Auf den Strassen Ceutas liefern sich die Polizei und Migranten Verfolgungsjagden. Die Bewohner haben Angst. Viele glauben, dass die Regierung in Marokko hinter dem Fiasko steckt.Spanien will Präsenz markieren. Polizisten und Soldaten patrouillieren in den Strassen der Küstenstadt Ceuta, Kolonnen von gepanzerten Fahrzeugen säumen die Zufahrt zum Grenzübergang nach Marokko. Noch vor zwei Tagen hatten dort bis zu 60 000 Migranten die Grenze überwunden und die spanische Exklave in den Ausnahmezustand versetzt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bewohner beschreiben die vergangenen Tage wie einen Angriff. «Wir sind zu Hause verbarrikadiert», erzählt die 57-jährige Turia Ashad al-Ouzghari. In der Nacht ziehen Migranten auf der Suche nach Wasser, Essen und einem Schlafplatz durch ihr Quartier, das nur wenige hundert Meter hinter der Grenze liegt. «Die Menschen sind unberechenbar, wenn sie Hunger und Durst haben», sagt sie. Die letzten Tage hat Turia Ashad al-Ouzghari kaum geschlafen. Und auch tagsüber hat sie, die selbst 1985 von Marokko nach Ceuta kam, Angst, ihr Haus zu verlassen. Sie hält die Wege kurz und besorgt nur das Nötigste.Turía Ashad El-Ouzghari, kam als junge Frau aus Marokko nach Ceuta. In diesen Tagen klopfen Landsleute in der Nacht an ihrer Tür und schlafen im Hauseingang. Alleine in ihrem Quartier versteckten sich noch Hunderte, die in der vergangenen Woche irregulär über die Grenze kamen..Mehr ist auch gar nicht möglich. Viele Läden öffnen nur zögerlich. Die Polizei hat kleine Geschäfte und Supermärkte am Freitag angewiesen, zu schliessen. Ausgenommen sind die grossen Supermärkte. Sicherheitskräfte kontrollieren dort den Einlass. Einige Kunden zeigen ihre Ausweise, als wollten sie beweisen, dass sie zur Stadt gehörten und nicht zu den Menschen, die in den vergangenen Tagen über die Grenze gekommen sind.Die Anspannung ist greifbar. Es kommt zu hitzigen Diskussionen, kleinen Scharmützeln zwischen den Bewohnern und den Migrantengruppen und plötzlichen Verfolgungsjagden. In der Altstadt verfolgen Polizisten und Geheimdienstbeamte in Zivilkleidung Migranten, um sie festzunehmen. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, das durch enge Gassen, über Plätze, durch Hauseingänge und sogar in Mülltonnen führt. Die Neuankömmlinge sind dabei leicht zu erkennen: Barfuss, in Badehose oder mit dreckigen T-Shirts ziehen sie durch die Strassen und suchen in der Hitze nach Schatten. Sie fragen nach Wasser, Essen und Internet, um nach Hause zu telefonieren.Ceuta kann und will die Migranten nicht aufnehmenEiner, der eisern Nein sagt, ist der 52-jährige Nebil Ali. Er hat einen Imbiss am Strand und schimpft: «Sie sind hier einfach eingefallen und wollen jetzt, dass wir ihnen alles gratis geben.» Es gebe Regeln, er müsse die Gesetze auch beachten. Zwei Tage blieb sein Geschäft geschlossen, 12 000 Euro habe er verloren, sagt Ali. Weil am 1. August die Monatslöhne für seine Angestellten fällig waren, schmerzt ihn das besonders.Dass er ihnen Grundlegendes verwehrt, dessen ist er sich bewusst. Klar habe er Mitleid, aber noch mehr Mitleid habe er mit seinen Angestellten. «Einigen muss ich vielleicht sagen, dass es nächsten Monat keine Arbeit für sie gibt, weil mir jetzt das Geld fehlt.»In Ceuta wiegt das besonders schwer. Die knapp 83 000 Einwohner der Stadt leben bescheiden. In keiner Region Spaniens gibt es so viele Arbeitslose wie hier.Viele der Neuankömmlinge merken inzwischen, dass Ceuta sie kaum aufnehmen kann. «Sie haben das nicht verdient, was hier passiert. Aber wir auch nicht», sagt die 62-jährige Guadalupe Daza Dominguez. Dominguez lebt seit ihrer