nie, sagen Beobachter, was er als Nächstes tun werde.Andrea Orcel, CEO von Unicredit.Remo Casilli / ReutersPassend zum Artikel