Eine Sonnenblende im Weltall soll dabei helfen, eine zweite Erde sichtbar zu machenExtrasolare Planeten werden von ihrem Stern überstrahlt. Eine Gruppe von prominenten Astronomen hat einen Vorschlag gemacht, wie sich das Sternlicht ausblenden liesse.15.03.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenFür die Beobachtung eines erdähnlichen Exoplaneten soll ein am Boden stationiertes Teleskop mit einem Sonnenschirm im All kombiniert werden.Visualisierung Ahmed Sohliman et alMan stelle sich ein Glühwürmchen vor, das auf der Motorhaube eines Autos sitzt. Dann blitzt in unmittelbarer Nachbarschaft ein Licht so hell wie 5000 Scheinwerfer auf. Von dem Glühwürmchen ist nichts mehr zu sehen. Es wird von dem gleissenden Licht überstrahlt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In einer ähnlichen Situation befinden sich Astronomen, die in anderen Sonnensystemen nach einer zweiten Erde suchen. Anders als Sterne leuchten Planeten kaum aus sich selbst heraus. Sie reflektieren zwar das Licht ihres Muttergestirns. Das Leuchten des Sterns ist aber im sichtbaren Spektralbereich zehn Milliarden mal so stark wie der Widerschein des Planeten. Wie das Glühwürmchen wird die zweite Erde also vom Stern in ihrer Nachbarschaft überstrahlt. Selbst mit zukünftigen Grossteleskopen wie dem Extremely Large Telescope (ELT) sind Planeten wie die Erde kaum zu erkennen.Ganz so aussichtslos, wie es scheint, ist die Situation allerdings nicht. In der Fachzeitschrift «Nature Astronomy» hat eine Gruppe von Astronomen kürzlich einen Vorschlag unterbreitet, wie sich der schwache Widerschein einer zweiten Erde mit Teleskopen wie dem ELT beobachten liesse. Der Clou ist ein riesiger Sonnenschirm im Weltall, der das gleissende Licht des Sterns ausblendet.Zu den Autoren der Veröffentlichung gehören die Physiknobelpreisträger John Mather vom Goddard Space Flight Center der Nasa und Michel Mayor von der Universität Genf, der 1995 den ersten extrasolaren Planeten entdeckte.Bilder von extrasolaren Planeten sind MangelwareAstronomen kennen heute über 6000 extrasolare Planeten. Die meisten davon wurden indirekt nachgewiesen – etwa durch die minimale Verdunkelung des Sterns, wenn ein Planet vor ihm vorbeizieht. Nur in wenigen Fällen ist es bisher gelungen, Exoplaneten mit Teleskopen direkt abzubilden.Man verwendet dazu sogenannte Koronografen. Das sind optische Elemente in der Kamera eines Teleskops, die das Sternlicht ähnlich wie bei einer Sonnenfinsternis ausblenden. Mit heutigen Koronografen lassen sich Planeten sichtbar machen, die von ihrem Stern um das Millionenfache überstrahlt werden. Das genügt, um junge, heisse Gasriesen abzubilden, die relativ weit von ihrem Zentralgestirn entfernt sind. Für eine zweite Erde in der Nähe des Sterns reicht dieser Kontrast aber nicht.Die mit dem Very Large Telescope gemachten Aufnahmen zeigen die Bewegung des Gasriesen Beta Pictoris b um sein Muttergestirn (verdeckt). Der Abstand zwischen den beiden entspricht dem Abstand zwischen Sonne und Jupiter.ESODie Idee, ein Grossteleskop auf der Erde mit einem Sonnenschirm im All zu kombinieren, sei bereits vor vielen Jahren entstanden, sagt Stefan Kimeswenger von der Universität Innsbruck. Er ist einer der Mitautoren der Publikation, in der dieses Konzept nun erstmals in allen Details durchgerechnet wird.Ein Sonnenschirm im Weltall blockiert das Sternlicht, bevor es auf das Teleskop trifft. Dadurch lassen sich höhere Kontraste erzeugen als mit einem Koronografen im Teleskop. Entscheidend ist die Form des Sonnenschirms. Würde man eine kreisrunde Scheibe im All platzieren, wäre das am Rand gebeugte Licht fast so hell wie der Stern. Deshalb schlagen Kimeswenger und seine Mitautoren einen 99 Meter grossen Schirm vor, der an eine Sonnenblume mit 48 spitz zulaufenden Blütenblättern erinnert.Um das Licht eines Sterns effektiv auszublenden, muss der Schirm in einer Höhe von 200 000 Kilometern um die Erde kreisen. Das entspricht ungefähr dem halben Abstand zum Mond. Entscheidend ist, dass die Sonnenblende immer