Tausende Migranten harren in der spanischen Exklave in Afrika aus. Die Bewohner sind mit ihrer Kraft am Ende. Besuch in einer Stadt am Rande des Nervenzusammenbruchs.Über dem Strand von Trampolín ist gerade erst die Sonne aufgegangen – da rückt schon die Polizei an. Mit Mannschaftswagen, Baggern und Lastwagen kommen die Beamten, um den Küstenabschnitt nordwestlich des Zentrums von Ceuta zu räumen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In den letzten Wochen hatte es hier ausgesehen wie in einem Slum: Tausende Migranten aus Afrika und dem Nahen Osten campierten unter freiem Himmel. Nachts loderten die Feuer, sogar einen kleinen Markt gab es.Nun soll die illegale Hüttenstadt am Meer verschwinden. Am frühen Morgen lassen die Polizisten die unzähligen jungen Männer in Badelatschen und T-Shirts wie zum Appell antreten.«Wir wissen nicht, wo sie uns jetzt hinbringen», sagt Malli, ein Senegalese, der gemeinsam mit seinem Bruder hierher geflohen ist und seit Wochen feststeckt. Zuvor war er tagelang durch die Wüste marschiert und am 31. Juli zusammen mit Tausenden anderen durchs Meer geschwommen.«Ich will eine bessere Zukunft in Europa», sagt der 21-Jährige, der zu Hause in Dakar in einer Aluminiumfabrik gearbeitet hat.Polizisten räumen den Strand von Trampolín in Ceuta. Seit Wochen campieren hier Tausende Migranten.Flüchtlinge auf dem Weg in ein provisorisches Aufnahmezentrum. In Ceuta herrscht seit Wochen Ausnahmezustand.Nach wie vor ist die Stadt voller GestrandeterCeuta, die winzige spanische Exklave in Afrika, ist für ihn wie für so viele andere hier zu einer Sackgasse geworden. Doch Malli will nicht aufgeben. Er habe immer noch die Hoffnung, es nach Europa zu schaffen, sagt er.Wenig später marschieren Tausende Migranten, eskortiert von Polizisten, wie eine Kolonne Kriegsgefangener durch die Strassen Ceutas. Ihr Ziel: ein provisorisches Auffanglager, das nur aus einer offenen Halle, einer Mauer und ein paar Zementsäcken zu bestehen scheint.Als die Polizisten hinter ihnen das Metalltor schliessen, herrscht vorerst Ruhe. Gelöst ist das Problem damit aber noch lange nicht.Denn fast einen Monat nach dem grossen Sturm auf Europas Aussengrenze herrscht in der kleinen Stadt jenseits der Strasse von Gibraltar immer noch Ausnahmezustand.Laut Angaben der spanischen Regierung sollten eigentlich fast alle der rund 80 000 Migranten wieder zurück in Marokko sein. Doch ein Besuch in der Exklave zeigt, dass das unmöglich der Fall sein kann.Nach wie vor ist die Stadt voller Gestrandeter. Überall sieht man zumeist junge Männer mit Plastiktüten auf der Suche nach einer Bleibe. Sie schlafen in Parks, unter Bäumen, im Gebüsch, in Hauseingängen und im Wald.Afrikanische Migranten in Ceuta. Bis zu 80 000 Menschen sollen vor knapp einem Monaten hier von Marokko her die europäische Aussengrenze überwunden haben.Polizisten sammeln Migranten in Ceuta. Die spanische Mittelmeerstadt gegenüber von Gibraltar ist mit dem Ansturm komplett überfordert.«Wir fühlen uns komplett überrumpelt»Ceuta gleicht einem gewaltigen Flüchtlingslager. In der Industriezone Tarajal etwa hat sich eine regelrechte Armenstadt gebildet. Auch viele Minderjährige sind hier, sogar allein reisende Mädchen.Spanien kann die Jugendlichen nicht einfach so zurückschicken und hat deshalb beschlossen, fünfhundert von ihnen aufs Festland zu repatriieren. Das löst nun beim Rest der erschöpften Migranten ebenfalls neue Hoffnung aus.Die meisten erzählen ähnliche Geschichten: Die Senegalesen haben wochenlange Fussmärsche durch die Wüste hinter sich. Die Marokkaner sind vor der schlechten Wirtschaftslage geflohen.