Geburt in Ceuta. Einen Ausnahmezustand wie in den vergangenen zwei Tagen habe sie noch nie erlebt. Der Massenansturm im Mai 2021 mit rund 10 000 Migranten sei dagegen harmlos gewesen.Einen Ausnahmezustand wie in den vergangenen zwei Tagen hat Guadalupe Daza Dominguez, die in Ceuta lebt, noch nie gesehen.Das Innenministerium meldet am Wochenende, mehr als 50 000 der irregulär eingereisten Migranten seien bereits wieder nach Marokko zurückgekehrt. Doch die Zahl erzählt nur einen Teil der Geschichte. Sie unterschlägt jene, die geblieben sind. Und jene, die bereits vor dem Ansturm nach Ceuta kamen und bis heute auf eine Zukunft in Europa hoffen.Alte treffen auf neue MigrantenWährend die Polizei im Zentrum versucht, die Kontrolle zurückzugewinnen, haben es Tausende Migranten an den Rand der Stadt geschafft. Schätzungsweise mehr als 2000 von ihnen harren derzeit vor dem Centro de estancia temporal de inmigrantes (Ceti) aus, dem Erstaufnahmezentrum der Stadt. Im Innern ist längst kein Platz mehr. Offiziell bietet das Ceti etwa 500 Menschen Platz, nach Angaben der Stadtregierung leben dort inzwischen mehr als 700 Migranten. Die Polizei hat die Wartenden deshalb vom Eingang zurückgedrängt. Nun sitzen sie verstreut auf dem Hügel, liegen im Schatten von Mauern und Bäumen und warten.Vor dem Ceti verschwimmen die Bilder der vergangenen Tage. Es dominieren nicht mehr die Marokkaner, die zuletzt die Grenze überquerten, sondern Migranten aus Ländern südlich der Sahara und dem Nahen Osten. Sie kommen aus dem Sudan, Senegal, Mauretanien oder sind aus Lagern in Jordanien weitergezogen. Einige sind schon ein paar Wochen hier. Sie leben im Freien, in improvisierten Laubhöhlen oder Zelten aus Kleiderresten. Manche haben Monate oder gar Jahre auf die Chance gewartet, nach Europa zu gelangen. Oft brauchten sie mehrere Anläufe.«Beim letzten Mal hat mich die marokkanische Polizei irgendwo in der Wüste ausgesetzt», erzählt Saddam und zeigt Fotos auf seinem Handy. Vier Monate sparte der 36-jährige Palästinenser, bis er wieder genug Geld für einen neuen Fluchtversuch zusammenhatte. Insgesamt kostete ihn der Weg vom Flüchtlingslager in Jordanien bis nach Spanien rund 10 000 Dollar. «In Spanien, sagen sie, gebe es Arbeit und man bekomme schnell Papiere.»Der Palästinenser Saddam hat schon mehrmals versucht, nach Europa zu fliehen.Am frühen Donnerstagmorgen ging er an der marokkanischen Küste ins Wasser. Ein paar hundert Euro habe es ihn gekostet, dass die Polizei ihn nicht aufgehalten habe. Sieben Stunden später erreichte er Ceuta. Ein Schiff der marokkanischen Küstenwache habe ihn und die anderen Schwimmer zwar gesehen, aber nicht eingegriffen. Wenig später folgten Tausende weitere Menschen. «Da gab es Tote. Ich habe eine ertrunkene Frau und ein Kind gesehen», erzählt Saddam.Auf dem Hügel sitzen vor allem junge Männer. Die wenigen Frauen, die sich entlang einer Mauer zusammengetan haben, fallen sofort auf. Eine von ihnen ist die 18-jährige Selma. «Ich spiele gut Fussball. In Spanien kann ich damit berühmt werden», sagt sie. In Marokko werde ihr Traum nie wahr. Auf den Weg gemacht hat sie sich gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester. Am Donnerstag sahen sie auf Social Media, dass Menschen die Grenze praktisch ungehindert überquerten. Die Soldaten hätten sie passieren lassen. Jetzt wollen beide aufs spanische Festland.Drei junge marokkanische Flüchtlinge warten in Ceuta.Dass Ceuta genaugenommen nicht zum Schengenraum gehört und sie von hier kaum weiterreisen können, wissen viele nicht. Sie warten nicht nur seit Tagen auf Essen, Decken und medizinische Hilfe, sondern auch auf