Das Abstimmungsergebnis war mehr als eindeutig. 312 Abgeordnete stimmten am Mittwoch für die Ernennung von Jewhenij Chmara zum Verteidigungsminister, nur zwei votierten gegen ihn. Es ist bereits der vierte Wechsel auf diesem Posten seit Kriegsbeginn. Doch Chmaras Ergebnis sticht heraus. Manchmal scheitert die Fraktion von Präsident Wolodymyr Selenskyjs Partei „Diener des Volkes“ schon daran, die nötigen 226 Stimmen für Gesetze oder Ernennungen zusammenzukratzen, obwohl ihr aktuell 229 Abgeordnete angehören. Für die Ernennung des Außenministers kamen am selben Tag nur 266 Stimmen zusammen. Selbst erbitterte Feinde des Präsidenten schlugen sich auf die Seite Chmaras; auch die Abgeordneten des früheren Präsidenten Petro Poroschenko stimmten fast alle für ihn.Und das, obwohl der im Juli geschasste Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow alles dafür tat, um in sein Amt zurückkehren zu dürfen. Wochenlang hatten seine Anhänger gegen die Entlassung protestiert. Fedorow selbst lehnte ein Angebot Selenskyjs für einen anderen Regierungsposten ab, bestand auf einer Rückkehr an die Spitze des Verteidigungsministeriums. Am Vorabend der Abstimmung veröffentlichte er gar ein Video, in dem er Wahlen noch während des Krieges forderte und die Korruption kritisierte.Keinerlei politische ErfahrungChmara, der schon ein paar Wochen geschäftsführend im Amt war, stellte dem Parlament seine Prioritäten vor. „Durch transparente Verfahren und ohne unnötige Bürokratie“ werde man die Beschaffung künftig am Bedarf der Front ausrichten und nicht an „Partikularinteressen“. Die Rüstungsindustrie sei die „Grundlage unserer Stärke“, daher werde man sie weiterentwickeln und die Produktion steigern. Eine Priorität seien dabei Drohnen mittlerer und großer Reichweite.Es war eine seiner ersten öffentlichen Reden, denn Jewhenij Chmara hat keinerlei politische Erfahrung. Nicht einmal sein Alter und Informationen über seine Ausbildung sind der Öffentlichkeit bekannt. Als Generalmajor des Inlandsgeheimdienstes SBU diente er im Sondereinsatzzentrum „Alpha“. Die Einheit war etwa für die sogenannte Operation „Spinnennetz“ verantwortlich: Im Juni 2025 zerstörten ukrainische Geheimdienstler mehrere russische Bomber auf Flugfeldern tief in Russland. Die eingesetzten Drohnen wurden von Lastwagen gestartet, die unbemerkt in die Nähe der Flugplätze gebracht worden waren.Chmara war 2022 auch an der Befreiung der Schlangeninsel im Schwarzen Meer beteiligt. Präsident Selenskyj machte ihn im Januar 2026 geschäftsführend zum Chef des Inlandsgeheimdiensts. Um zum Verteidigungsminister ernannt zu werden, musste Chmara aus dem Militärdienst ausscheiden. Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass das Amt von einem Zivilisten bekleidet werden muss.