«Zu Hause gibt es keine Arbeit, die Verhältnisse in unserem Land sind ungerecht», sagt Kamal, der jetzt ebenfalls in Tarajal lebt. «Marokko baut teure Stadien für die Fussball-WM 2030. Wir einfachen Leute sind der Regierung hingegen egal.»Der Marokkaner Kamal ist einer der Migranten. In seiner Heimat sehe er keine Zukunft, sagt er.Inzwischen ist Mittag. Im Stadtzentrum von Ceuta ist von der seit Wochen andauernden Krise auf den ersten Blick wenig zu sehen. Die Leute sitzen auf den Plätzen unter Palmen in Cafés, trinken Bier und essen Tapas.Die Bewohner sind eigentlich stolz auf ihre Stadt.Doch die Stimmung ist mies. «Wir fühlen uns komplett überrumpelt», sagt Carlos, ein Arzt, der nicht fotografiert werden will und nur seinen Vornamen nennt. Mit zwei Kollegen isst er hier zu Mittag.Vor allem die sanitären Zustände machen ihm und seinen Freunden zu schaffen. In den überfüllten Unterkünften und an den Stränden würden sich Krankheiten und Seuchen ausbreiten. Zudem käme es zu Gewalt und Vergewaltigungen.Ärzte des spanischen Roten Kreuzes versorgen Flüchtlinge. In der Stadt herrschen zum Teil katastrophale Zustände.Viele der Migranten leiden unter Hautausschlägen. An den überfüllten Stränden machen sich zudem Seuchen breit.«Viele Leute haben Angst», sagt Laura, eine von Carlos’ Kolleginnen. «Sie lassen ihre Kinder nicht mehr nach draussen gehen und fürchten sich vor der Unsicherheit. Inzwischen denken manche Leute sogar darüber nach, wegzuziehen.»Dabei sind die Bewohner Ceutas eigentlich stolz auf ihre Stadt, die seit 1580 zu Spanien gehört. In der 80 000-Einwohner-Gemeinde leben Christen und Muslime miteinander. Was alle vereint: Sie fühlen sich als Spanier.Umso wütender sind sie auf die Zentralregierung in Madrid, die laut den Leuten in Ceuta zu wenig unternommen hat. «Wir haben kaum Unterstützung bekommen und schieben dauernd Überstunden», sagt Carlos, der Arzt.Andere gehen noch weiter. «Pedro Sánchez ist ein Idiot, er lässt uns hängen», so schimpft ein Ladenbesitzer im Industrieviertel Tarajal, wo besonders viele Migranten gestrandet sind, über den Ministerpräsidenten.Der Mann, der selbst Muslim ist, will, dass vor allem die Marokkaner sofort zurückgeschickt werden. Die Tausende von Migranten aus dem Nachbarland haben kaum Aussicht auf Asyl. Viele Leute hier glauben daher, dass sie aus anderen Gründen hier seien.Gestrandete im Industriequartier Trarajal, unweit der Grenze zu Marokko. Die Gegend gleicht einem einzigen Armenhaus.Marokkanische Männer am Strand von Ceuta. Die Bewohner der Exklave fühlen sich von der spanischen Regierung im Stich gelassen.Opfer eines KomplottsMarokko habe es auf Ceuta abgesehen, sagen manche. Andere fühlen sich als Opfer eines geopolitischen Komplotts gegen Spanien. «Die Flüchtlinge sind doch nur Schachfiguren», sagt Abdelsalam Mohammed, ein Aktivist aus dem Arbeiterviertel Hadu.Der 64-Jährige hilft bedürftigen Familien in Ceuta. Jetzt kümmert er sich um die Migranten, die hier zwischen tristen Plattenbauten gestrandet sind. Es gehe ihm um Menschlichkeit. «Zudem landen die meisten von ihnen in Vierteln wie hier und nicht unten im Stadtzentrum.»Carlos, der Arzt, hat dafür eine mögliche Erklärung. Manche der Einwohner in Ceuta zeigten sich eben aufgeschlossener gegenüber den Neuankömmlingen als andere, sagt er. Droht die Krise nun auch Gräben in der Stadt selbst aufzureissen?Nach aussen hin geben sich die Bewohner einig. Als spanische Rechtsextreme nach Ceuta kommen, um aus der Krise Kapital zu schlagen, werden sie lautstark vertrieben. Aber auch hier wählen inzwischen viele Vox, die Rechtsaussenpartei.Inzwischen entlädt sich der Frust auch gegen einzelne Orte, wo Flüchtlinge untergekommen sind. So wird ein improvisiertes Auffanglager für Frauen und Kinder laut den Insassen immer wieder mit Steinen beworfen.In dem Lager im Viertel Reina zeigt sich, wie dramatisch die Lage in der Küstenstadt inzwischen ist. Die mehr als dreihundert Frauen und Minderjährigen hier gehören zu den Verletzlichsten. Viele sind ohne ihre Männer gekommen.Abdesalam Mohammed betreibt in Ceuta eine kleine Hilfsorganisation. Er glaubt, Marokko habe die Migranten extra durchgelassen.Unter den Flüchtlingen sind auch Frauen und Minderjährige. Sie sind besonders gefährdet.