Eine Firma will mit Weltraumspiegeln die Sonne auch nachts scheinen lassen – zum Entsetzen von Astronomen weltweitDas Startup Reflect Orbital will Tausende von Satelliten ins All bringen und damit Sonnenlicht auf die Schattenseite der Erde lenken. Dann könnten Solarpanels rund um die Uhr Strom erzeugen. Das bedroht ein ganzes Forschungsgebiet.19.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenMit Weltraumspiegeln will das amerikanische Startup Reflect Orbital Sonnenlicht bei Nacht auf Bestellung liefern. Astronomen fürchten, dass das ihre Aufnahmen des Nachthimmels unmöglich machen würde.PDBen Nowack arbeitet als Ingenieur für eine Lieferdrohnenfirma, als ihm die Idee kommt. Er schaut sich gerade ein Video über das Projekt Desertec an, bei dem Solarstrom von der Sahara nach Europa transportiert werden soll, als ihm klar wird: Sonnenlicht ist ein Rohstoff, der sich wie Erdöl von A nach B verfrachten lässt. Damit kann er Geld verdienen! Ein paar Denkschritte später sei er in Gedanken schon bei riesigen Spiegeln angelan+gt, die Sonnenlicht aus dem Weltraum auf die Schattenseite der Erde lenkten, erzählt Nowack in einem Podcast.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit seinem Startup Reflect Orbital baut der 30-jährige Amerikaner Nowack eine Art Exportfirma für Sonnenlicht aus dem Weltraum auf. In einer ersten Finanzierungsrunde hat er mehr als 20 Millionen Dollar von namhaften Investoren aus dem Silicon Valley eingesammelt.Aber Nowacks Traum könnte teure Teleskope auf der Erde unbrauchbar machen und das Ende der bodengestützten optischen Astronomie bedeuten.Nachtsonne für 5000 Dollar pro StundeNowack will quasi die Nacht zum Tag machen, und zwar mit Tausenden von Satelliten, die mittels dünner, leichter Segel aus Kunststoff das Sonnenlicht aus Hunderten Kilometern Höhe nach unten reflektieren sollen. Nutzer sollen mit einem Klick in einer Smartphone-App das Licht dieser künstlichen Monde bestellen können. Anfangs soll der Dienst nur bis zu zwei Stunden nach Sonnenuntergang und vor Sonnenaufgang verfügbar sein. Langfristig aber über die ganze Nacht. Letzte Woche hat Reflect Orbital die Lizenz für den ersten Testsatelliten erhalten. Der soll noch bis Ende Jahr in Betrieb gehen.Nowacks Idee, die Nacht mit Sonnenlicht zu fluten, soll Solarkraftwerke auch nach Sonnenuntergang am Laufen halten und somit das Hauptargument der Gegner der Photovoltaik nichtig machen. Die Weltraumspiegel könnten auch die Strassenbeleuchtung in Städten ersetzen oder Rettungskräften und dem Militär bei Nachteinsätzen helfen, damit wirbt Reflect Orbital auf seiner Website. Die Firma will für die «Nachtsonne» 5000 Dollar pro Stunde in Rechnung stellen. Bereits mehr als 150 000 potenzielle Abnehmer aus 175 Ländern sollen nach Angaben des Unternehmens Interesse bekundet haben.Aber die Idee der Weltraumspiegel erntet auch viel Kritik. Experten und Umweltschützer weisen darauf hin, dass sie den Tag-Nacht-Rhythmus von Menschen und anderen Lebewesen durcheinanderbringen würden – mit negativen Folgen für Gesundheit und ökologische Gleichgewichte. Nowacks Pläne stossen vor allem bei Astronomen auf entschiedenen Widerstand. Sie fürchten, das für sie wertvollste Gut endgültig zu verlieren: den ungestörten Nachthimmel. Und sie weisen darauf hin, dass besonders wichtige Teleskope betroffen wären – nämlich jene, die nach Asteroiden Ausschau hielten, welche sich auf einem Kollisionskurs mit der Erde befinden könnten.