verlässliche Informationen.Trotzdem haben viele Angst, dass sie zurück nach Marokko gebracht werden. Denn das will niemand. «Dort gibt es kein Leben», sagt Karim. «Nur Armut und Langeweile.» Er war in einer Bar, als ein Mann vorbeigekommen sei und erzählt habe, die Grenze sei offen. Wer gehen wolle, könne gehen. Das habe sich herumgesprochen. Jetzt ist er hier – und wütend. «Marokko hat uns nur benutzt, um Spanien eins auszuwischen.» Der marokkanischen Regierung seien die Menschen egal. «Sie behandeln uns wie Kakerlaken», sagt er.Kein verlässlicher PartnerIn Ceuta festigt sich die Überzeugung, dass die Drahtzieher hinter dem Massenansturm in Rabat sitzen. König Mohammed VI. habe Spanien für den Besuch von Ministerpräsident Pedro Sánchez Mitte Juli in Algerien bestrafen wollen, glauben viele Bewohner. Andere vermuten, der Streit um die Austragung des Fussball-WM-Finals 2030 habe den Konflikt zusätzlich verschärft. Auch Sánchez’ lockere Migrationspolitik sorgt für Debatten. Ein eindeutiges Bild ergibt sich dabei jedoch nicht. In Ceuta, wo etwa die Hälfte der Bevölkerung muslimisch ist und entsprechend viele arabischstämmige Vorfahren haben, gehen die Meinungen auseinander.Eines eint fast alle: die Wut darüber, dass über das Schicksal ihrer Stadt offenbar eher in Rabat als in Madrid entschieden wird. Dass Sánchez Marokko dennoch als verlässlichen Partner bezeichnet, stösst vielen bitter auf. Zumal Rabat Ceuta und die spanische Exklave Melilla bis heute nicht als spanisches Territorium anerkennt. «Ceuta ist spanisch», sagen die Menschen hier. Dass ihre Stadt eines Tages Teil des marokkanischen Königreichs werden könnte, ist für sie unvorstellbar.Diese Botschaft greifen auch die Ultrarechten auf, die am Wochenende in verschiedenen Formationen vom Festland nach Ceuta reisen. Doch es gibt Widerstand gegen ihren Auftritt. Innerhalb kürzester Zeit versammeln sich am Samstag rund 200 Gegendemonstranten. Sie befürchten, dass die Krise von Rechtsextremen instrumentalisiert wird. Anders fällt der Empfang für Santiago Abascal aus: Der Chef der rechtspopulistischen Vox trifft am Sonntag in Ceuta ein und wird mit Applaus empfangen, als er Ministerpräsident Pedro Sánchez vorwirft, sich Marokko zu unterwerfen. Abascal fordert eine «permanente Militarisierung der Grenze».Der Grenzübergang zwischen Marokko und der spanischen Exklave Ceuta bei Tarajal.Letzte Zeugnisse des AnsturmsDie Bewohnerin Turia Ashad al-Ouzghari fürchtet, dass die Situation weiter eskaliert. Noch immer, erzählt sie, versteckten sich in und um ihren Wohnkomplex Hunderte Migranten. Bis Sonntagabend hätten weder Polizei noch Militär Anstalten gemacht, sie aufzugreifen. In der Nachbarschaft hätten die Bewohner deshalb selbst eingegriffen. «Sie haben sie mit Steinen, Schlagstöcken und sogar Waffen bedroht und vertrieben», erzählt sie. Währenddessen patrouillierten die Soldaten weiter am Grenzübergang.Am Strand wirkt die Lage inzwischen fast friedlich. Kinder haben das Ufer zurückerobert. Sie suchen nach Muscheln und Krebsen, streifen durch das flache Wasser und klettern über die Felsen. Überall liegen T-Shirts, Schuhe, Schwimmhilfen und Taschen. Sie zeugen noch vom Ansturm über die Grenze.Nur wenige Dutzend Meter vor der Küste fährt ein Polizeiboot langsam an der neu errichteten Grenzsperre entlang. Kleine Bojen treiben im Wasser. Taucher geben ein Zeichen. Dann bereiten die Einsatzkräfte weisse Planen vor. Langsam ziehen sie einen leblosen Körper aus dem Meer. Innerhalb einer Stunde am Samstagabend werden es vier. Am Montagmorgen melden die Behörden mindestens 72 Tote. Erwartet werden noch viele mehr.Passend zum Artikel