«Unsere Männer übernehmen keine Verantwortung»Draussen auf den Strassen und in den Wäldern gelten die meist jungen Frauen daher als Freiwild. Immer wieder komme es zu Vergewaltigungen und Belästigungen durch andere Flüchtlinge, berichten sie.Inzwischen ist es später Nachmittag, die Sonne taucht das Mini-Lager in ein goldenes Licht. Ein paar Frauen fegen den Boden, andere räumen den Müll weg. Im Gegensatz zu den Orten, wo die Männer schlafen, ist es hier sauber.«Viele unserer Männer sind eben nicht fähig, Verantwortung zu übernehmen», sagt eine Marokkanerin, die allein hergekommen ist. «Wir sind anders. Wir würden Spanien etwas zurückgeben.»Organisiert wird das Lager von Abdallah Mustafa, dem lokalen Ortsvorsteher. Der 26-Jährige ist genauso müde wie alle anderen Einwohner von Ceuta. So könne es einfach nicht mehr weitergehen: «Wir hatten hier immer Neuankömmlinge. Aber das ist zu viel, das können wir nicht stemmen.»Wie so viele will auch er, dass vor allem die Marokkaner wieder zurückgehen. Doch an der Grenze, wo bis vor kurzem noch freiwillige Rückführungen stattfanden, ist kaum jemand zu sehen. Wie überall in Ceuta stehen auch hier überall Militärfahrzeuge herum.Vor dem nahen Strand, wo vor drei Wochen noch Zehntausende aus dem Meer gestiegen sind, patrouilliert ein Boot der Küstenwache. Ein paar Taxifahrer warten auf Kunden, über dem inzwischen wieder sauberen Sand kreisen Möwen.Abdellah Mustafa führt ein improvisiertes Lager für Kinder und Frauen. Wie alle Bewohner von Ceuta ist er nach Wochen der Krise erschöpft.Reinigungskräfte räumen den Strand von Trampolin auf. Am selben Abend stehen hier erneut Zelte.Über der Stadt liegt eine tiefe MüdigkeitAm anderen Ende des winzigen Territoriums von Ceuta, das wie ein Dreieck ins Mittelmeer hineinragt, ist die Lage hingegen dramatischer. Zwar sind nach der Räumung Putzmannschaften in Schutzanzügen am Strand von Trampolín angerückt und haben den Müll weggeräumt.Doch am Abend stehen dort wieder Zelte. Hunderte Marokkaner stehen an, um sich beim Roten Kreuz eine Essensration zu ergattern. Andere liegen in den benachbarten Büschen oder im Sand.Viele Bewohner von Ceuta betrachten das Spektakel, das nicht enden will, mit Entsetzen. Ist das jetzt die neue Normalität, fragen sie sich. Verlieren sie möglicherweise ihre Stadt?Irgendwann gehen Gerüchte um, die spanische Polizei lasse die Migranten jetzt freiwillige Ausreiseerklärungen unterschreiben. Aber selbst damit würde es noch dauern, bis die Neuankömmlinge wieder weg wären.Nach Wochen der Krise liegt über der Stadt daher eine tiefe Müdigkeit. Als die Sonne im Meer versinkt, sind hinten am Horizont, jenseits des Wassers, die Silhouetten ferner Berge zu sehen.Es ist Spanien, das europäische Festland. Für die Migranten ist es ein Ort der Hoffnung, der derzeit unerreichbar scheint. Für viele Bewohner hier hingegen das Mutterland, das sie im Stich lässt. Ceuta, so scheint es, ist derzeit vor allem eines: die Stadt der Enttäuschten.Ein Mann betet am Strand von Trampolin. Jenseits des Meeres liegt das spanische Festland.Passend zum Artikel
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