«Ich mag dieses Projekt überhaupt nicht», sagt der belgische Astronom Olivier Hainaut von der Europäischen Südsternwarte (ESO) in Garching bei München. Er hat in einer Studie ausgerechnet, was für verheerende Auswirkungen die spiegelnden Satelliten von Reflect Orbital auf optische Teleskope am Boden hätten.Der Nachthimmel würde bis zu viermal so hell«Jeder dieser Satelliten würde so hell erscheinen wie die Venus, die nach dem Vollmond das zweithellste Objekt am Nachthimmel ist», erklärt Hainaut. Reflect Orbital verspricht, dass seine Satelliten am Boden einen Lichtfleck von rund fünf Kilometern Durchmesser erzeugen werden. Die Firma versichert zudem, mit ihren künstlichen Sonnenstrahlen die Nähe von Sternwarten zu meiden. Aber Hainaut weist mahnend darauf hin, dass man hier wohl kaum von perfekten Spiegeln ausgehen könne. Seitlich gestreutes Licht würde auch Hunderte Kilometer neben dem Hauptstrahl auf die Erde treffen.Die von den Spiegeln reflektierten Sonnenstrahlen würden aber auch ganz generell den Nachthimmel aufhellen, weil die Lichtstrahlen von der Atmosphäre gestreut werden. Wie gross dieser Effekt sein werde, hat Hainaut in seiner Studie beziffert. Selbst über den Alpen würde der Nachthimmel laut Hainauts Berechnungen so hell erscheinen wie über einer Kleinstadt. «Mein Verdacht ist, dass Reflect Orbital diesen Effekt gar nicht berücksichtigt hat», sagt der ESO-Astronom.Lichtstreifen durchkreuzen den Nachthimmel über dem Very Large Telescope der Europäischen Südsternwarte in der chilenischen Atacama-Wüste. Die Aufnahme entstand im Oktober 2025, nach einer Belichtungszeit von einer Stunde. Nur wenige farbige Streifen gehen auf Flugzeuge zurück; der Grossteil der Streifen stammt von Satelliten.ESODie Internationale Astronomische Union empfiehlt für Sternwarten nur Standorte, an denen Lichtverschmutzung den Nachthimmel um höchstens zwei Prozent aufhellt. Zehn Prozent Lichtverschmutzung sind gerade noch akzeptabel. Bis 2030 plant Reflect Orbital 5000 Spiegel im All. Hainaut hat berechnet, dass sie den Nachthimmel um zwanzig Prozent aufhellen würden.Sollte bis 2035 wie vorgesehen die gesamte Konstellation aus 50 000 Spiegelsatelliten in Betrieb gehen, würde das den Nachthimmel laut Hainaut drei- bis viermal so hell machen wie bei vollkommener Dunkelheit. Die Lichtverschmutzung würde dann eine ganze Reihe lichtschwacher Objekte am Himmel überstrahlen.So viel heller würde der Nachthimmel über dem Very Large Telescope der ESO in Chile wegen der Weltraumspiegel von Reflect Orbital. Links eine Aufnahme während einer mondlosen Nacht im Mai 2026. Rechts eine Simulation für den Fall, dass alle 50 000 geplanten Satelliten von Reflect Orbital um die Erde kreisen.ESO/Olivier HainautVon Wunderwaffe der Nazis zu Pepsi-Werbung über RusslandBen Nowack ist nicht als Erster auf die Idee von Weltraumspiegeln gekommen. Bereits in den 1920er Jahren phantasierte der deutsche Raketenforscher Hermann Oberth darüber in einem populärwissenschaftlichen Buch.Zwei Jahrzehnte später setzten die Nazis ein Team von Ingenieuren auf die Entwicklung der Technik an. «Hitler stellte sich vor, damit eine ‹Wunderwaffe› zu bauen. Die Arbeiten begannen aber zum Glück erst im Jahr 1944, als Deutschland bereits in der Defensive war», sagt der Astrophysiker Miles Timpe. Er forscht an der Universität Zürich und dem Collegium Helveticum über Nachhaltigkeit im Weltraum.Krafft Arnold Ehricke, ein anderer deutscher Raketenbauer, der inzwischen in die USA emigriert war, verfolgte die Idee auch nach dem Krieg weiter. Er schlug sie Ende der siebziger Jahre vor dem Hintergrund der ungewöhnlich kalten Winter vor, die in nördlichen Breiten durch Nachtfrost zu Ernteausfällen führten. Damals machten sich manche Klimaforscher Sorgen, es könne auf der Erde zu einer spürbaren Abkühlung kommen. Die Weltraumspiegel wurden als Geoengineering-Lösung erwogen.Im Jahr 1993 gelang Russland mit dem Satelliten Znamya-2 der erste erfolgreiche Test eines Weltraumspiegels. Der Lichtstrahl mit einem Durchmesser von 5 Kilometern huschte mit acht Kilometern pro Sekunde über Südfrankreich und die Schweiz bis nach Russland. Der Satellit verglühte wenige