Am Donnerstagabend verkündete der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, dass Jewhenij Chmara das Verteidigungsministerium vorerst kommissarisch leiten soll. Der politisch bisher nicht in der Öffentlichkeit stehende Generalmajor ist erst seit Januar kommissarisch Chef des Inlandsgeheimdienstes SBU.Dort leitete er zuvor das Alpha Special Operations Center, das für die Bekämpfung von Terrorismus sowie für Sonderoperationen verantwortlich ist. Zugleich spielt „Alpha“, wie es in der Ukraine kurz genannt wird, eine Schlüsselrolle bei Langstreckenangriffen auf militärische Einrichtungen, Raffinerien sowie die Öl- und Gasinfrastruktur Russlands. Diese Erfahrung dürfte eine entscheidende Rolle bei seiner Auswahl gespielt haben.„Es ist entscheidend, dass es eine strategische Vision für die anhaltenden aktiven Bemühungen der Ukraine gibt, unsere Unabhängigkeit zu verteidigen und Russland zur Diplomatie zu zwingen“, erklärte Selenskyj. Jewhenij Khmara habe umfangreiche und in vielerlei Hinsicht beispiellose Erfahrungen mit technologischen Kampfeinsätzen gesammelt.Asymmetrische Angriffe versus Sowjet-StilDenn Fedorows Strategie war genau das: Er zielte darauf ab, die deutlich größere russische Armee mit Hilfe asymmetrischer Angriffe zu kontern. Dazu setzte er vor allem auf technologische Innovation wie Langstreckendrohnen, effizientes Management und unkonventionelles Denken, scheiterte damit aber am Machtkampf mit der ukrainischen Militärführung, die noch an denselben sowjetischen Militärakademien ausgebildet wurde wie ihre russischen Gegner.Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 war Chmara an der Befreiung des Gebiets Kiew sowie an Operationen im Donbass beteiligt. Zudem führte er im Juni 2022 die Operation zur Befreiung der Schlangeninsel am Donaudelta an, die ein symbolischer Erfolg der Ukraine war und dem Land den Seeweg über das Schwarze Meer wieder frei machte.Grundkonflikt nicht behobenSelenskyj versicherte, dass Chmara „alle aktiven Programme weiter umsetzen“ werde, welche die ukrainischen Streitkräfte stärken sollen. Konkret nannte er die direkte Finanzierung von Kampfeinheiten, eine faire Personalverteilung sowie die „maximale Bereitstellung unbemannter Bodenfahrzeuge und aller Arten von Drohnen“. Dies alles sind Punkte, die Fedorow als Minister angeschoben und entwickelt hatte.Viele Ukrainer hatten große Hoffnungen in Fedorow gesetzt, weil er versprochen hatte, das von vielen als äußerst ungerecht empfundene Rekrutierungssystem zu reformieren. Vor allem an diesem Punkt war er in Konflikt mit der Armeeführung um Oberbefehlshaber Olexandr Syrskyj geraten, der vor allem auf mehr Personal und eine Führung durch Befehl und Gehorsam setzt. Selenskyj, der sich in dem Machtkampf an die Seite Syrskyjs gestellt hatte, ging darauf bei der Vorstellung Chmaras nicht ein.Stattdessen erklärte er, „sobald die notwendigen rechtlichen Verfahren abgeschlossen sind“, die Abgeordneten um Unterstützung für Chmara zu bitten. In der Ukraine hat der Präsident das Vorschlagsrecht für die Besetzung des Außen- und Verteidigungsministeriums sowie für das Amt des Ministerpräsidenten. Letzterer heißt Serhij Koretzkyj und wurde am Donnerstag als Nachfolger von Julija Swyrydenko gewählt. Auch die Ernennung von sechzehn weiteren Ministern bestätigte das Parlament gestern.Aufgrund des Unmuts gegen Fedorows Entlassung, den auch eine Reihe der Abgeordneten aus Selenskyjs Partei teilen, stellte er Chmara am Donnerstag nicht zur Abstimmung. So bleibt, mitten im Verteidigungskampf gegen Russland, eines der wichtigsten Ämter lediglich kommissarisch besetzt.