genau zwischen dem Teleskop und dem Stern steht. Mehr als zwei Meter Abweichung liegen nicht drin.Die Unruhe der Luft macht Bilder unscharfMit einer Sonnenblende allein ist es allerdings nicht getan. Jedes Teleskop am Boden hat mit Turbulenzen in der Luft zu kämpfen. Die verzerren die Wellenfronten des einfallenden Lichts und führen zu verschmierten Bildern von astronomischen Objekten. Moderne Teleskope sind deshalb mit einer adaptiven Optik ausgestattet, die die Störungen der Wellenfronten teilweise kompensiert.Die Simulationen von Kimeswenger und seinen Mitautoren zeigen: Im Falle des Extremely Large Telescope würde die Kombination aus Sonnenblende und einer guten adaptiven Optik ausreichen, um ein Analogon unseres Sonnensystems in einer Entfernung von 55 Lichtjahren abzubilden – inklusive der Erde und der Venus.Die Simulation zeigt, wie das Extremely Large Telescope in Kombination mit einer Sonnenblende ein Analogon unseres Sonnensystems sehen würde.Visualisierung Kimeswenger / Universität InnsbruckMit dem Hybrid Observatory for Earth-like Exoplanets (HOEE) könnte man im reflektierten Licht des Planeten auch die Spektrallinien von Sauerstoff und Wasserstoff nachweisen. Auf diese Weise liesse sich untersuchen, ob es auf einer zweiten Erde lebensfreundliche Bedingungen gibt.Eines der grössten Mankos der fliegenden Sonnenblende ist, dass sie den Stern nur für wenige Stunden bedeckt. Danach muss die Umlaufbahn des Satelliten so verändert werden, dass die Blende das Licht eines anderen Sterns blockiert. Das kostet Treibstoff. Der Satellit müsse regelmässig im Weltraum betankt werden, sagt Kimeswenger. An entsprechenden Technologien werde derzeit gearbeitet.Kimeswenger schätzt, dass der Bau der Sonnenblende fünf Milliarden Euro kostet. Damit wäre sie etwa fünfmal so teuer wie das ELT, aber nur halb so teuer wie das James-Webb-Teleskop. Das klinge abschreckend, gibt Kimeswenger zu. Im Vergleich zu anderen Vorschlägen sei das aber immer noch relativ günstig. Er verweist auf das Habitable Worlds Observatory, das als Nachfolger für das James-Webb-Teleskop im Gespräch ist. Dieses Weltraumteleskop müsste einen grösseren Spiegel als das James-Webb-Teleskop haben, um in der Atmosphäre von extrasolaren Erden nach lebensfreundlichen Molekülen suchen zu können.Die adaptive Optik ist noch nicht ausgereiztAls Idee finde er die Sonnenblende im Weltall spannend, sagt der Planetenforscher Sascha Quanz von der ETH Zürich. «Wenn ich Exoplaneten direkt im sichtbaren Licht abbilden möchte, würde ich das Geld aber lieber am Boden investieren.» Die Möglichkeiten, die atmosphärisch bedingten Störungen des Lichts durch eine adaptive Optik zu kompensieren, seien noch nicht ausgereizt.Derzeit werde an Systemen geforscht, die extrem scharfe Bilder erzeugten. Kombiniere man diese extreme adaptive Optik mit einem internen Koronografen, könnte der Kontrast gerade ausreichen, um extrasolare Erden mit dem Extremely Large Telescope oder einem anderen Grossteleskop auf der Erde zu untersuchen. Vor 2040 stünden solche Systeme aber kaum zur Verfügung, so Quanz.Vor 2045 dürfte auch die Sonnenblende im Weltraum nicht zu realisieren sein. In den USA herrsche derzeit ein wissenschaftsfeindliches Klima, sagt Kimeswenger. Da hätten es astronomische Grossprojekte schwer. Und auch die ESA sei kaum in der Lage, ein derart teures Projekt allein durchzuführen. Internationale Organisationen für das Projekt zu gewinnen, brauche einen langen Atem.Das Bild einer zweiten Erde? Bis auf weiteres bleibt es ein Wunschtraum.NZZ Live-Veranstaltung: Von Science-Fiction zur Realität: Lebensraum Weltall? Mit der NASA Mondmission Artemis reisen Menschen weiter in den Weltraum vor denn je zuvor. Wie realistisch ist die Kolonialisierung anderer Planeten tatsächlich? Ein Gespräch mit Thomas Zurbuchen und Rabea Rogge. Dienstag, 30. Juni 2026, 20.00 Uhr, Kaufleuten, Zürich Tickets und weitere Informationen finden Sie hierEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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