Stunden später über Kanada. Der Folgetest misslang; Russland gab das Projekt danach auf.Aber noch im Jahr 2019 wollte der Getränkehersteller Pepsi mit einem russischen Startup Weltraumspiegel nutzen, und zwar, um Werbebotschaften am Nachthimmel zu platzieren. Zu den Annoncen aus dem All kam es aber nie.Bessere Alternativen für Solarenergie aus dem AllNun kehren die Weltraumspiegel zurück. Dass Reflect Orbital sie unter anderem als Booster der Solarenergie verkauft, mag als cleveres Marketing durchgehen. Miles Timpe hält aber nichts davon. Es gebe inzwischen bessere Technologien, um Sonnenenergie im Weltraum zu ernten und zur Erde zu schicken, ohne dabei den Nachthimmel mit sichtbarem Licht zu stören. Der Facebook-Konzern Meta hat kürzlich etwa eine Partnerschaft mit einem Startup angekündigt, das Sonnenlicht aus dem All als Infrarotstrahlung auf Solaranlagen auf der Erde senden will. Das Vorhaben von Reflect Orbital drohe nur diese Alternativen und den Ruf der weltraumgestützten Solarenergie zu schädigen, gibt Timpe zu bedenken.Auch eine militärische Nutzung der Weltraumspiegel sieht Timpe mit Skepsis. Gerade weil die amerikanische Armee bei Nachtsichttechnologie anderen Ländern voraus sei. Schlachtfelder von oben zu beleuchten, würde nur ihren Feinden etwas nützen.Mehr als 100 000 Satelliten verträgt die Astronomie nichtFür die Astronomen geht das Ringen um den Nachthimmel derweil weiter. Sie kämpfen seit langem mit den Lichtstreifen, die Satelliten von Firmen wie Starlink in den Nachthimmel zeichnen. Bisher hält sich der Schaden in Grenzen. Denn obwohl Satelliten astronomische Aufnahmen immer häufiger «fotobomben», lassen sich die unerwünschten Lichtstreifen noch bei der Analyse von Teleskopdaten entfernen.Das ist auch den Mühen der Satellitenfirmen zu verdanken. Laut dem ehemaligen Nasa-Astronomen Anthony Mallama erscheinen die neuesten Starlink-Satelliten nur halb so hell wie jene der ersten Baureihe, obwohl sie tiefer über der Erde ihre Kreise ziehen. Starlink habe dafür gesorgt, dass sowohl die Satelliten selbst wie auch deren Solarpanels möglichst wenig Licht zur Erde lenkten. Trotzdem sind die Starlink-Satelliten immer noch mit blossem Auge sichtbar und für die astronomische Forschung ein Störfaktor. Das gilt übrigens auch für sämtliche Starlink-Konkurrenten ausser für einige Satelliten des britischen Internetdienstes One Web. Diese kreisen in 1200 Kilometer Höhe um die Erde – weiter entfernt als alle anderen Internetsatelliten.Das Problem wird sich nur noch verschärfen, wenn alle zurzeit geplanten Satellitenkonstellationen den erdnahen Orbit bevölkern. Rund 1 700 000 Satelliten sollen in den nächsten Jahren um die Erde kreisen, davon eine Million allein für die orbitalen Rechenzentren von Elon Musks Firma SpaceX. Für Olivier Hainaut sind das zu viele. Laut seinen Berechnungen würden schon rund 100 000 Satelliten im erdnahen Orbit das Ende der bodengestützten Astronomie bedeuten. Und das selbst dann, wenn sie nicht einmal mit blossem Auge sichtbar wären.So viele Satelliten wären zwei Stunden nach Sonnenuntergang über dem Very Large Telescope der ESO sichtbar, wenn die geplanten eine Million SpaceX-Satelliten in Betrieb gehen würden. Orange sind Satelliten, die an den dunkelsten Orten auf der Erde mit blossem Auge sichtbar wären. Davon gäbe es rund 2000. Rot sind noch hellere Satelliten, die auch über Kleinstädten zu sehen wären (über 200 an der Zahl).Olivier R. HainautEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Weltraumspiegel: Solarstrom aus dem All oder das Ende der Astronomie?
Das Startup Reflect Orbital will Tausende von Satelliten ins All bringen und damit Sonnenlicht auf die Schattenseite der Erde lenken. Dann könnten Solarpanels rund um die Uhr Strom erzeugen. Das bedroht ein ganzes Forschungsgebiet.














