Die leichte Schulterrotation kündigt an, dass es schon wieder passiert: Die Seminarteilnehmerin greift in ihre Hosentasche, der Blick wandert unter den Tisch, die Lippen pressen sich zu einem Strich. Sie schaut aufs Telefon. In der Pause spricht die Dozentin sie an. Ihre Sorge: Die Teilnehmerin langweilt sich. Was wirklich passiert: Der Vorgesetzte schickt ihr den ganzen Tag über kleine Aufgaben und Rückfragen. Die Nachrichten beginnen mit den Worten „ganz kurz nur“.Anzeige

Die Dozentin ist eine Freundin von mir, und sie kennt das. Ich kenne das auch. Die meisten Menschen kennen das: Wollen sie sich weiterbilden, dann ist das Arbeitszeit. Und damit sind sie erreichbar. Dabei sollte genau das Gegenteil der Fall sein. Wer lernen will, der benötigt einen geschützten Raum. Können sie den nicht bieten, dann stellen sich Führungskräfte auf eine Stufe mit Kleinkindern. Deren Fragen können auch nicht warten.

Doppelter Stress und kein Lerneffekt

Setzen wir das Gehirn unter Stress, dann hat es anderes zu tun, als neue Erinnerungen zu bilden. Es mag lediglich eine emotionale Verknüpfung entstehen: Weiterbildung + ständige Anfragen = doppelter Stress + kein Lerneffekt.Anzeige

Als Referentin kann man schon zur Mittagszeit des ersten Tages sehr genau vorhersagen, wer am Ende etwas gelernt haben wird. Es sind die Menschen, deren Telefone noch nie zu sehen waren. Wenn sie ihre Lippen zusammenpressen, dann folgt eine interessierte Frage. In den Pausen stellen sie sich ihren Sitznachbarn vor. Sie stellen Fragen und formen die Lerneinheiten damit. Als Dozentin ist das großartig, weil diese Menschen die Verantwortung dafür übernehmen, dass das Seminar sich mit ihren Anliegen befasst.